In Berlin gibt es mehrere Obdachlosenzeitungen, die von den Obdachlosen in der U-Bahn verkauft werden. Eine heißt Straßenfeger, eine andere Motz . Am Anfang habe ich fast immer eine gekauft. Man gibt einen Euro, fünfzig Cent davon kriegt der Verkäufer. Pro Monat habe ich zwischen zwei und vier Obdachlosenzeitungen erworben.

Dann wurden es immer mehr Obdachlose. Bei einer einzigen Fahrt vom Zoo zum Alexanderplatz konnte es passieren, dass hintereinander drei Obdachlose einstiegen. Sie halten eine kurze, auswendig gelernte Rede, in der sie ihr Schicksal schildern und das Prinzip der Zeitung erklären. Wenn man sich wegdreht, gehen sie weiter, sie sind nicht aggressiv. Die Obdachlosen stehen neuerdings auch samstags vor dem Supermarkt oder laufen am Bahnhof auf den Bahnsteigen umher. Es werden immer mehr. Viele Leute geben den Obdachlosen 50 Cent und sagen, dass sie die Zeitung behalten können. Man hat sowieso keine Zeit, sie zu lesen. Das Prinzip der Obdachlosenzeitung wird damit natürlich ad absurdum geführt, denn deren Sinn soll ja gerade darin bestehen, dass der Obdachlose einem nicht in der demütigenden Position des Bettlers entgegentreten muss, sondern in der Position eines Händlers. Es ist ein Pseudohandel, bei dem es darum geht, dass der Obdachlose seinen Stolz nicht verliert.

Es sind zu viele geworden. Eigentlich könnte ich immer noch jede Zeitung kaufen, die mir angeboten wird, dann würde ich im Monat vielleicht 40 Euro für Obdachlosenzeitungen ausgeben, das könnte ich mir leisten. Aber es gibt bei den meisten eine innere Investitionsgrenze. Ich kaufe auch nie zwei Zeitungen hintereinander. Im Grunde verhalte ich mich so, als ob die Fiktion – die Obdachlosenzeitung ist eine echte Ware – der Wahrheit entspräche. Denn wenn ich am Kiosk die Süddeutsche gekauft habe, um sie in der U-Bahn zu lesen, kaufe ich auch nicht gleich am nächsten Kiosk die Welt.

Man sieht die Obdachlosen inzwischen auch an den Flaschencontainern. Einmal habe ich einen beobachtet, einen Mann in meinem Alter, der sich ein Werkzeug gebastelt hatte, eine Art Drahtschlinge, mit der er in den Containern nach Pfandflaschen geangelt hat. Ich stelle aber fest, dass ich die Obdachlosen weniger bemerke, seit es so viele sind. Das ist wohl eine natürliche Reaktion. Je mehr Elend es gibt, desto weniger fällt es auf. Außerdem bemerke ich, dass es von meiner Laune abhängt, ob ich eine Obdachlosenzeitung kaufe oder nicht. Und es hängt von der Performance des Verkäufers ab. Ich kaufe eher bei Älteren, weil deren Lage mir hoffnungsloser vorkommt, und selten bei Verkäufern mit Akne, weil ich denke, dass die Akne eine Folge des Drogenkonsums ist und dass sie sich von ihren Einnahmen eh Drogen kaufen. Als ob mich das etwas anginge.

Einmal habe ich einen alten Mann angesprochen, der einen Koffer mit der Aufschrift "Frag mich nach Jesus" bei sich trägt und mit seinem Koffer in Berlin pausenlos U-Bahn fährt. Ich habe nicht nach Jesus gefragt, sondern Small Talk übers Wetter betrieben, der Mann redete vernünftig und war sichtlich erfreut über das kleine Schwätzchen. Einen Obdachlosen habe ich noch nie angesprochen. Irgendwie habe ich Angst davor.