DIE ZEIT: Herr Schlingensief, die Zeit von Kanzler Gerhard Schröder scheint allmählich abzulaufen. Dramaturgisch betrachtet: War er eine Fehlbesetzung?

Christoph Schlingensief: Nein, er war die richtige Besetzung. Man muss sich ja mal erinnern, dass er uns von Helmut Kohl erlöst hat. 16 Jahre Kohl, was war das zum Teil für eine furchtbare Zeit! Schröder war die richtige Figur, aber zur falschen Zeit. Als er kam, 1998, zur Zeit der New Economy, dachte man doch, jetzt ist die Zeit der Manager, und der kann das. Da war die New Economy in Wirklichkeit schon am Ende, bloß wussten wir das noch nicht.

ZEIT: Schröders Ausruf der vorzeitigen Neuwahlen war der Versuch, sich noch mal als Held zu inszenieren. Warum hat es nicht funktioniert?

Schlingensief: Ich finde, der hat nichts von einem Helden. Für mich ist er ein 68er, der noch mal seine dicken Eier zeigen wollte. Ich kann ihn nicht mehr ertragen. Wenn jetzt alle die CDU so toll finden, dann soll die jetzt von mir aus mal vier Jahre lang den Arsch hinhalten.

ZEIT: Was hat Schröder falsch gemacht?

Schlingensief: Zum Erkenntnisprozess gehört Zeit. Und die Zeit, die geben wir uns nicht, die gibt Schröder uns nicht. Er bricht einfach ab. Schröder hat es nicht geschafft, eine Geschichte zu erzählen oder Bilder zu produzieren. Denken Sie an dieses schreckliche Foto aus dem letzten Wahlkampf, da sitzt der Kanzler, in so einem komischen Ölton gehalten, am nächtlichen Schreibtisch. Es sah aus wie ein Abschiedsgemälde, die letzten Stunden im Bunker, oben knallt’s schon. Hat das nicht der Eichinger dann nachgedreht? Na ja, jedenfalls hab ich damals bei der SPD angerufen und gefragt, warum macht ihr so schreckliche Wahlplakate? Da dachte ich noch, dass man etwas hätte machen können.

ZEIT: Was wäre heute ein treffendes Bild?