wasser Im Visier der Wasserpolizei

Amerikas Südwesten steht vor dem Notstand. Sogar Blumengießen wird kontrolliert

Arizona/USA

Der Glen Canyon Damm zählt zu den Wunderwerken amerikanischer Ingenieurkunst, und deshalb steht hoch über der gewaltigen Staumauer ein Besucherzentrum. Durch die Glasfront fällt der Blick auf eine Landschaft, deren Erhabenheit sich niemand leicht entziehen kann. In der Ferne leuchten lavarot die schroffen Tafelberge über dem berühmten Monument Valley, und vor dem geistigen Auge, trainiert durch tausend Hollywood-Western, reiten ein paar Indianer durch die Wüstenei. Bis zum Horizont sind weder Haus noch Baum zu sehen. Nur Felsen, die sich zu Schluchten formen. Und saphirblaues Wasser, dem der Staudamm den Weg versperrt. Dieser See ist der kühle Diamant des heißen Südwestens, sein Wasserspeicher und sein Lebensspender. Lake Powell gilt als machtvolles Symbol für den menschlichen Willen, sich die Wüste untertan zu machen.

Wer einen zweiten Blick auf die majestätische Szenerie wirft, kann ein paar störende Details entdecken. Dem ungeübten Blick des Besuchers hilft Lisa Dittman auf. Sie trägt die grüne Uniform der Park Ranger und am Hemd einen tropfenförmigen Aufkleber, auf dem steht: »Wasser sparen!« Mit der Hand weist sie durch die Fensterfront hinaus in die Ferne der Schlucht und sagt: »Schauen Sie, der Wasserstand.« Hinter der Staumauer am Rand des Sees steigen die Felsen lotrecht aus dem Wasser auf. Doch oberhalb der Wasserlinie ist der Stein nicht beige und auch nicht lavarot. Er wirkt ausgebleicht. Mineralien haben sich abgelagert wie Schmutzringe in einer Badewanne, aus der das Wasser abgelassen wurde. Irgendwer scheint den Stöpsel gezogen zu haben. »45 Meter unter normal«, sagt Ranger Dittman. Noch nie haben Menschen hier so einen niedrigen Wasserstand gesehen.

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Die Berichterstattung der Medien nimmt einen apokalyptischen Ton an

Dittman steht vor einem zimmergroßen Modell von Lake Powell, der in natura 300 Kilometer lang ist. Oder besser: lang war. Die Nachbildung zeigt einen Idealzustand. Zwei Drittel des Wassers sind verschwunden. Nun erzählt Dittman den Besuchern von all den neuen Inseln und Stränden, all den Felsformationen und Minicanyons, die trockenen Fußes zu entdecken sind. Drüben, an der Bootsanlegestelle, haben sie zuletzt jährlich die Rampe verlängert, hundert Meter Beton pro Saison. »Wasser jagen«, heißt die Asphalt-Strategie im Volksmund. Aber was, wenn dem Fluss, der Amerikas zweitgrößten Stausee speist, das Wasser ausgeht?

Der Colorado River ist nicht irgendein Fluss, sondern Lebensader von sieben Bundesstaaten, zwei mexikanischen Provinzen und 34 Indianerstämmen, zusammen 30 Millionen Menschen. Sein Wasser tröpfelt einem Landstrich Leben ein, der fast doppelt so groß ist wie die Bundesrepublik. Aber seit sechs Jahren sucht den Westen eine epochale Dürre heim. Nur einmal, im vergangenen Winter, hat es in den Rocky Mountains normal geschneit, und deshalb ist der Wasserspiegel bis Juli um rund 15 Meter gestiegen. Das schafft eine Atempause. Doch wie lange wird es dauern, bis der See wieder voll läuft? So lange wie nach dem Bau der Staumauer? 10 Jahre oder gar 15? Und was, wenn die Dürre immer weiter geht? Dann könnten in drei oder vier Jahren die Wasserhähne von Las Vegas und Phoenix, von Flagstaff und Tucson trocken fallen. Amerikas Südwesten steht kurz vor einem Notstand. Die Berichterstattung der US-Medien nimmt einen apokalyptischen Ton an. »Der letzte Tropfen« nannten die Rocky Mountain News ihre Serie über die Versorgungsprobleme Colorados.

Trockenphasen mag diese Gegend schon früher ertragen haben, von 1933 bis 1940 etwa. Aber damals war der Südwesten nicht nur wüst, sondern auch leer. Es gab kaum Menschen, weil es keine Staudämme und keine Klimaanlagen gab. Seither hat eine Völkerwanderung eingesetzt. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Bevölkerung verzehnfacht. Nicht mehr mit dem Planwagen kommen sie, sondern mit Umzugscontainern. Und mit jedem Zuwanderer steigt der Wasserverbrauch.

Forscher haben anhand von Baumringen die Dürrezyklen der vergangenen 800 Jahre untersucht. Danach sind die relativ feuchten Perioden im 20. Jahrhundert die Ausnahme. Der Südwesten scheint mitten in einer Feuchtphase urbanisiert worden zu sein. Womöglich sei die Verstädterung eine »kolossale Fehlkalkulation« gewesen, unkt die New York Times. Das Land des Überflusses stehe vor einer Wegscheide, weil in seiner dynamischsten Region die wichtigste Ressource knapp werde. Plötzlich stellen sich »unamerikanische« Fragen: Wie gehen Kapitalismus und Knappheit zusammen? Wie sieht Sparsamkeit in den Farben Amerikas aus?

Reese Woodling hat die Veränderungen auf seiner eigenen Ranch beobachtet. 1974 kaufte er 1100 Hektar an der Grenze zu New Mexico. Dort oben, im Hochland, wächst immerhin Gras. Im Winter kommen Wetterfronten vom Pazifik herüber. »Schöner, sanfter Regen ist das«, sagt Woodling, »danach kann man Büsche und Sträucher ausschlagen sehen.« Den Kühen nutze das nichts. Die brauchten Sommerregen. Nur die monsunartigen Güsse, die vom Golf von Mexiko herüberkommen, ließen das Gras wachsen. »Fantastisch zu sehen, was die Natur kann«, sagt Woodling. Doch in den späten neunziger Jahren erreichte der Monsunregen Arizona kaum noch. Woodling bemerkte, wie der Bach vor seinem Haus nicht mehr zehn Monate Wasser führte, sondern nur noch acht, später sogar trocken fiel. Morgens trat Woodling vor die Tür, spürte aber keinen Frühtau mehr durch seine Cowboy-Boots. »Da wurde mir klar, dass wir ein Problem haben«, erinnert er sich. Allmählich siegte auf dem Ranchland die Erosion. Seinem Vieh bekam die Dürre nicht. Die Kühe wurden immer dünner. Woodling reduzierte die Herde auf 400 Tiere. Zuletzt musste er Futter zukaufen. Der Zusammenhang war klar: »Kein Regen, kein Gewinn.« Vergangenes Jahr verkaufte er die Ranch und zog aus der Steppe in die Wüste.

Heute kann man Woodling in einem Vorstadtbungalow von Tucson antreffen. Ein stattlicher Mann öffnet die Haustür, seine Hände sind Pranken, seine 69 Jahre sieht man ihm nicht an. Er führt durchs Haus direkt in den Innenhof, wo den Gast ein Blumenmeer erwartet. »Ich weiß, das ist nicht konsequent«, sagt Woodling, »aber ich liebe Rosen, und meine Wasserrechnung ist moderat.« 17 Dollar im vergangenen Monat, da kann man schon mal Blumen wässern.

Tucson liegt mitten in der vielleicht vielfältigsten Wüste der Welt. Im Frühjahr verwandelt sie sich in ein Blütenmeer. In keinem Vorgarten darf der riesige Säulenkaktus fehlen, das Wahrzeichen Arizonas. So wundersam schön ist es, dass Tucson Ziel einer Völkerwanderung geworden ist. Alle paar Jahre verdoppelt sich die Einwohnerzahl der Region. Schon 850000 Menschen leben hier in einer wuchernden Vorstadt aus Einfamilienhäusern, Tankstellen und Shopping-Malls. Die Leute kommen, denn hier gibt es Wärme, Jobs und Wasser aus dem Hahn. Die Neuankömmlinge merken zunächst nicht, dass der Bevölkerungsboom die Landschaft verändert. Tucson wurde einst gegründet, weil der Santa Clara River Leben spendete. Seit Jahrzehnten schon ist der Fluss ausgetrocknet, eine braune Lehmpiste für Motocross-Fahrer. Wo Wasser verschwindet, verschwinden die Tiere; zuerst die Zugvögel, dann die Kaninchen und die Klapperschlangen, die Koyoten und die Berglöwen. Sie alle tauchen in den Vorgärten wieder auf, denn sie riechen das Wasser. Jedes fünfte Haus hat einen Swimmingpool. Die Wüstensiedler wehren sich, indem sie Blumenmeer und Schwimmbad durch Mauern absichern.

Immerhin schwimmt Tucson auf einem riesigen Grundwassersee. Wie in einer unterirdischen Kiesgrube sammelt sich dort das Wasser seit Jahrtausenden. Dieser Verführung sind die Siedler erlegen. Sie bohren ihren Schatz an und entnehmen seit 1940 mehr als nachfließt. Damals begann der Bevölkerungsboom aber erst. Inzwischen ist der Wasserspiegel um 61 Meter gefallen, und mancherorts sackt der Boden ab wie über einer Kohlegrube. Was also tut der moderne Mensch, wenn ihm das Wasser ausgeht? Er importiert das Wasser. Einem alten Cowboyspruch zufolge »fließt Wasser bergauf, dem Geld entgegen«. Drum gibt es seit 1993 einen Kanal, der Wasser über 570 Kilometer vom Colorado River heranführt. Bergauf übrigens. Seither ist in Tucson das einmalige Schauspiel zu beobachten, wie kostbares Bergwasser aus dem Kanal in die unterirdische Kiesgrube gekippt wird, nur um dann mittels der Brunnen wieder gefördert zu werden. Wenn der Bevölkerungsboom nicht alle Planungen zunichte macht, soll bis 2025 »safe yield« erreicht sein, jener Zeitpunkt, an dem so viel entnommen wird wie zufließt. Bis dahin wird der Wasserspiegel weiter sinken.

»Whisky ist zum Trinken da, Wasser zum Streiten«

Arizona darf dem Colorado River jährlich 345 Millionen Kubikmeter entnehmen, keinen Schluck mehr. Über jeden Tropfen gibt es Vorschriften. Denn das Land der Freiheit ist zugleich eine legalistische Industriegesellschaft. »Ich kenne keinen Wasserlauf auf der Welt, dessen Verwendung derart strikt reguliert wird«, sagt Kathy Jacobs, Wasserexpertin an der University of Arizona. Es gibt lokale Richtlinien, Gesetze der Bundesstaaten, Verträge und gut 50 Gerichtsentscheide. Alle zusammen regeln sie das »Recht des Flusses«. Die erste Abmachung datiert aus dem Jahre 1922 und teilt, bis heute gültig, das Wasser zwischen den Colorado-Staaten auf. Kleiner Schönheitsfehler: Die Vorväter überschätzten die Wassermenge. Jeder Staat darf mehr entnehmen, als die Natur sogar in normalen Jahren bereit stellt. Lange Zeit störte das niemanden. Kalifornien wässerte seine Gemüsebeete, die anderen Staaten, leer und wüst, brauchten das Wasser nicht – bis die modernen Siedler kamen. Jetzt fordert jeder Staat seinen Anteil.

»Der Druck auf den Fluss nimmt mit jedem Tag zu«, sagt Wasserforscherin Kathy Jacobs von der University of Arizona. Zwischen den Bundesstaaten herrscht quasi Krieg, es geht um jeden Liter. Arizona ist in schlechter Verhandlungsposition. Es liegt am Unterlauf. Die Staaten am Oberlauf können den Hahn zudrehen. Auf einen Notfallplan für Dürrephasen können sich die Staaten seit Monaten nicht einigen. Alles gemäß dem Cowboyspruch: »Whisky ist zum Trinken da, Wasser zum Streiten.«

Die Indianer werden künftig zu den großen Gewinnern gehören

Die Wasserkrise ordnet sogar die Gesellschaftspyramide neu. Wer Wasserrechte hat, kann die Macht erlangen. Seit alter Zeit gilt: » First in time, first in right .« Zu Deutsch: Wer zuerst kommt, trinkt zuerst. Und die Ersten waren hierzulande die Indianer. Wasser ist jetzt der wertvollste Bodenschatz, auf dem sie leben. Sie werden »zu den großen Wasser-Brokern des Westens gehören«, prophezeit Ann Philipps von der Umweltorganisation Audubon Society. Manchmal kommt es zu rot-grünen Koalitionen aus Indianern und Umweltschützern. Zuletzt an Arizonas höchstem Berg, wo Rot-Grün neue Beschneiungsanlagen verhinderte. Die großen Verlierer im Wasserpoker stehen auch schon fest. Es sind Farmer und Rancher, die noch fast 70 Prozent des Wassers verbrauchen. Jeder Landwirt, der aufgibt, ermöglicht den Bau eines neuen Stadtviertels. So gehen Versteppung und Verstädterung einher. Die Romantik des alten Westens verschwindet durch den Wassermangel.

Wenn erst der letzte Tropfen zugeteilt und der letzte Prozess gefochten ist, dann werden Leute wie Ed Lopez zu Helden. Jeden Tag fährt er im weißen Kleintransporter in die Vororte Tucsons. Auf den Wagen klebt das blaue Logo der Wasserwerke. Er ist ein Zanjero. So hießen einst die Wasseraufseher in den Pueblos der Indianer. Nun haben die Wasserwerke die Tradition entdeckt und beschäftigen Zanjeros. Sechs Berater für ein paar hunderttausend Kunden. Wer anruft, soll Hilfe bekommen. Heute geht es in einen der feinen Vororte. Ed Lopez’ Arbeit beginnt, bevor er klingelt. Das Grundstück ist groß und sandig. Kakteen und Mesquite-Bäume stehen vor dem Haus. Im Staub findet Lopez einen Stahlkasten mit Wasseruhr und Zulaufhebel. Vorsichtig öffnet er die Box. Ans kühle Metall schmiegen sich gern Skorpione oder Schlangen. Er sieht sofort: alles trocken, kein Leck.

An der Tür steht inzwischen der Hausherr, ein Mann um die 50, der sich den Traum vom Leben im sonnigen Süden verwirklicht hat und vor ein paar Monaten mit seiner Frau zugezogen ist. »Wir haben gelesen, man solle hier sparsam sein«, sagt er. Die Rechnung ist aber viel zu hoch: 68 Dollar für zwei Personen und Pool. Der Zanjero streift durchs Gelände und sieht: Die städtische Gartenrichtlinie wird eingehalten. Vor dem Haus nur heimische Wüstenpflanzen; allein im Innenhof Palmen und Blumenkübel, die täglich bewässert werden. Der Wasserberater will die Bewässerungs-Steuerung sehen: »Die Makler lassen den ganzen Tag lang Wasser laufen, damit Interessenten ein Blumenmeer in der Wüste bewundern können.« Eine Stunde bleibt der Zanjero, programmiert die Bewässerung neu und empfiehlt, eine Sparspülung in die Toilette einzubauen. Der Verbrauch dürfte sich halbieren.

Bis in die siebziger Jahre hat in Tucson niemand daran gedacht, Wasser zu sparen. Seither wird immerhin dafür geworben. Es gibt Richtlinien für Klempner und Gärtner und Duschköpfe, aber niemand wird zu etwas gezwungen. Neuerdings nutzt die Stadt aufbereitetes Wasser, um Golfplätze und Parks zu wässern. Künftig soll es Grauwasser auch zu trinken geben. » From toilet to tab « heißt das Programm, von der Toilette zum Hahn. Weil sich viele davor ekeln, gewinnt plötzlich die Sparsamkeit Anhänger. Sogar »radikale Vorschläge«, schreibt der Arizona Daily Star, fänden nun Anhänger. Und deshalb sei der »schockierende Vorschlag« des Kreisdirektors diskussionswürdig, demzufolge die Zahl der Swimmingpools in Neubauten drastisch eingeschränkt werden soll. Damit ständen in Tucson Zuwanderer gegen Altbürger und Wachstumsanhänger gegen Bremser. »Die Wasserfrage«, schreibt die New York Times, »öffnet Gräben in der Gesellschaft.«

Wie rigide Gemeinden sein können, führt Las Vegas vor. Um den nahen Wassernotstand zu vermeiden, verschwindet täglich Rasen von der Größe eines Fußballfeldes. Wer im Garten auf Grün verzichtet, bekommt eine Prämie. Und die Stadt entgrünt die Mittelstreifen der Stadtautobahnen. Las Vegas war freilich der Inbegriff amerikanischer Verschwendungssucht. Jeder Bewohner verbrauchte dreimal so viel Wasser wie andere Großstädter. Die Stadtmanager sprechen jetzt davon, das »Sparpotenzial« sei »hoch«.

Den Spezialisten gilt deshalb die Dürre als Segen. »Die Leute müssen das Gefühl bekommen, dass sie am Abgrund stehen«, sagt Kathy Jacobs. »Solange sie die Krise nicht wahrnehmen, geschieht nichts.«

 
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