Murcia/Spanien

Das Land ist staubtrocken und strohgelb. Die Hügel am Horizont sind verkarstet, die Büsche am Straßenrand schmutzig-grau. Das einzige Fleckchen saftigen Grases leuchtet von einer großen Werbetafel herüber: "Im Grünen leben!" heißt es dort, in weißer Schrift vor sattem Wiesengrund. Das Plakat stammt von einer Immobilienfirma und wirbt für eine neue Wohnanlage. Es lockt allerdings nicht zum Umzug in weiter entfernte, blühendere Landschaften. Der Traum von der Oase soll gleich hier Wirklichkeit werden: im ockerfarbenen Südosten der spanischen Provinz Murcia.

Das Projekt ist mit 1500 genormten Eigenheim-Einheiten eines der kleineren Vorhaben. Die meisten der properen Häuschen sind noch im Bau oder im Planungsstadium. Der ausgedehnte Golfplatz, ein riesiger grüner Teppich inmitten der verbrannten Erde, ist allerdings bereits in Betrieb – als Köder für künftige Käufer. Nach Berechnungen des World Wide Fund for Nature (WWF) in Spanien sind für die Bewässerung eines Golfplatzes im Jahr eine Million Kubikmeter Wasser nötig – das ist der Verbrauch einer kleinen Stadt mit 12000 Einwohnern. Um den neuen Rasen in Murcia zu beregnen, wird derzeit das Grundwasser abgepumpt. Dazu liegt zwar keine Konzession vor. Aber bisher konnten sich alle Siedlungsbauherren sicher sein, dass weder die Regierung der Region noch die örtlichen Bürgermeister im Zweifelsfall nachfragen. Denn die Baugenehmigungen für die urbanizaciones bringen ihnen gutes Geld.

Nicht nur hier, auch in der südlich an Murcia grenzenden Provinz Andalusien reiht sich ein neues Siedlungsprojekt ans andere. Der gesamte Süden Spaniens sieht streckenweise aus wie eine riesige Baustelle. Künftige Bewohner – neben deutschen und britischen Urlaubern oder Ruheständlern auch immer mehr Spanier – versprechen neue Einnahmequellen. Da wird die Wasserfrage erst einmal verdrängt.

Dabei leidet das ganze Land derzeit unter einer Dürreperiode, die selbst für den trockenen Süden ungewöhnlich ist. Das laufende Jahr ist das trockenste seit 1947. Seit Herbst 2004 hat es kaum mehr geregnet. In Flüssen und Reservoirs hat der Wasserstand neue Niedrigstmarken erreicht. Schon jetzt sind ein Viertel des Staatsgebiets von Wüstenbildung bedroht. Die spanische Regierung schätzt, dass Folgeschäden und Ernteausfälle allein in diesem Jahr sich zu einem Verlust von bis zu vier Milliarden Euro addieren können. Die Bevölkerung scheint das wenig zu beeindrucken; der Wasserverbrauch ist zuletzt um 13 Prozent pro Jahr gestiegen. Doch zumindest im Süden ist nicht Verschwendung dafür verantwortlich; vielmehr versickert das Wasser in zwei Wirtschaftszweigen, die Südspanien vor der Armut bewahren: den Tourismus und den Gemüse- und Obstanbau.

In der Provinz Murcia zum Beispiel sind derzeit Wohneinheiten für mehrere hunderttausend Menschen im Bau oder in Planung. Die Zahl der bisher bespielten fünf Golfplätze würde sich glatt verzehnfachen, wenn alle Projekte fertig gestellt sind. Ob es in Zukunft überhaupt genug Wasser für deren reibungslosen Betrieb geben wird, ist zwar unklar. Doch die Vergabe der Konzessionen hat das nicht beeinflusst.

Dazu kommt: In Murcia werden auf nur 2,2 Prozent des gesamtspanischen Territoriums gut 20 Prozent der landesweiten Exportmenge an Obst und Gemüse geerntet. Das geht natürlich nur mit künstlicher Bewässerung, mit Hilfe von Brunnen, und über einen Kanal, der das Wasser des Tajo aus der Nachbarregion Castilla-La Mancha herüberführt. So hat sich in den letzten 20 Jahren die Anbaufläche um schätzungsweise ein Drittel vergrößern lassen – illegal allerdings, denn bereits 1985 war per Gesetz festgehalten worden, dass die zu bewässernde Nutzfläche der Region nicht mehr wachsen dürfe.

Seitdem sind, nach offiziellen Schätzungen, wenigstens 30000 Hektar neu ans Netz und in die Bewirtschaftung gegangen. Das offizielle Überwachungsorgan, die regionale Wasserbehörde Confederación Hidrográfica del Segura (CHS), hat währenddessen nie Einspruch erhoben, obwohl es im Grunde verpflichtet war, auf die Einhaltung des Gesetzes zu achten. "Es fehlt jegliche Kontrolle", sagt Julia Martínez, Biologin an der Universität von Murcia, "unter der Hand ist ein unübersehbares Netz von Leitungen entstanden, das ohne Messgeräte funktioniert und einen riesigen Schwarzmarkt ermöglicht hat."