Rajasthan/Indien

Hören Sie nur", sagt Laxman Singh, "die Musik!" Der reiche Viehzüchter aus dem Dorf Laporiya hält immer wieder inne auf seinem Weg durch die Felder, er lauscht, er deutet auf einen Papagei in den Zweigen: "Vögel – die gab es hier vor 20 Jahren überhaupt nicht mehr."

Es gab keine Vögel, weil es keine Bäume und Sträucher gab wegen der Trockenheit in Rajasthan. Einst waren weite Teile des indischen Bundesstaates bewaldet, doch Abholzung und Überweidung führten dazu, dass heute monatelang alles verdorrt ist. Dann flimmert die Luft bei 46 Grad, die Erde ist aufgerissen, die Menschen müssen ihr Trinkwasser oft in Tanks von der Regierung beziehen. Und die Not gebiert Gewalt: Bauern blockierten jüngst den Highway nach Jaipur, um für Wasser aus dem Bisalpur-Damm zu demonstrieren; die Polizei schoss in die Menge, fünf Menschen starben.

Auch in Laporiya ringen rund 2000 Bauern und Hirten mit einer Natur, die ihnen von September bis Anfang Juli keinen Tropfen Regen gönnt und dann drei Monate lang vom Himmel stürzende Monsungüsse sendet. Die aber rauschten jahrelang mit dem Bahala-Fluss weitgehend ungenutzt davon.

Als Laxman Singh vor 20 Jahren begann, das Regenwasser zu zähmen, musste er erst einmal Mitstreiter mobilisieren. Die kämpferische Kaste der Gurjar, erzählt der heute 50-Jährige, habe damals die ganze Gegend unterdrückt; sie nahm auch alle Rechte über den Dorfteich für sich in Anspruch. Doch ohne Verantwortung zu zeigen; breit seien die Befestigungsdämme eingerissen.

Zunächst konnte Singh seine eingeschüchterten Nachbarn nicht überzeugen, sich gegen die Gurjar zu wehren. So haben er und ein Freund eines Tages einfach mit der Reparatur begonnen. "Das schafft ihr doch nie allein", sagte der erste Nachbar, der vorbeikam. "Dann hilf halt mit", antworteten die beiden. Nach und nach sei das ganze Dorf dabei gewesen, erzählt Singh. Die Erfahrung gemeinschaftlicher Arbeit machte Mut, auch das "Chouka-System" mit vereinten Kräften aufzubauen, das Singh entwickelt hat, um Wasser zu "ernten".

Chouka heißt Rechteck, und lauter viereckige Felder, etwa 65 mal 130 Meter groß, wurden auf dem kollektiven Weideland angelegt. Sie sind jeweils an drei Seiten von Lehmwällen eingedämmt und leicht versetzt hintereinander angeordnet. Wenn es zur Monsunzeit schüttet, dann sammelt sich das Wasser in der niedriger gelegenen, geschlossenen Seite und "springt" ab einem bestimmten Pegelstand zum nächsten Chouka über; und so fort, bis es schließlich in drei Bewässerungsteichen aufgefangen wird. So werden die Regenfluten länger auf der Weide gehalten. Es wachsen Gras und Kräuter für die Tiere, sogar Neembaum, Tamarinde und Babul.

Langsam kann das Nass auch ins Grundwasser versickern, das 103 Brunnen speist. Selbst in sehr trockenen Jahren sind sie bei sparsamer Nutzung nicht versiegt. Für seine "Feldflaschen" haben Singh und seine Nichtregierungsorganisation GVNML inzwischen Preise bekommen. 50 Dörfer haben das System schon übernommen, 500 weiteren wird es beigebracht.

Die Chouka-Technik ist nur eine Möglichkeit, Regenwasser zu nutzen. Runde oder schlangenlinienförmige Dämme, Steinwälle auf den Feldern oder den Höhenlinien eines Bergs folgende Gräben – in Indien gibt es die unterschiedlichsten Methoden der Wasserernte. Diese Kunst wurde, wie in Ägypten oder bei den Maya, schon vor Jahrtausenden praktiziert. Im Nordosten bewässern indigene Stämme ihre Felder mit Rohren aus Bambus, punktgenau und sparsam werden die Pflanzen betröpfelt. In Himachal Pradesh transportieren Bauern über viele Kilometer lange kuls Wasser aus dem Himalaya. Und in der Wüste Thar wird der Regen in unterirdischen Tanks gespeichert, die mit halbdurchlässigen Deckeln geschützt sind. "Wasser zu ernten ist, wie hart verdientes Geld auf ein Sparkonto einzuzahlen", schreibt die Umweltschützerin Sunita Narain vom Center for Science and Environment (CSE) in Delhi. "Man füllt das Konto in weiser Vorausschau immer wieder auf und lebt von den Zinsen, statt das Kapital der Grundwasserreserven anzugreifen. Das Paradigma der Vergangenheit hat so viel Kraft wie eh und je."

Dass die Verbindung zum traditionellen Wissen oft abbrach, erklärt Laxman Singh mit der teilweisen Auflösung des Kastensystems; das habe Freiheit gebracht, aber auch die mündliche Überlieferung unterbrochen. Vor allem zog die britische Kolonialregierung Planung und Kontrolle der Infrastrukturen von den lokalen Gemeinschaften an sich. Der indische Staat übernahm die zentralistischen Strukturen und häufig auch die unangepassten Technologien aus den Industrienationen. So gab es billiges Wasser aus Staudämmen und Pipelines, von denen einige nicht nur umstritten sind, weil sie zu riesigen Umsiedlungsprogrammen führten. Sie treiben zudem die ständig wachsenden Städte in Konkurrenz zur ansässigen Bevölkerung, der das Wasser vor der Nase abgegraben wurde. Vom Nagarjunasagar-Damm nach Hyderabad, vom Cauvery-Damm nach Bangalore, vom Tehri-Damm nach Delhi. Doch seit ein paar Jahren haben die Zentralregierung und viele Bundesstaaten das Potenzial der Regenwasserernte anerkannt und Förderprogramme aufgelegt.

So geht es den Leuten in Dörfern wie Laporiya jetzt besser als vor zehn Jahren. Sie verdienen an ihrer Milch, sie bauen Futter, Mais, Weizen und Gemüse an. Und neuerdings sogar Heilkräuter für den wachsenden Ayurveda-Markt, zum Beispiel Safed Musli, "unser einheimisches Viagra", lacht Laxman Singh.

Nur auf eines hat er keinen Einfluss: dass es auch jedes Jahr 300 Millimeter regnet.