Wasser Wer das Wasser hat, hat die Macht
Hungersnot im Niger, Swimming Pools in der Wüste – was den einen mangelt, wird andernorts verschwendet. Drohen Kriege um das »Erdöl der Zukunft«?
Kann es gelingen, bis 2015 die Hälfte jener Milliarde Menschen zu versorgen, die kein sauberes Trinkwasser haben? Wird die Welt bis dahin lernen, nachhaltiger mit dem existenziellen Gut zu wirtschaften? Wenn die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen in wenigen Wochen in New York zusammenkommen, dann werden sie die Umsetzung auch dieser »Millenniumsziele« zur Bekämpfung von Armut und Unterentwicklung überprüfen.
Dabei steht Wasser ungenannt im Zentrum noch vieler weiterer Nöte, die zu bewältigen oder zu lindern sich die Staatengemeinschaft im Jahr 2000 verpflichtet hat: Ohne sauberes Wasser können weder die hohe Kindersterblichkeit noch Krankheiten wie Cholera besiegt werden. Eine Grundschulbildung für alle ist nur erreichbar, wenn Kinder nicht mehr jeden Tag schwere Krüge von manchmal kilometerweit entfernt liegenden Brunnen heimschleppen müssen, statt zur Schule zu gehen. Erst recht wird die Zahl der über 770 Millionen Hungernden nicht in zehn Jahren zu halbieren sein.
Wann immer eine Hungersnot herrscht – wie derzeit im Niger, wo mehr als 1,2 Millionen Menschen auf Lebensmittellieferungen angewiesen sind –, gerät das Thema Wasser wieder in den Blick der Weltöffentlichkeit. Aber wenn die Kameras ausgeschaltet und die Spendenaufrufe verhallt sind, herrscht vor allem in vielen semiariden Klimazonen chronischer Wassermangel fort. Darunter leidet vor allem die Landbevölkerung. Doch auch in Megastädten wie Dakar oder La Paz sprudelt das kostbare Gut nur für Wohlhabende verlässlich, während die Bewohner der Slums oft von illegalen Leitungen und privaten Händlern abhängig sind. Stadt und Land plündern gleichermaßen das Grundwasser. Doch wieder können es sich nur Reiche leisten, das Nass aus immer größerer Tiefe heraufzupumpen. »Über die Ressource Wasser werden Gewinner und Verlierer aussortiert«, heißt es im Fair Future Report des Wuppertal-Instituts.
Die Kluft der Ungleichheit reißt noch weiter auf, weil immer mehr Böden auslaugen und vertrocknen: Zwei Drittel der Anbauflächen in Afrika und ein Drittel in Asien könnten in 20 Jahren desertifizieren; bis zur Mitte des Jahrhunderts wären dann »im schlimmsten Fall 7 Milliarden Menschen in 60 Ländern« von Wasserknappheit betroffen, so ein Report der Vereinten Nationen. Selbst im »besten Fall« träfe es noch immer »2 Milliarden Menschen in 48 Ländern«. Schon spricht die Zeitschrift Fortune vom »Erdöl des 21. Jahrhunderts«; der Streit um dessen Vermarktung durch globale Konzerne ist voll entbrannt. Und Klaus Töpfer, Direktor des UN-Umweltprogramms Unep, warnt, »dass wir einer Periode von Kriegen um Wasser entgegengehen«.
Weltbankexperten beschwichtigen: Die gemeinsame Abhängigkeit von der begrenzten Ressource fördere zwischen Staaten eher Kooperation als Konkurrenz. Tatsächlich hat etwa der Vertrag über die Nutzung des Indus zwischen Indien und Pakistan seit 45 Jahren alle Grenzstreitigkeiten, selbst das tiefe Misstrauen wegen der beidseitigen Atomrüstung, überdauert. Doch Wasserkonflikte schwelen vor allem im Nahen Osten und in Afrika, wo viele Länder vom Nil, Tigris oder Okavango abhängen. Wer das Wasser hat, hat die Macht. Und wie lange hält der Frieden bei sinkendem Angebot und steigender Nachfrage? Nicht nur in Kenia liefern sich Nomaden und Bauern blutige Fehden um Brunnen und Wasserstellen. Menschen in Entwicklungsländern, ohnehin benachteiligt, leiden auch unter den Wasserproblemen am schwersten.
Aber im reichen Norden kriselt es ebenfalls. In Südspanien graben sich Provinzen gegenseitig das Wasser ab (siehe folgende Seite); in den USA Farmer und Städter (Seite 29). In solchen gefährdeten Industrieländern ließ sich die Knappheit bislang häufig mit längeren Pipelines oder stärkeren Pumpen bemänteln – auf Kosten der Zukunft. Für ihre Bürger kommt eben nicht nur der Strom aus der Steckdose, sondern scheinbar selbstverständlich auch das Wasser aus der Leitung. Ohne Wertschätzung. Dabei gäbe es ohne Wasser nicht nur keine Dusche, sondern auch keine fossilen oder atomar betriebenen Kraftwerke mit ihrem riesigen Kühlungsbedarf; keine High-Tech-Landwirtschaft; keine industrielle Produktion.
Und, existenziell: kein Grün, keine Mahlzeiten, keine Naturkreisläufe, keinen menschlichen Stoffwechsel. Kein Leben. Deshalb gründen die Ursprungsmythen der Weltreligionen dort, wo die großen Flüsse entspringen, Ganges, Brahmaputra, Nil und Tigris. Von allen Ressourcenkrisen, warnen die Vereinten Nationen, sei die Wasserkrise »diejenige, die unser Überleben und das unseres Planeten Erde am meisten bedroht«.
Denn Wasser kann zwar nicht aufgebraucht werden wie Öl oder Phosphat. Aber begrenzt ist es doch. Über 97 Prozent der globalen Gesamtmenge bilden die salzigen Ozeane – »Wasser, Wasser überall, und doch kein Tropfen zum Trinken«, dichtete der Brite Samuel Coleridge-Taylor – und nur knapp drei Prozent sind Süßwasser. Davon sind neun Zehntel in Polen und Gletschern gebunden. Das übrige Zehntel – Seen, Teiche, Flüsse, Ströme, Feuchtgebiete und Grundwasser, der ewige Kreislauf von Verdunstung und Niederschlag – reicht zwar für alle aus. Doch dieses Süßwasser konzentriert sich in bestimmten Regionen – und wird in anderen immer spärlicher.
Die Ursachen lassen sich auf einen Begriff bringen: Übernutzung – nicht nur der Wasservorräte, sondern zugleich jener Ökosysteme, die das Lebenselixier brauchen und stets neu hervorbringen. Das geschieht aus Profitinteresse, aber auch aus purer Not. Hirten in Entwicklungsländern schicken zu viel Vieh auf die bald kahl gefressenen Weiden, Bauern holzen Wälder ab, um Brennmaterial oder neue Äcker zu gewinnen. Dabei sind Bäume Schlüsselagenten dafür, dass Wasser und Nährstoffe in der Region bleiben. Dass sich der globale Verbrauch in 50 Jahren verfünffacht hat, liegt aber nicht nur an der wachsenden Erdbevölkerung, sondern auch an den Ansprüchen der westlichen Konsumkultur, die sich in den Schwellenländern und Dritte-Welt-Metropolen ebenfalls ausbreitet. 500 Liter Wasser pro Kopf und Tag mögen im waldreichen Norden der USA naturverträglich sein – aber nicht in Texas oder in Delhi. Auf der griechischen Vulkaninsel Santorini sollten die Hotels Touristen einen Swimming-Pool schon bieten – aber für den Anbau der legendären Tomaten reicht das Wasser kaum mehr aus.
Zur Knappheitskrise tragen auch Gifte im Wasser bei. Vor allem im Süden landen im Wasser hohe Mengen von Pestiziden aus der Landwirtschaft – die mit 70 Prozent der globalen Wasserentnahme zugleich der größte Verbraucher ist. In einem Kilo Getreide stecken 1.000 bis 2.000 Liter Wasser, in einem Kilo Rindfleisch bis zu 16.000 Liter. Dass Dritte-Welt-Regierungen, um die Nahrungsmittelproduktion zu erhöhen, ihren Bauern Strom und Wasser oft umsonst zur Verfügung stellen, hilft nur selten den Ärmsten. Dagegen verführt es viele Großbauern zur Verschwendung. Die Intensivlandwirtschaft laugt zudem die Böden aus und fördert deren Erosion.
Dabei gerät die Notwendigkeit, mit dem Export von Feldfrüchten Devisen zu erwirtschaften, oft in schmerzlichen Widerspruch dazu, dass deren Anbau die Lebensgrundlagen armer Kleinbauern gefährdet. In Kenia dient der Lake Naivasha als Quelle, um jährlich 52 Millionen Tonnen Blumen für Europa, Japan und die USA zu züchten – während drei Millionen Menschen im Land das Wasser für Haushalt und Felder fehlt. Mit Rosen, Baumwolle oder ganzjährig verfügbaren Zuckerschoten werde zugleich »virtuelles Wasser« ausgeflogen, sagt der Globalisierungsexperte Wolfgang Sachs; der Handel werde so zum »Motor der ungleichen Aneignung« einer ohnehin ungleich verteilten Ressource.
Auch der Klimawandel (siehe oben stehenden Kasten), der sich nicht zuletzt durch die Zunahme solcher Transporte beschleunigt, verändert den Wasserhaushalt dramatisch: Sturzregen und Überschwemmungen waschen Boden und Nährstoffe fort, Stürme beschleunigen die Wüstenbildung – die wiederum das Klima beeinflusst. Vom Hungerland Niger bis nach China, überall bemerken Bauern Abweichungen von den gewohnten Rhythmen und Intensitäten der Niederschläge. So verweist die Wasserkrise, mit der des Klimas aufs engste verbunden, auf die Abhängigkeit des Menschen von einem komplex vernetzten »Blutstrom der Biosphäre«, wie der Berliner Limnologe Wilhelm Ripl sagt.
Die Fähigkeit, raffinierte Wassersysteme zu entwickeln, war die Grundlage für das Entstehen von Hochkulturen in Südamerika, Ägypten oder andernorts, wo es vor Jahrtausenden noch blühende Landschaften gab: »Sie glauben doch nicht«, so Ripl, »dass die Römer einer Wüste wegen Krieg mit Karthago geführt hätten.« Umgekehrt trug der Raubbau an Wasserressourcen dazu bei, dass Reiche verfielen: »Wie ein Körper, von dem eine zehrende Krankheit nur Knochen übrig ließ«, schrieb der römische Historiker Plinius der Ältere über Griechenland, »ist der fruchtbare und lockere Boden überall erodiert, und übrig blieb nur das sterile Skelett …«
Wasserkrisen sind also nicht neu. Aber sie waren früher regional begrenzt – und geraten heute in den Strudel globalisierter Prozesse, die meist isoliert betrachtet und gestaltet werden. Dabei hängen fossile Energienutzung, Agrobusiness, westlicher Lebensstil, Zentralisierung, Verstädterung und Verwüstung untrennbar zusammen, ihre ökologischen Folgen schaukeln sich gegenseitig hoch. Und immer schneller werden Teile der Welt zu Staub: In den Neunzigern fielen mit knapp 3.440 Quadratkilometern pro Jahr mehr als doppelt so viele Flächen der Desertifikation anheim wie in den Siebzigern – trotz Absichtserklärungen und Initiativen der Regierungen seit rund 30 Jahren.
Offensichtlich greift die Definition des Begriffs Nachhaltigkeit zu kurz, derzufolge »Umweltgesichtspunkte gleichberechtigt mit sozialen und wirtschaftlichen berücksichtigt werden sollen«. Ökologie braucht Vorrang. »Sie ist die Hardware«, sagt der Gewässerkundler Ripl, »und ohne Hardware kann sich die Software Wirtschaft und Gesellschaft nicht entfalten.« Denn man kann alles infrage stellen, vieles überwinden – nicht aber die Naturgesetze.
Der Mensch sei aber noch weit davon entfernt, seine Wirtschaftsweise »in die natürlichen Kreisläufe einzuschreiben«, stellt Roland Schaeffer in einem neuen Buch über Die Zukunft der Infrastrukturen fest. Es gibt einen gigantischen Nachholbedarf in Bezug auf Wassersparsysteme oder Wasserpreise, die je nach Verbrauch und sozialer Lage gestaffelt sind; bei der Trennung von Trink- und Brauchwasser; bei sparsamen Bewässerungsmethoden und wassersparenden Trenntoiletten, die es ermöglichen, Nährstoffe in die Landwirtschaft zurückzuführen.
Vor allem gelte es, fordert Wilhelm Ripl, erneuerbare Energien zu nutzen und weltweit in einem »unglaublich mühsamen Umkehrprozess« die Landwirtschaft in wieder hergestellte lokale Ökosysteme einzubinden. In Australien, Indien, Äthiopien, auch im Niger gelingt es punktuell, mit gezielten Aufforstungs- und Anbauweisen sowie Techniken der Regenwasserernte die Wüste wieder zu begrünen.
»Wird die Verfügbarkeit von Wasser ein Hemmnis für das Erreichen der Zielvorgaben werden?«, fragt im Vorfeld des Millenniums-Gipfels der Weltwasserentwicklungsbericht der Vereinten Nationen. Die Antwort klingt bedrohlich undiplomatisch: »Wir wissen es nicht.«
- Datum 04.08.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 04.08.2005 Nr.32
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Die Ökologie bräuchte Vorrang, meint also Wilhelm Ripl und stellt damit das Konzept der Nachhaltigkeit in Frage. Dabei scheint es bei der Betrachtung all der Dargestellten Wasserprobleme klar, dass ein Nachhaltigkeitskonflikt zwischen den Interessen von Ökologie, Ökonomie und Gesellschaft vorderhand immer zugunsten Ökonomie entschieden wird. Ripls Forderung ist also nicht gesellschaftsfähig, stellt die Umweltlobby ins Out und öffnet somit Tür und Tor für das sterile Skelett, das Plinius als Hinterlassenschaft der fruchtbaren griechischen Landschaft beklagt.
Sehen wir Umweltmenschen also die Ökonomie als die kürzerfristige Ökologie und stellen wir die an Wassermangel leidenden Menschen nicht hintan! Eine Möglichkeit dazu ist die Durchführung von Nachhaltigkeits-Assessments bei Infrastrukturvorhaben, um Umwelt, Wirtschaft und Soziales zu integrieren. Die Arbeitsgruppe Humanökologie (www.humanecology.at) der Uni Wien arbeitet zurzeit an einer effizienten Methode dafür.
Vielleicht finden Herr Ripl und ähnlich Denkende doch noch Gefallen am Nachhaltigkeits-Konzept?!
Ripl ist also nicht gesellschaftsfähig, weil er nicht politisch konsensfähig die ewige Mühle vom Konsens aus Ökologie, Ökonomie usw. predigt sondern hinterfragt, wo die Basis unserer Gesellschaft liegt?
Erklären Sie mir doch einmal eine Gesellschaft ohne funktionierendes Tragwerk, also eine Natur, die uns fruchtbare Böden, sauberes Wasser und ein ausgeglichenes Klima zur Verfügung stellt.
Bis heute hat die Menschheit es nicht vermocht, ohne Natur zu leben und sie wird dies niemals schaffen. Sich hingegen an natürlichen Notwendigkeiten und Gesetzmäßigkeiten zu orientieren und dementsprechend nachhaltige Wirtschaftsweisen zu entwickeln, dass wäre ein Oberziel der nachhaltigen Entwicklung.
Dass diese Entwicklung nicht geradlinig verläuft und dass in der politischen kurz- und mittelfristigen Entscheidungsfindung ein Konsens unter Berücksichtigung sozialer, kultureller und ökonomischer Faktoren notwendig ist, bestreitet niemand, auch nicht Ripl.
Ihr Kommentar hingegen ist tönern und lässt Tiefgang vermissen. Sie polarisieren, ohne auch nur ein (!) inhaltliches Argument anzuführen.
Es sei denn, sie zeigen uns Lesern Modelle einer Gesellschaft auf, die ohne funktionierende natürliche Basis existieren kann. Können Sie dies nicht, so bleiben sie den Beweis schuldig, dass Ripl falsch liegt. Und da wären Sie nicht der erste...
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