Berlin

Die erste Frage des Wählers im Wahlkampf lautet: Warum hingucken? Die SPD hat sich eine besonders hässliche Farbe ausgewählt, um Aufmerksamkeit in den Straßen zu erregen, Umbra, ein Schmuddelbraun, das genauso an die Einrichtungshöllen der siebziger Jahre erinnert wie das neue Orange der CDU. Bloß kein kaltes Blau mehr, das für amerikanischen Parteitagsringelpiez steht oder als Hintergrund in TV-Studios dient – all das gilt dieses Mal als das falsche Signal. Auf einem umbrafarbenen Untergrund, versichern die Strategen der SPD, leuchte die Botschaft besonders hell, Schönheit hin oder her, und auf die thematische Aussage komme es an.

In diesem Wahlkampf wird sich nicht nur eingeschmeichelt, die Kommunikation soll auch bewusst gemacht werden. Das ist etwas Neues, und schon ist man mitten drin in der Problemzone der sozialdemokratischen Kampagne, die auf eine wahrnehmbare programmatische Abgrenzung zur Union setzen muss, auf Fortsetzung der Schröderschen Agenda, auf die Politik einer sozialverträglichen Modernisierung, auf Wirtschaft und Arbeit, Bildung und Außenpolitik. Mit diesen Themen will die SPD Angela Merkel stellen, die in apricotfarbenen Kostümen Schillernde und programmatisch Unscharfe. "Und wofür stehen die anderen?", lautet der stereotype Slogan auf den frisch geklebten Plakaten der SPD. Wo die CDU sich tatsächlich aus der Deckung gewagt hat, mit der Mehrwertsteuererhöhung, wird mit "Merkelsteuer" gekontert.

Schröders Neuwahlcoup und die anschließenden Umfragen haben eine Art Rollentausch der klassischen Kontrahenten bewirkt. Die SPD führt keinen Wahlkampf aus der sicheren Warte der Regierenden, die die Herausforderer zappeln lassen. Sie ist in die Position der Angreiferin gerückt, während die Union bereits einen virtuellen Sieg verteidigt. Das ist nur eine der Besonderheiten, die diesen Bundestagswahlkampf auszeichnen. Dass er sich in kaum sechs Wochen abspielt, stellt eine enorme Belastung für Kandidaten, Wahlkampfteams und Werbeagenturen dar. Die Etats sind schmaler als 2002: 25 Millionen Euro gibt die SPD aus, 23 Millionen die CDU. Eine beispiellose Schlacht um die mediale Aufmerksamkeit wird folgen: Wem gelingt es, mit seinem Thema durchzudringen? Wer verändert noch einmal die Umfrageergebnisse? Die Konfliktlinie zwischen Rot und Schwarz ordnet die politische Landschaft nicht mehr allein. Die Linkspartei wird mit großer Sicherheit ins Parlament einziehen, sie raubt der SPD die Stimmen, gräbt aber auch ein wenig bei der CDU. Gysi und Lafontaine bedrohen den Erfolg von Schwarz-Gelb akut, die Träume von einer rot-grünen Neuauflage ohnehin. Im Osten werden Bundestagswahlen vielleicht nicht gewonnen, aber sie können dort verloren gehen. Wer die Linkspartei bloß als PDS plus Lafontaine-Populismus brandmarkt, manövriert sie möglicherweise genau in die Lage, in der sie für Politikverdrossene und Nichtwähler attraktiv erscheint.

Von den Schwierigkeiten der Großen könnten die Grünen ein wenig profitieren. Sie müssen auf den Ex-Koalitionspartner keine Rücksicht mehr nehmen und lassen in der ersten Wahlkampfstufe wieder ihr angestammtes Profil durchscheinen. Klassische Themen wie Atomkraft, erneuerbare Energien, Verbraucherschutz oder Friedenspolitik prägen die Wahlplakate, erweitert um neue Akzente wie Arbeit für Frauen, Kinderbetreuung oder Globalisierung. Die Werbeagentur Zum Goldenen Hirschen setzt dabei nicht auf die Optik der Achtziger, sondern zeigt eine modernitätsfreundliche Partei.

Erst in einer zweiten Phase, die in etwa drei Wochen beginnt, setzt die Personalisierung ein. Und mit Joschka Fischer wird das Thema Außenpolitik hinzukommen, dann wird Angela Merkel ihr Besuch bei George W. Bush aus Anlass des Irak-Kriegs abermals unter die Nase gerieben werden. Die Grünen-Kampagne wirkt wie ein idealisiertes Selbstbild der Partei. Die bitteren Kompromisse, die programmatische Austrocknung in der Koalition scheinen vergessen, so gut gelaunt sieht alles aus. Ohne Aussicht auf eine Regierungsbeteiligung präsentieren sich die Grünen als Sauberpartei für eine liberal gestimmte Mittelklasse ohne größere Abstiegsängste, offen für alle, die Schröder nicht mehr wollen, Merkel aber auch nicht.

Kreative mokieren sich bereits über die lahme Vorstellung der Union. Dabei läuft auch die von den Unions-Agenturen McCann Erickson und Shipyard gestaltete Arbeit der "Arena 05" auf Hochtouren. Der auf die Spitzenkandidatin konzentrierte Wahlkampf fällt vergleichsweise konventionell aus. Alles andere wäre auch strategisch falsch. Der Trend läuft noch immer für Angela Merkel, selbst wenn sie in den Umfragen nicht mehr so glänzend dasteht wie noch vor Wochen. Jede vorschnelle oder gar exzentrische Wahlkampfaktivität der Union könnte den Sieg gefährden.

Also bleibt das Regierungsprogramm so unscharf wie es die Interviews der Kandidatin sind. Auch eine zu früh vorgestellte Mannschaft böte nur Angriffsflächen. Jeder Bezug aufs Weltanschauliche, aufs Christliche oder Konservative unterbleibt, nach Vokabeln wie "Leitkultur" fahnden Kontrahenten vergeblich. Angela Merkel ist in diesem Wahlkampf die unbewegte Bewegerin. Slogans kreisen um den Komplex Arbeit und Wirtschaft, die Union wird nicht müde, die Krise des Landes zu beschwören. Doch wenn Merkel beim CSU-Parteitag in München von "Schicksalswahl" spricht, kann sie nicht verdrängen, dass auch bei einem Regierungswechsel viel politische Kontinuität herrschen würde.