Der Wahlkampf wird täglich wahrer. Nicht weil die Politiker vor lauter Tugend endlich alles gestehen würden, sondern weil sich die Wahrheit auf geheimnisvolle Weise unaufhaltsam durchdrückt. Nehmen wir den Kanzler. Er ist so locker und entspannt, ganz wunderbar, man würde ihn sofort wählen, wenn das Leben ein Fernseher wäre. Schröder kann auch gut so heiter sein. Denn er weiß: Nur noch 45 Tage und ich hab es hinter mir, anschließend gibt es eine Träne ins Knopfloch und von da an nur noch Doris, Viktoria, Ruhe und Reisen.

Endlich die Länder kennen lernen, die er all die Jahre vergeblich besucht hat.

Ganz anders Angela Merkel. Der Kanzlerkandidatin legt sich schon jetzt die Bürde der Zukunft auf die Schultern, das schwerste Amt in der schwersten Krise. Diese Aussicht macht sie zurzeit nicht eben strahlender und telegener.

Schlecht drauf ist auch Joschka Fischer. Er spielt im Fernsehen, unter Magnolien sitzend, sich selbst, fingiert Wahlkampf und wirkt furchtbar müde dabei. Kein Wunder, weiß doch der Nochaußenminister selbst am besten, dass er demnächst gegen Gregor Gysi und Oskar Lafontaine um die knapp bemessene Aufmerksamkeit für Oppositionspolitiker streiten muss, wie öde. Noch gedrückter erscheint einem der arme, tapfere Franz Müntefering. Schließlich muss er in allernächster Zukunft die Partei auffangen, die der im Abgang so heitere Kanzler ihm gerade in den Schoß plumpsen lässt.

Erhellend ist in diesem Zusammenhang auch, wie frech sich Klaus Wowereit gegen das Verbot von Kanzler und SPD-Chef stellt, irgendetwas Koalitionäres zum Thema Linkspartei zu sagen, und sei es nur für das Jahr 2009. Natürlich irritiert der Berliner Bürgermeister damit das Mitdenen-Niemals, das die SPD-Spitze beschlossen hat. Warum tut Wowereit das, der sonst Mühen noch mehr scheut als Kosten? Ganz einfach: Er bringt sich in Position für die von ihm offenbar sehr bald erwartete Nach-Schröder-SPD. Dann gibt es keine ganz großen sozialdemokratischen Politiker mehr, sondern nur solche halbmittelgroßen wie ihn. Ergo möchte Unddasistgutso gern Stratege unter Strategen sein und sagt schon mal was - Strategisches.

Auch die Grünen radeln in hohem Tempo auf die Wahrheit ihres eigenen Wahlkampfes zu. Blitzschach mit Bütikofer, Shoppen mit Renate bieten sie an und - als echte Neuerung - einen 48-stündigen Redemarathon grüner Promis.

Offenbar können sich die Grünen gar nicht vorstellen, dass für normale Menschen schon eine 48-minütige Politiker-Rede ein Marathon ist. Was sie hingegen sehr genau kennen, das ist das grüne Hauptproblem: überhaupt gehört zu werden. Denn von den Grünen hängt diesmal machtpolitisch rein gar nichts ab. Also starten sie einen westerwelligen Spaßwahlkampf, bloß ohne Troddeln.