Ach schade, zu spät. Eduard Geyer wollten wir besuchen, die sächsische Fußball-Eiche, die gestürzte Säule des FC Energie Cottbus. Die neue Bundesliga-Saison beginnt ohne Osten, Geyer ist ohne Verein, da hätte er so schön mit Abstand über gesternheutemorgen schwatzen können. Nun scheint er verschollen. Ich habe keinen Kontakt, sagt Ronny Gersch, der Pressemann von Energie. Der ist doch in Dubai.

Urlaub?

Nee, als Trainer. Ich weiß nur die Nummer seiner Frau.

Die Rettung. Mein Mann ist noch in Deutschland, sagt Angelika Geyer. Derzeit macht er Trainingslager, in Nürnberg.

Nürnberg. Stadt der schönen Künste und der Abstiegstragödien. Veit Stoß, Albrecht Dürer, Günther Koch (Ade, liebe Clubberer, das musste nicht sein!). Peter Handkes Die Aufstellung des 1. Nürnberg vom 27.1.1968 gehört zu den übersichtlichsten Dichtungen der abendländischen Literatur: elf kerndeutsche Kickernamen. Erst 33 Jahre später erfuhr Handkes Werk einen kongenialen Gegenentwurf - Eduard Geyers Aufstellung des FC Energie Cottbus vom 6.4.2001: Piplica, Matyus, Vata, Hujdurovic, Akrapovic, Reghecampf, Kobylanski, Latoundji, Miriuta, Labak, Franklin. Eingewechselt: Ilie, Rödlund, Wawrzyczek. - 14 Ausländer! Kein Deutscher! Die Fußballnation schrie auf. Lag nicht dieses Cottbus in Polen?

Recht spät ist Eduard Geyer im Fußball-Westen prominent geworden. Der Osten kannte ihn, natürlich. Als Trainer von Dynamo Dresden beendete er 1989 die zehnjährige Regentschaft des BFC Dynamo, dann übernahm er auch die Nationalmannschaft - bis zum Abpfiff der DDR. In Rio holten seine Blau-Weißen gegen Brasilien ein 3 : 3, in Brüssel bezwang die allerletzte DDR-Elf Belgien durch zwei Sammer-Treffer 2 : 0. Die Spieler entschwanden gen Westen, Trainer Geyer wartete vergeblich auf einen Ruf. Ein Weilchen war er Talentscout für Schalke, in Siofok/Ungarn versiegte nach einem halben Jahr das Geld. Auch ein Abstecher zu Sachsen Leipzig blieb Episode. Und dann fing Geyer 1994 in Cottbus an.

Energie Cottbus war im DDR-Fußball ein kleines Licht. Mit Geyer schaffte man 1997 die Zweite Liga und das DFB-Pokalendspiel. Im Jahr 2000 klomm Energie zur eigenen Verblüffung bis ins Oberhaus, schlug Bayern München, wurde Vierzehnter und im Jahr darauf Dreizehnter. Selten wurde der Erfolg eines Fußballvereins derart personalisiert. Geyer auf allen Kanälen - er war ein telegener Coach. Er tobte an der Seitenlinie, er grimassierte, er schmiss sein Notizbuch. Ein halbes Dutzend Mal verwiesen die Schiedsrichter den Wüterich auf die Tribüne. Feldwebel, Schleifer aus dem Osten, das war sein Image. Mit entzücktem Gruseln hörte der antiautoritäre Westen von einem nachgerade nordkoreanischen Regiment zu Cottbus, von Ordnungsritualen, von entkräfteten Spielern, die sich im Training erbrächen. Torwart Georg Koch, Exdüsseldorfer, sprach den wahrhaft einheitsdeutschen Satz: Ein paar Wochen Geyer, und man ist kein Wessi mehr.