Der New Yorker Journalist Steven Vincent gehörte zu den wenigen westlichen Journalisten im Irak, die es noch wagten, ohne Leibwächter oder "eingebettet" in den Schutz von amerikanischen oder britischen Truppen auf Recherche zu gehen. Er bewegte sich in der "roten Zone", im Gegensatz zu der schwer befestigten und bewachten "grünen Zone" in Bagdad, wo sich unter anderem die riesige US-Botschaft, westliche Diplomaten und die irakische Übergangsregierung verschanzt haben. So hießen denn auch Vincents 2004 erschienenes Buch In the Red Zone. A Journey into the Soul of Iraq ( In der Roten Zone: Eine Reise in die Seele Iraks ) und sein Weblog schlicht redzoneblog.com .

Diese Mischung aus Mut und Leichtsinn wurde ihm in der südirakischen Hafenstadt Basra, die von den Briten kontrolliert wird, offenbar zum Verhängnis. In der Nacht zum Mittwoch wurde er mit mehreren Kugeln in Kopf und Oberkörper tot aufgefunden, die Hände mit einer Plastikschnur zusammengebunden und ein rotes Tuch, wohl eine Augenbinde, um den Hals geschlagen. Gemeinsam mit seiner Übersetzerin Nour al-Khal war er am Abend zuvor entführt worden, als die beiden eine Wechselstube in der Innenstadt von Basra verließen, gegenüber dem Merbid Hotel, wo Vincent wohnte. Nach Angaben der Nachrichtenagentur AP sollen die maskierten Kidnapper einen Polizeiwagen gefahren haben. Al-Khal überlebte schwer verletzt.

Vincent, ein frei arbeitender Journalist, der seit 25 Jahren im East Village von Manhattan lebte und eigentlich Kulturkritiker war, beschäftigte sich erst seit den Anschlägen vom 11. September 2001 mit der islamischen Welt. Seit 2003 besuchte er regelmäßig den Irak. Er war ein starker Befürworter der Invasion zum Sturz Saddams, die er als Teil eines globalen Kriegs der USA gegen den "Islamo-Faschismus" verstand. Allerdings kritisierte er zuletzt scharf die bislang weitgehend erfolglosen Aufbaubemühungen, die stetig steigende Dominanz religiöser Parteien im Irak und die Unterdrückung von Frauen.

In Basra, wo er seit einigen Monaten für ein Buch recherchierte, fiel ihm all dies besonders deutlich auf. In einem Meinungsartikel, den die New York Times am 31. Juli veröffentlichte, schrieb er von der immensen Unterwanderung der Polizei in Basra durch Anhänger religiöser Parteien und Milizen, insbesondere durch den ursprünglich in Iran gegründeten Supreme Council for the Islamic Revolution in Iraq (Sciri) und durch Anhänger des radikalen Schiitenführers Moktada al-Sadr. Dies führte dazu, dass den Irakern keine Sicherheit gegeben werde; vielmehr handelten einzelne Polizeieinheiten gemäß religiöser und ethnischer Loyalitäten. Der britischen Armee, die für die Ausbildung der Polizei zuständig ist, warf er vor, unwillig oder unfähig zu sein, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten. 

Vincents Bericht war nicht der erste, der Zweifel an der angeblich ruhigen Lage im Südirak aufkommen ließ. Bereits Ende Mai veröffentliche die linksliberale britische Tageszeitung The Guardian ein Interview mit dem Polizeichef von Basra, General Hassan al-Sade, der unumwunden zugab, er habe die Kontrolle über Dreiviertel seiner Truppe verloren. Schon im Sommer 2004, als der 23-jährige, freie, britische Journalist James Brandon in Basra von Anhängern al-Sadrs entführt, zusammengeschlagen und zum Schein exekutiert worden war (die Sache ging am Ende glimpflich aus), konnte man ins Grübeln kommen. Denn Brandon wurde, nachdem ihm zwischenzeitlich die Flucht gelang, aus der vermeintlichen Sicherheit einer Polizeistation zurück in die Gefangenschaft gezerrt.

Der Mord an Steven Vincent ist der erste an einem amerikanischen Reporter und nach Angaben des New Yorker Komitees zum Schutz von Journalisten der 14. Tod von im Irak arbeitenden Journalisten seit Jahresbeginn. Noch ist nicht klar, wer die Täter waren. Doch der Fall bestätigt, wie Berichte von kürzlich aus dem Irak zurückgekehrten Korrespondenten, ein stetig steigendes Maß an Gesetzlosigkeit auch im Süden Iraks und erhöhte Spannungen zwischen den Religionsgruppen. Manche sprechen bereits vom latenten Bürgerkrieg.

Vincent wollte nach dem 15. August, wenn die irakische Verfassung verkündet werden soll, nach New York zurückkehren. Jetzt ist er offenbar den Verhältnissen zum Opfer gefallen, die er beschrieb und kritisierte. In seinem Beitrag für die New York Times erwähnte er die Existenz eines "Todeswagens", eines weißen Toyotas, mit dem Polizeioffiziere auf dem Weg zu gezielten Exekution durch die Straßen von Basra führen. Über die Farbe des Wagens, mit dem Vincent und al-Khal entführt wurden, ist noch nichts bekannt.