Bundeskanzler Gerhard Schröder und der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering haben ihrer Partei dringend geraten, die Debatte über eine große Koalition mit CDU und CSU zu beenden. Schröder sagte am Montag, er wolle seine Arbeit in der bestehenden Koalition mit den Grünen fortsetzen. Darüber müssten am 18. September die Wähler entscheiden. "Bis dahin rate ich jedem in meiner Partei, von Koalitionsdebatten Abstand zu nehmen. Dem sollten sich alle verpflichtet fühlen", zitiert die Financial Times Deutschland den Kanzler.

Auch Müntefering forderte seine Partei auf, Bündnisspekulationen einzustellen. "Kontraproduktiv ist zweierlei: Spekulationen über Koalitionen nach dem 18. September 2005; flinke Ideen am SPD- Wahlmanifest vorbei", mahnte er.

Schröder betonte, einziges Ziel seiner Arbeit sei, "die SPD so stark zu machen, wie es irgend geht, also die SPD zur stärksten Partei zu machen." deshalb habe er keine Zeit für Koalitionsdebatten und "halte sie auch für falsch".

Bei den Grünen stießen die Spekulationen ebenfalls auf Unverständnis. Der Spitzenkandidat, Außenminister Joschka Fischer, sagte, gerade weil sich der Wind zugunsten von Rot-Grün drehe, sei dies völlig unsinnig und ein "Kniefall" der SPD vor der CDU.

Am Wochenende hatten sich Wirtschaftsminister Wolfgang Clement, Finanzminister Hans Eichel und der frühere Ministerpräsident Peer Steinbrück (alle SPD) offen für eine große Koalition gezeigt haben. Auch Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) kommentierte diese Möglichkeit am Montag positiv.  Ziel sei eine Weiterführung der rot- grünen Regierungsarbeit, sagte Schily. "Aber wenn die Wahlentscheidung anders aussehen sollte, dann darf man sich der Option auch einer großen Koalition nicht von vornherein widersetzen." Eine Mitarbeit in einer möglichen großen Koalition macht Schily davon abhängig, dass die SPD stärkste Partei wird und der Bundeskanzler abermals Gerhard Schröder heißt.

Diese Gedankenspiele führender Sozialdemokraten hat vor Fischer auch andere Grüne auf den Plan gerufen. Ihr Vorsitzender Reinhard Bütikofer sieht in der SPD-Debatte einen "Beweis für die Orientierungslosigkeit maßgeblicher Sozialdemokraten". Nach jüngsten Umfragen reicht es bei der Wahl am 18. September möglicherweise nicht für eine Mehrheit von CDU/CSU und FDP.

Der Leipziger Volkszeitung sagte Bütikofer: "Wenn diese Herren in die große Koalition wollen, dann sollten sie vorher zu Protokoll geben, um wie viel Prozent sie die Mehrwertsteuer erhöhen wollen, ob sie die unsoziale Kopfpauschale im Gesundheitssystem durchsetzen, wie weit sie die Arbeitnehmerrechte weiter einschränken, welche Außenpolitik sie betreiben und ob sie deutsche Soldaten in den Irak entsenden wollen." Die Fraktionsvorsitzende der Bundestags-Grünen, Krista Sager, bezeichnete eine große Koalition als den "dümmsten gemeinsamen Nenner".