Was ist bloß mit Westerwelle los? Er wirkt wenig präsent auf dem Berliner Parkett. Schaute diese Woche zu Genschers und Gerhardts Auftritt bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik am Tiergarten vorbei, die zur OSZE sprachen. Und eilte gleich wieder davon. Vielleicht um jenes Plakatproblem zu lösen, von dem gleich noch die Rede sein wird.

Guido Westerwelle ist als Spitzenkandidat der schwierigste Fall in dieser Woche, viel schwieriger als Gysi-Lafontaine morgen. Er hat vieles, was ein Politiker haben sollte: Intelligenz, Rhetorik, Flexibilität, sogar Manieren. Doch selbst nach jahrelanger Beobachtung vermag man nicht einzuschätzen, wofür er steht. Westerwelle verkörpert nicht die alte sozialliberale Partei, er verkörpert aber auch nicht den Wirtschaftsliberalismus (dafür kennt er sich zu wenig im Fach aus).

Seine Unschärfe ist freilich auch die seiner Partei. Steuern senken zu wollen allein ist jedenfalls noch kein Profil. Und die auffälligsten Formulierungen des heute vorgestellten Forschungs- und Innovationspapiers rücken den angeblichen Heuschreckenfreundschaftskreis gar in die Nähe der Sozis: Da geht es um die Biopolitik. Die FDP spricht sich für (streng kontrolliertes) Klonen in therapeutischer Absicht aus, so wie auch Gerhard Schröder.

Ist das mutig? "Mehr Mut" steht auf dem Plakat von Guido Westerwelle zu lesen, aber verbindet man Mut mit diesem Mann? Spätestens nicht mehr, seit er wochenlang gezaudert hatte (aus wahlstrategischen Gründen), Möllemann aus der Parteispitze zu entfernen, nachdem dieser ein antisemitisches Flugblatt verteilt hatte – übrigens in einer ähnlichen Situation wie der gegenwärtigen, als nämlich die FDP das Gefühl hatte, aus dem Umfragetief nicht herauszukommen.

Vor allem aber wirken die Liberalen wie eine Ansammlung von Individualisten, die nicht allzu viel verbindet. Hier die Fraktion, die sich gerne ein wenig von der Parteizentrale absetzt. Da die alten Seelen Hirsch und Co., die von Westerwelle zu Statisten gemacht wurden, während er doch selbst aus der Ära Kohl stammt. Hier Adam-Schwaetzer, verloren wirkend, da Hamm-Brücher, die Partei bereits von außen ignorierend. Vielleicht ist es das: Westerwelle gelingt es nicht, die Kräfte untereinander zu verbinden. Keine Visionen, keine neue Bürgerrechtspartei, die hör- und sichtbar um die Freiheits- und Datenschutzrechte der Bürger kämpft. Dabei sind die Grünen auf dem absteigenden Ast, manche von ihnen sehnen sich gar nach der Opposition, um sich grundlegend zu erneuern. "Wer auf Mehrheit aus ist, lässt die Wahrheit lieber im Kleiderschrank", schreibt Theo Sommer heute in der ZEIT – aber auch: "Die Wahrheit muss auf den Tisch – und die Politik muss ihre Fähigkeit zur Erneuerung beweisen". Hier liegt vielleicht doch eine Chance der Freidemokraten. Denn sie müssen keine Mehrheiten erringen und könnten es sich eher als die Großen leisten, die Wahrheit zu sagen. Dass Westerwelle auch das nicht erkennt, spricht nicht für ihn.

Und da wäre noch das Problem, das die Wahlkampfzentrale mit ihren Plakaten hatte, die an Bäume in der freien Natur gelehnt werden sollen. Was, wenn in diesem Sommer zuviel Gras wächst – und das FDP-Signet rechts unten so verdeckt wird, dass die Partei verschwindet? Im Falle des Vorsitzenden Westerwelle haben die liberalen Grafiker das Symbol nach rechts oben verschoben. Auch ein Aufstieg.