Berlin - Hilfe! Die Woche hat ohne Christiansen am Sonntagabend begonnen! (Die Frau ist ja doch aus echtem Fleisch und Blut und macht Urlaub.) Fühlen wir uns deswegen leer? Wissen nicht, was kommt? Im Gegenteil: Zweifel tauchen auf, ob diese schöne Stunde am Sonntagabend nicht öfter mal frei von Politik bleiben sollte.

Und was wird das nun für eine politische Woche in Berlin? Worum werden die Gespräche beim Frühstück und Plat du jour mittags im Café Einstein Unter den Linden kreisen? Erahnen lässt sich das schon. Am Freitag wird vermutlich der Höhepunkt der Woche besprochen werden: Angela Merkels Auftritt am Donnerstagabend bei Maybritt Illner im ZDF. Zwei prominente Frauen mit DDR-Hintergrund sprechen über die sich anbahnende neue Berliner Republik, die mit Sicherheit und definitiv das Ende der alten Bonner West-Republik sowie der anschließenden, rot-grünen Transformationsphase (beginnend mit dem Regierungsumzug) bedeuten wird. Denn eines müssen selbst die schärfsten Kritiker von Gysi und Lafontaine zur Kenntnis nehmen: Die PDS, die eigentlich im Westen und in den (westdeutsch dominierten) Köpfen der Chefredakteure fünfzehn Jahre lang nie ganz ernst genommen wurde, hat nun Verstärkung im Westen bekommen, und die Lage ist dadurch eine andere geworden.

Auch wenn Oskar Lafontaine besser nicht zum Außenpolitiker und Fachmann für Afghanistanfragen mutiert wäre, so hat er doch ökonomisch-soziale Fragen aufgeworfen, die gestellt werden dürfen und die unsere politische Debatte bereichern. Und falsche Fragen gibt es nicht, nur falsche Antworten (auch bei Lafontaine). Welcher andere Spitzenpolitiker traut sich denn derzeit, die Wirtschaftswissenschaftler zu kritisieren für das, was sie dem Land eingebrockt haben: Die vermeintliche Sicherheit, dass man nur einer bestimmten Theorie zu glauben und diese politisch zu befolgen braucht, um dann die Wirtschaft wieder in Schwung zu bekommen? Tatsache ist, dass heute kein Ökonom voraussagen kann, welches Gesetz, welche Maßnahme der Politik die Konjunktur ankurbeln könnte. Einig sind sich Lafontaine und Merkel immerhin in einem Punkt: Die Leute geben mehr Geld aus, wenn sie netto mehr in der Tasche haben.

Ratlosigkeit. Auch unter den Wahlkampfstrategen aller politischen Richtungen, die noch im Frühsommer in Journalistenkreisen saßen und verkündeten, die Wahl sei schon gelaufen. Die Hauptfrage, um die sich nun alles dreht: Was machen jene enttäuschten Wähler, die letztes Mal noch Rot-Grün gewählt haben, nun aber ernüchtert Schröder-Fischer den Rücken kehren - aber zugleich realisieren, dass Merkels Union ebenfalls nur unvollständige Rechnungen und halbe Wahrheiten anzubieten hat. Was also tun diejenigen, die an Schröder wie Merkel Zweifel haben? Wenn sie mit ihrer Zweitstimme zu den kleinen Koalitionspartnern wandern, entscheiden sie ja auch wieder nur über Schwarz-Gelb oder Rot-Grün. Werden diese Menschen, von denen es dieses Mal sehr viele gibt (eindeutig mehr als bei der Bundestagswahl 2002), vielleicht gar nicht wählen gehen oder Gysi und Lafontaine als agents provocateurs zu schätzen lernen und ins Parlament holen – und damit womöglich die Große Koalition bewirken? Oder wird am Ende, ernüchtert bis zum Magengrund, eine geschwächte SPD doch noch auf ihren Wowereit in Berlin hören und mit den neuesten Roten koalieren?

Es war ja nur Schröder, der sagte, er werde nicht mit Lafontaine regieren. Ach ja, und Müntefering. Aber es gibt dazu keinen SPD-Parteitagsbeschluss, der diese Option ablehnt. Und Schröder wird ohnehin nicht mehr regieren, selbst wenn er noch durch ein Wunder wie 2002 einen Stimmenzuschlag bekommt. Nach der Wahl ist der Weg frei für Koalitionen aller Art. Angst zu haben brauchen wir davor nicht. Dies hier ist Berlin im Jahre 2005, eine aufwachende Republik. Unter der wunderschön transparenten Reichstagskuppel von Norman Foster tagt eine stabile Demokratie.