Hans Eichel, wissen Sie noch? Ja, Bundesfinanzminister und die tragischste Figur des Kabinetts. Längst auserkoren als Sündenbock für alle Fehler. Tausendmal von Schröder in eine neue finanzpolitische Kehrtwende getrieben. Hat aber auch alles brav mitgemacht und nur morgens in den Spiegel gegrummelt und den Kanzler gelegentlich verflucht. Also wenn dieser Hans Eichel nun die große Koalition ins Spiel bringt, dann ist da was dran.

Endlich, möchte man erleichtert rufen! Wenn man nicht schon wieder vor Ärger über das Wie einen roten Kopf bekäme.

Wenn derjenige, der sicher weiß, nach der Bundestagswahl kein Ministeramt mehr innezuhaben, so ein Thema anzuschneiden wagt, muss das andere Gründe als persönliche Karriereüberlegungen haben (also nicht die, den eigenen Posten zu retten – wie man es dem schon länger in der Innenpolitik großkoalitionär-konsensfähig-überparteilich agierenden Schily und dem oft-nicht-auf-Parteilinie-zu-bugsierenden Clement unterstellt). Andere Gründe! Könnte es sein, dass es Hans Eichel ums Gemeinwohl geht? Es wäre dem Manne zuzutrauen, der einfach nur der falsche Typ Finanzminister zur falschen Zeit war (vom New-Economy-Boom 1998/99 in die Total-Rezession).

In jeder Bundesregierung ist das Finanzministerium neben dem Kanzleramt das Zentrum der Macht (weil es um den Bundeshaushalt geht, den in der Berliner Wilhelmstraße täglich abertausend Ministerialbeamte durchrechnen), gleichzeitig ist der Minister ein zahnloser Tiger, weil all seine Ministerkollegen letztlich mit ihren Haushalten machen können, was sie wollen – wenn sie das wollen, was auch der Kanzler will. Und basta. Wenn der Eichel sparen will, aber die anderen nicht, dann hat der Eichel verloren. So ungefähr ging das sieben Jahre. Aber dieser Finanzminister dürfte wissen, welche politischen Entscheidungen in nächster Zukunft anstehen, um zu verhindern, dass die kommenden Generationen nicht komplett von der Staatsverschuldung erdrückt werden. Eichel weiß, dass in diesem Jahrzehnt derart unpopuläre Entscheidungen fällig sind, dass Hartz IV im Vergleich zu ihnen ein Augenzwinkern war. Und er weiß, dass das nur mit den Ländern geht, mit dem Bundesrat. Der aber gehört zur Zeit erst mal der Union. Eichel weiß das alles. Er darf es nur nicht so laut sagen (wegen Schröder).

Eichel weiß also , dass die große Koalition (auf Zeit!) vielleicht die beste Lösung ist.

Das alles wäre nur zu verhindern gewesen, wenn die Föderalismus-Reform gekommen wäre. Aber sie ist kläglich gescheitert. So wie Schwarz-Gelb bis 1998 und Rot-Grün bis heute scheitern an den großen Reformen der sozialen Sicherungssysteme. Warum aber sollte das unter einer neuen Koalition, der wieder einmal eine große Volkspartei nicht angehört, eigentlich besser werden? Gar, wenn Merkel "durchregiert"? Es ist wahrscheinlicher, dass Venus und Mars zusammenstoßen, als dass Deutschland in den nächsten zwölf Monaten eine vernünftige Föderalismus-Reform hinbekommt. Dem Wahlvolk ist das mittlerweile klar, deswegen sind die Umfragewerte für die große Koalition derzeit so hoch.