Neun Babyleichen machen Wahlkampf. Der brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm hat die Kindstötungen von Frankfurt/Oder in die politische Arena befördert. "Ich glaube", sagte der CDU-Mann, "dass die von der SED erzwungene Proletarisierung eine der wesentlichen Ursachen ist für Verwahrlosung und Gewaltbereitschaft." Recht eigentlich zielt diese Bemerkung freilich nicht auf den durchgeknallten Ossi als solchen, sondern auf die Sozialisten von gestern, heute und morgen, sprich: SED, PDS und Linkspartei.

Gleichwohl schäumt selbst in Schönbohms eigenen Parteireihen manch einer vor Wut. Auch die meisten Kommentatoren prangern die Äußerung des Ex-Generals als Entgleisung oder, wie die Süddeutsche Zeitung , als "ideologischen Sperrmüll" an.

Mit Ausnahme der FAZ . Dort klopft man Schönbohm kurz und brüderlich auf die Schulter. Der Glossist zitiert noch einmal Schönbohms Satz und setzt knapp dahinter: "Treffer. Daher das Geschrei." Das ist die argumentativ denkbar kürzeste Form der Verteidigung, und die hat Schönbohm nicht verdient. Ein bisschen mehr Differenzierung hätte man von dem Frankfurter Kollegen schon erwartet.

Also, genau betrachtet: Was ist falsch, was ist richtig an Schönbohms Behauptung?

Zunächst mal besteht der Fehler nicht darin, dass Schönbohm eine Verbindung zwischen Proletarisierung und Gewaltbereitschaft herstellt. Denn die gibt es ohne Zweifel. Im Arbeitermilieu wird mehr geprügelt als im Villenviertel.

Nein, der Fehler besteht zum einen darin, dass Schönbohm eine Verbindung zwischen der spezifischen SED-Proletarisierung und Kindsmorden herstellt. Sicher, die SED-Diktatur war menschenverachtend. Aber sie war - und das ist so paradox, wie es klingt - eben nicht kinderverachtend. Wenn sich die sozialistische Führungsriege um eines wirklich sorgte, dann um Nachwuchs in ihrem ummauerten Arbeiterstaat. Um Krippenplätze musste sich in Ostdeutschland nun wirklich keine Mutter Gedanken machen. Junge Paare erhielten bei der Hochzeit zudem großzügige Familiengründungskredite. Die konnten zurückgezahlt werden, oder aber durch Nachwuchserzeugung getilgt werden. "Abkindern" nannten die DDR-Bürger das.

Schönbohms nächster Fehler ist der, eine Verbindung herzustellen zwischen Gewaltbereitschaft und Kindsmorden. Gibt es denn irgendeinen Anhaltspunkt dafür, dass die Frankfurter Mutter besonders gewalttätig gewesen ist? Die Kindstötung ist ein sehr spezielles Verbrechen, dass, jedenfalls in dieser Häufung der Taten, mehr mit psychologischer Verdrängung als mit Aggression zu tun haben dürfte. Und was den soziologischen Aspekt betrifft: Es gibt weitaus gewalttätigere Gesellschaften, in denen Kinder trotz allem als Allerheiligstes gelten. Man werfe nur mal einen Blick auf die katholischen Arbeiterviertel in den Städten Nordirlands. Eine barbarisiertere, konfliktbeladenere Umgebung wird man in Westeuropa schwerlich finden. Und doch setzen junge Frauen dort lieber sechs, sieben Kinder in die Welt, als an Abtreibung auch nur zu denken.