Eigentlich möchte man sich mit Otto Schilys Idee beschäftigen, der Terror-Verdächtigte ohne konkreten Tatverdacht inhaftieren lassen will. Oder mit Wolfgang Gerhardt, der als erstes seinen Kollegen in Rom anrufen und die Sache mit dem deutschen Weltsicherheitsratssitz klären wird, wenn er erst Außenminister ist. Aber leider dröhnt der Donnerhall, den der brandenburgische Innenminister mit seinem Spruch über die "erzwungene Proletarisierung" der DDR durch die politische Landschaft geschickt hat, noch immer in den Ohren.

Da hielte man es doch am besten mit Hanns Dieter Hüsch: "Ich sag erst mal gar nichts. Das mache ich immer, wenn mir einer was Dummes sagt. Soll er doch selber sehen, wie er damit klarkommt." Recht hat er und auch die Hannoversche Allgemeine , wenn sie fordert, von Politikern wünsche man sich angesichts von Verbrechen, die sich der Erklärung durch politische Kategorien entziehen (also des Kindermords in Brieskow), eine neue Kultur des Schweigens. Wünscht man sich übrigens auch von Kommentatoren, die sich nicht enthalten können, ermordete Kinder in Ost und West gegeneinander aufzurechnen.

Doch nun erwächst aus der Bewertung dieser grausamen Tat doch noch der eben erst so vehement abgelehnte Sonderwahlkampf Ost.

Denn im sonst so ehrlichen Wahlkampf finden Politik und auch Medien in Schönbohms Spruch ein Mittel, ideologische Grabenkämpfe wiederzubeleben. Da beschwören die einen die moralisch und ökonomisch erfolgreiche bürgerliche Welt, die im Osten vernichtet worden sei. Dafür hämmern die anderen wieder einmal jene These, in der DDR sei doch nicht alles schlecht und der Sozialismus auch ein bisschen gut gewesen.

Wenigstens der Tagesspiegel löst sich von diesen Thesenzwängen und entdeckt, dass das gesamte Land noch an den Folgen jener "Vergesellschaftung der Individuen" trägt, die das DDR-Regime über vierzig Jahre hinweg oktroyierte. Und findet es befremdlich, dass eine ostdeutsche Kanzlerkandidatin dazu nichts zu sagen hat. Doch leider endet der Kommentar an dieser Stelle, sozusagen auf der halben Strecke, und soll deshalb hier fortgeschrieben werden. Denn zum Erbe, das das Land von der DDR zu übernehmen hatte, gehört auch ein Umstand, der den Westdeutschen nach zwölf Jahren Nazi-Diktatur vorenthalten blieb: Nämlich die Erfahrung, dass Veränderung, politisch, gesellschaftlich wie auch ökonomisch, nicht nur nötig, sondern eben auch möglich ist - sogar unter bedrückenden Umständen.

Vielleicht hülfe es - in der vielbeklagten "tiefsten Krise Deutschlands" seit soundsoviel Jahren -, die "Ostseele" nicht ausschließlich durch das Guckglas zu betrachten, das uns Linkspartei und westdeutsche Altvordere hinhalten.