Fahrig wirkt der Wahlkampf zur Zeit, und die Kommentierungen desselben machen einen entsprechenden Eindruck. Der Zeitungsstapel neben der Kaffeetasse birgt heute in erster Linie Neues über Iran, Discovery und andere Zitterpartien. Lasen wir in den gestrigen Zeitungen wenigstens noch Dezidiertes über Koalitionsspiele, so scheint es heute, als hätten die ermatteten Überregionalen das Thema an die Regionalblätter delegiert.

Eine rühmliche Ausnahme stellt der Kommentator der WELT dar, der kopfschüttelnd schreibt: „Wenn der Wahlkampf kein Thema hat, dann wird der Wahlkampf selbst zum Thema.“ Ein selbsterzeugendes System (auch unsere Pressekommentare auf ZEIT online sind eines). Solche Systeme können durchaus an sich selbst zugrunde gehen, eine Gefahr, die der Kollege von der WELT ebenfalls sieht, wenn er schreibt: „... atemberaubend ist deshalb, dass im Gegenzug Union und FDP nichts anderes einfällt, als Streit im eigenen Lager anzufangen: Vorbeugend wird schon der Schuldige dafür gesucht, dass es mit der eigenen Mehrheit wieder nicht geklappt haben könnte am 18. September.“

Angesichts dieses Streits an Bord von Schwarz-Gelb sorgt sich die Thüringer Allgemeine : „Es wächst die Angst, im Herbst wirklich mit Angela Merkel und Guido Westerwelle allein gelassen zu werden. Und wer möchte das schon?“ Da ist etwas dran, zumal eine Bundeskanzlerin Merkel, die einer großen Koalition vorstünde, ein dickes Problem hätte, das die Abendzeitung aus München so beschreibt: „Vom ersten Tag ihrer Amtszeit klebte ihr der Makel an, eine einmalige Wechselstimmung versiebt zu haben.“

Und die SPD? Allerliebst gestern der Bundeskanzler im Fernsehen: „Es geht darum, meine Partei so stark wie irgendwie notwendig und auch möglich zu machen.“ Wenn es so etwas gibt wie Freud’sche Versprecher, dann war das einer. Fragt sich übrigens, ob Schröder ernsthaft sauer war auf seine Kabinettsmitglieder, die allerlei unbekümmerte Antworten auf schwarzrote Fragen gegeben hatten. Über sie spekuliert der Tagesspiegel heute sehr hübsch: Das Hantieren mit der „Großen Koalition“, wie es zur Zeit von Eichel, Clement und Schily vorgeführt wird, solle „ablenken von einer Konstellation, die rechnerisch schon lange möglich ist, über die allerdings noch keiner so recht redet - die schwarz-grüne Koalition.“ Nichts ist unmöglich.

Wer soll da die Übersicht behalten? Die Bild zeitung endet ihren heutigen Kommentar mit dem Verzweiflungsruf: „Der Wähler will Klartext und Orientierung!“ Wer weiß. Sähe es die Unionsführung genauso, dann hätten wir einen Wahlkampf, in dem um Wirtschafts- und Sozialpolitik mit eindeutigem Frontverlauf gestritten wird. Aber Merkel will keinen Merz.