Es gibt Dinge, die man über Bagdad unbedingt wissen möchte, und es gibt Dinge, die man nicht so genau wissen will und auch nicht sollte, denn sie verstellen nur den Blick auf die gepeinigte Stadt. Das ist der erste Gedanke, der einen erfasst, nachdem man 74 Minuten lang Underexposure gesehen hat, den ersten irakischen Spielfilm nach dem Krieg.

Nicht wissen will man, was den Regisseur und Hauptdarsteller Hassan umtreibt, während er versucht, einen Film über Bagdad zu drehen. Leider wird Underexposure zu einem guten Teil vom bohrenden Zweifel dieses Künstlers begleitet, von seiner umständlichen Selbstzerfleischung und seinen bemühten philosophischen Betrachtungen. In der Schlussszene kommen diese Überlegungen an ihren Höhepunkt. Auf einem Schuttkegel in einem ausgebrannten Haus sitzend, richtet er einen zornigen Blick auf die Zuschauer und sagt: "Ich hasse euch. Ich hasse euch! Warum dieser Film. Warum?!"

Man möchte Bagdad kennen lernen, nicht den Filmemacher

Man verstünde gerne, warum Hassan so hasst, und wen genau. Allzu gerne hätte man ihm einen Rettungsring zugeworfen: "Deshalb hast du den Film gemacht, genau deshalb!" Und einen kräftigen, aufmunternden Applaus hätte man auch gleich hinterhergeschickt. Aber leider geht das nicht, denn bis zum Ende ist nicht klar, warum Hassan diesen Film drehen will, ja, warum er davon geradezu besessen ist, so sehr, dass er selbst die Beziehung zu seiner geliebten Frau aufs Spiel setzt. Er berichtet von seinen Freunden, von den Nachbarn, von ihrem Elend und ihren Ängsten. Überall herrscht Verwirrung. Es geht um Dreck, um Tod und um Liebe.

Genug Themen für einen guten Film, aber alles Große, alles Bewegende wird nur gestreift, flüchtig, schlampig geradezu. Hassan, der Filmemacher im Film, wird sich nicht klar über seine Motive, und der Zuschauer versteht ihn nicht und verzeiht ihm deshalb wenig. Das alles wäre eigentlich kein Problem, wenn es Regisseur Oday Rasheed nicht zu einem machen würde. Die Wahrheit nämlich ist, dass die selbstsüchtige Suche dieses Regisseurs nach Sinn und Film absolut unerheblich ist, angesichts des schaurig-grandiosen Stoffes, der schlicht "Bagdad" heißt. Diese Stadt möchte man kennen lernen, nicht den Filmemacher.

Regisseur Oday Rasheed versucht durchaus, Bagdad zu porträtieren. Sein Projekt ist darauf angelegt, die Stadt der vielen Kriege, der vielen Niederlagen zu zeigen. Wenn er kommentarlos die Kamera durch die Straßen schweifen lässt, paradieren vor dem Auge des Zuschauers in würdevoller Formation die geschwärzten Fassaden, die eingestürzten Häuser, all die schütteren, ausgemergelten Knochen der Metropole. Das sind stille, intensive Momente, die eine Ahnung davon vermitteln, was einem diese Ort noch alles geben könnte, dem Zuschauer, aber auch seinen Bewohnern. Doch dann feuert Hassan wieder seine krachende Ich-Pistole ab: "Bagdad ist eine Straßenbahn, die sich in Bagdad verfahren hat." Sofort ist man eingehüllt vom Pulverdampf dieses Bedeutungsfeuerwerks. Das ist schade.

Es gibt allerdings einen Trost. Auch das größte anzunehmende Ego kann die Stadt Bagdad nicht mit seinem Schatten verdunkeln. Das Schicksal hat sie zu einer professionellen Überlebenden gemacht. Noch in den kältesten, in den grausamsten Winkeln vermag sie zu überdauern, bis bessere Zeiten anbrechen, bis die Amerikaner kommen, oder eine demokratische irakische Regierung oder sonst wer sie wieder ins Unglück stürzt. Bagdad scheint immer in der Lage zu sein, das jeweilige Desaster gerade noch zu überleben, schnell einmal Luft zu holen, bevor es erneut durch die Geisterbahn gejagt wird. Es ist gerade noch Zeit genug für den alten Abu Shaker, einen Satz auszusprechen, der das Schicksal seiner Heimatstadt auf den Punkt bringt. Das Ohr an das Transistorradio gedrückt, sagte er: "Sie schicken uns die Japaner! Made in Japan!" Dann lacht er, und schon geht es weiter zur nächsten Höllenfahrt.

Wie eine Metapher für Bagdads Lebenskraft wirkt deshalb Omar Rasheeds Entscheidung, Filmmaterial aus alten, großteils geplünderten Beständen des irakischen Kulturministeriums zu verwenden. 9000 Meter hat Rasheed vor dem Einschmelzen bewahrt. Auf diesem abgelaufenen Material hat er seine Geschichte festgehalten, und natürlich geschah dies alles so gut wie ohne Budget. Also ist es ein Wunder, dass es diesen Film gibt, nicht unbedingt ein schönes, aber immerhin ein Wunder.