Wie eine tödliche Krankheit dringt der Konflikt um Irans Atomprogramm mit wiederkehrenden Schüben ins öffentliche Bewusstsein. Jedes Mal mischt sich ein Gefühl der Ohnmacht mit der Hoffnung, die Diplomatie möge doch noch ein Linderungsmittel bereithalten. Und kaum dass die alarmierenden Symptome ein wenig zurückgehen, ist der Stoßseufzer des Atomzeitalters zu vernehmen: Wir sind noch einmal davongekommen.

Iran liegt inmitten jener Weltgegend, in der wie nirgendwo sonst Religionsfanatismus und Nationalismus wüten. Seine Nachbarn sind der Irak und der kurdische Teil der Türkei, das despotische Turkmenistan, Afghanistan und Pakistan; zur weiteren Umgebung zählen Saudi-Arabien und Israel sowie die instabilen Staaten Zentralasiens. Iran kontrolliert den Persischen Golf sowie riesige Gas- und Ölreserven. Ein Drittel der rund 69 Millionen Iraner ist zwischen 15 und 29 Jahren jung, ein Teil von ihnen wissenschaftlich-technisch gut ausgebildet.

Ausgerechnet dieses Land lebt seit 26 Jahren unter einem Regime, das die Menschenrechte missachtet, Israels Existenzrecht leugnet, Terroristen unterstützt. Und das nach Atomwaffen strebt: eine Weltgefahr. Seine Raketen können Israel erreichen. Besäße es die Bombe, dann dürfte Israel sich als Atommacht outen – und damit den Startschuss für Nuklearrüstung in Ägypten, Saudi-Arabien und Syrien geben; weitere Länder würden folgen, zum Beispiel die Türkei. Nicht zu vergessen: Irans Raketen könnten Ziele mitten in Europa treffen. Auch in Deutschland.

Irans Atomprogramm ergäbe zwar auch Sinn, wollte das Land die Kernenergie lediglich dazu nutzen, seine fossilen Reserven zu schonen. Der designierte Außenminister Ali Akbar Salehi, Diplomat und Physiker, beweist dies jedermann lückenlos und in sanftem Ton. Aber beunruhigende 18 Jahre lang hat Iran die Welt über das Ausmaß seiner Aktivitäten in die Irre geführt. Im Umkreis der Macht wird überdies regelmäßig die Forderung nach Kernwaffen laut; auch der neue Chef des Nationalen Sicherheitsrats hat sie formuliert. Weshalb sich England, Frankreich und Deutschland im Auftrag der EU um einen Deal bemühen: Sie wollen Iran die Fähigkeit abhandeln, mittels Urananreicherung Kern brenn stoff herzustellen, denn wer das kann, der kann auch Kern spreng stoff produzieren. Teheran willigte ein, die Arbeit an dieser Technologie während der Verhandlungen auszusetzen. Jetzt indes wurde die erste Stufe der Uranverarbeitung in Isfahan in Betrieb genommen. Eine Ohrfeige für die Europäer, die gerade ein umfassendes Angebot unterbreitet hatten. Darin sicherten sie wirtschaftliche (auch nukleare) Zusammenarbeit zu, befürworteten eine atomwaffenfreie Zone (brisant, wegen Israel) sowie Sicherheitsgarantien. Gegenleistung: Verzicht auf die Urananreicherung.

Doch Irans Diplomaten mauern. Sie wissen, wie man Preise treibt, und auch, dass viele Entwicklungs- und Schwellenländer im EU-Angebot nur technologische Diskriminierung sehen. Die Mullahs profitieren davon, dass die New Yorker Konferenz zur Reform des Atomwaffensperrvertrages im Mai 2005 gescheitert ist. Diese sollte erreichen, dass sich ein Fall Nordkorea nicht wiederholen kann: Ein Land entwickelt legal seine Atomtechnik, um sich dann aus dem Vertrag zu verabschieden und die Bombe zu bauen.

Das Scheitern der Reform haben nicht zuletzt die Nuklearmächte zu verantworten, die ihrer Vertragspflicht zur Abrüstung unzureichend nachkommen. Misslich ist auch die stecken gebliebene Reform der Vereinten Nationen. Der Sicherheitsrat wird von den Kernwaffenstaaten dominiert, die einander oft wechselseitig blockieren. Damit ist auch zu rechnen, falls dort die Causa Iran zum Thema wird; China schont die Mullahs, weil es ein Präjudiz für das Nordkorea-Problem vermeiden will. Der Sicherheitsrat ein stumpfes Schwert, militärische Optionen mangels geeigneter Punktziele sinnlos: Drohen kann der Westen Iran nicht. Weshalb über neue Angebote nachgedacht wird, etwa die teilweise oder gänzliche Hinnahme der Urantechnik, wenngleich unter Aufsicht. Doch was, wenn Iran die Inspektoren rauswirft, sobald es atomar rüsten kann?

Es bleibt nur eines: Weiterverhandeln, Zeit gewinnen, auf China und Russland einwirken. Das aber kann nur Amerika. Sicherheitsgarantien für Iran, das sich umzingelt wähnt, können ebenfalls nur die USA geben. Europas Iran-Politik wird daher transatlantisch sein – oder wirkungslos.