Wenn die Schüler in Tennessee demnächst ihre Biologiebücher aufschlagen, so wird ihnen vermutlich gleich der deutliche Hinweis ins Auge springen, dass die Evolutionstheorie des berühmten englischen Naturforschers Charles Darwin unbewiesen sei. Auch 80 Jahre nachdem der Biologielehrer John T. Scopes in der Kleinstadt Dayton (Tennessee) zu einer Geldstrafe von 100 Dollar verurteilt wurde, weil er im Unterricht die Evolution erklärt und gelehrt hatte, hält in Amerikas Klassenzimmern der Kulturkampf um die Frage nach der Entstehung des Lebens an. Dabei haben die Kreationisten, wie sich Darwins Gegner nennen, die an die biblische Erzählung von der göttlichen Schöpfung (creation) glauben, seit den achtziger Jahren erneut an Terrain gewonnen. Mit dem Wiedererwachen des christlichen Fundamentalismus ist der alte Glaube im pseudowissenschaftlichen Gewand eines "Intelligent Design" in die Lehrpläne zurückgekehrt. Dieser Vorstellung gemäß gestaltet sich die Welt nach einem großen Plan, der überall den Willen eines intelligenten Schöpfers erkennen lässt. Wichtigster Anhänger des Neokreationismus: der amerikanische Präsident George W. Bush.

Vor 80 Jahren hätten nur wenige ernst zu nehmende Beobachter diese atemberaubende Renaissance der Schöpfungslehre für möglich gehalten. Im "Affenprozess" von Dayton, einer verschlafenen Kleinstadt im Hügelland des östlichen Tennessee nördlich von Chattanooga, hatten sich die Anhänger einer wortwörtlichen Interpretation der Bibel im Juli 1925 aus Sicht aufgeklärter Nordstaatler lächerlich gemacht, weil sie sich während des Kreuzverhörs in unhaltbare Widersprüche verwickelten. Die Zukunft schien einmal mehr Darwin zu gehören. Zwar war dieser im ausgehenden 19. Jahrhundert unter gläubigen Christen der USA heftig diskutiert worden. Doch die liberale Öffentlichkeit hatte sein bahnbrechendes Werk über die Entstehung der Arten (1859) keineswegs als gefährlich oder gar sündhaft eingestuft.

"Die Evolution ist Gottes Methode, die Welt zu erschaffen", kommentierte in den 1860er Jahren der Herausgeber der einflussreichen christlichen Zeitschrift The Outlook. Eine wenn auch prekäre Koexistenz zwischen Darwin und der Bibel, zwischen moderner Naturwissenschaft und christlichem Glauben schien möglich.

Nahezu unbemerkt von den tonangebenden nordöstlichen Eliten hatte sich indes zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem im Süden und Mittleren Westen eine breite religiöse Unterströmung entwickelt, deren Anhänger sich nach einer populären christlichen Schriftenreihe "Fundamentalisten" nannten. Sie glaubten, Gottes Fahrplan für die Naturgeschichte einzig und allein in der wörtlichen Auslegung der Bibel zu finden.

Um den Einfluss des naturwissenschaftlichen Denkens einzudämmen, suchten die Fundamentalisten Mitte der zwanziger Jahre über die lokalen Schulbehörden und einzelstaatlichen Parlamente Einfluss zu nehmen. Zum wichtigsten Schauplatz des Kulturkampfes um die Evolution entwickelte sich Tennessee (während in jüngster Zeit vor allem Kansas zum Frontstaat der kreationistischen Gegenrevolution geworden ist).