Evolution High Noon in DaytonSeite 5/5
Allerdings ist der Fundamentalismus im Bible belt des Alten Südens stets virulent geblieben. Gesetze, die Darwin aus dem Unterricht verbannten, hatten unter anderem in Tennessee bis in die späten sechziger Jahre Bestand. Erst 1968 entschied der Oberste Gerichtshof, dass sie den verfassungsverbrieften Freiheitsrechten widersprächen.
Mit ausgelöst worden war dieses Umdenken durch den Sputnik-Schock und die im Kalten Krieg verbreitete Angst, Amerika werde im Wettlauf mit der Sowjetunion zurückfallen, sofern es sein Bildungswesen nicht grundlegend modernisiere. Dennoch räumten Staaten wie Louisiana auch weiterhin der Genesis im Biologieunterricht oft mehr Platz ein als der Entstehung der Arten. Erst als 1987 das Oberste Bundesgericht in einem Musterprozess entschied, dass der Kreationismus nicht der Wissenschaft, sondern der Verbreitung eines Glaubensbildes diene, verschwand Mosis farbige Schöpfungsgeschichte von den Lehrplänen, da sonst die strikte Trennung von Kirche und Staat missachtet würde.
Trotz dieser widrigen Rechtslage hat das konservativ-christliche Milieu seither wachsenden Einfluss auf Amerikas gesellschaftliche Mitte gewonnen. Die Genesis ist leicht entfrömmelt worden. Im Zentrum der Schöpfungsgeschichte steht nun anstelle des gottväterlichen Rauschebarts ein »intelligenter Designer«. Dieser habe die Erde über längere Zeiträume erschaffen. Geschickt Widersprüche und Lücken in der Evolutionstheorie nutzend, gründeten die Anhänger des Intelligent Design eigene Forschungsinstitute, die vor allem durch eine brillante Öffentlichkeitsarbeit bestechen.
Bewaffnet mit den Erkenntnissen ihrer Pseudowissenschaft, haben die Kreationisten seit den neunziger Jahren einen erneuten Angriff auf das Bildungssystem unternommen und eine Vielzahl kleinerer Erfolge verbucht. Den Anfang machte 1999 die konservative Schulbehörde des Präriestaates Kansas, die jegliche Bezugnahme auf die Evolution in Abschlussprüfungen untersagte. Diese Regelung wurde nach massiven Protesten bald wieder rückgängig gemacht. Doch seither sehen konservative Christen in Kansas so etwas wie ihren Modellstaat für eine Umgestaltung des Bildungssystems. Einer der Politiker, die sich 1999 dezidiert auf die Seite der Kreatonisten von Kansas stellten, war übrigens der damalige texanische Gouverneur. Sein Name: George W. Bush.
Seit den siebziger Jahren
ist der christliche Fundamentalismus in den USA rasant gewachsen. Vor allem hat er sein provinzielles Image abstreifen können. Von der offenbarten Wahrheit der Schöpfungslehre sind heute auch Mitglieder der akademisch gebildeten oberen Mittelschicht der USA fest überzeugt. (Siehe dazu auch den Essay von J. Steve Jones auf Seite 31.)
Noch in diesem Jahr wollen Alabama und Georgia verpflichtende Gesetze erlassen, wonach Darwins Lehre im Unterricht anzuzweifeln ist. In Minnesota, New Mexico und Ohio sind entsprechende Vorlagen bereits unterzeichnet. In 19 weiteren Bundesstaaten wird auf lokaler Ebene ein Kampf um die Evolutionstheorie geführt. Auch in Kansas hat die Schulbehörde jüngst wieder einen Vorstoß unternommen. Es geht um eine grundlegende Neufassung der Bildungsstandards, in denen die Wissenschaftlichkeit der Evolutionstheorie massiv in Frage gestellt wird – nicht aber das Intelligent Design der Kreatonisten. Das letzte Wort über Gottes Wort werden hier wie vor 80 Jahren wohl die Gerichte haben.
Philipp Gassert ist Privatdozent für Neuere Geschichte an der Universität Heidelberg, Ole Wangerin Mitarbeiter des Heidelberg Center for American Studies
- Datum 11.08.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 11.08.2005 Nr.33
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