Eigentlich sollte es nur eine schnelle Notgrabung werden. Aber dann fanden die beiden Archäologen Dennis Gallegos und Larry Tift im vergangenen Monat auf einem Hügel im kalifornischen Carlsbad, nördlich von San Diego, ein ungewöhnliches Grab. Zwei Pferde und ein kleiner Esel lagen in sorgfältig ausgehobenen Gruben. Eine Radiokarbondatierung ergab, dass die Skelette etwa 395 Jahre alt sind. Die Methode erlaubt einen Spielraum von plus/minus 40 Jahren, die Tiere wurden also zwischen 1570 und 1650 begraben – mindestens 100 Jahre bevor die Spanier nach Kalifornien kamen. "Um die Daten zu verifizieren, haben wir noch zwei weitere Datierungen von den beiden Pferdeskeletten veranlasst", sagt Dennis Gallegos, Projektmanager der Ausgrabungsfirma Gallegos & Associates, "aber es dauert noch ein paar Tage, bis wir die Ergebnisse haben."

Erst 1769 erreichten spanische Missionare Kalifornien und gründeten die San Diego Mission de Alcala, um die dort ansässigen Indianer zum christlichen Glauben zu bekehren. Die Spanier brachten die Pferde mit – vorher gab es in der Region keine. Außerdem waren die Hufe der begrabenen Tiere unbeschlagen, während spanische Pferde stets Hufeisen trugen. Woher also stammen sie, und was für eine Bewandtnis hat es mit ihrer Beerdigung? Denn die Bestatter verwendeten große Sorgfalt auf das Begräbnis. Die Pferde und der Esel lagen alle mit dem Kopf nach Norden, das Gesicht nach links gedreht und die Körper in eine fötale Position gebogen, ganz so wie die ansässigen Indianer ihre Toten bestatteten. "Ich mache diesen Job seit 16 Jahren, aber so etwas habe ich noch nie gesehen", sagt Grabungsleiter Tift.

Warum der Aufwand? Abgespielt haben könnte sich eine Szene, wie sie von weiter südlich, von der Halbinsel Yucatán, bekannt ist. Als der spanische Eroberer Hernán Cortés 1524 auf die Itzá-Maya traf, ließ er bei ihnen ein lahmendes Pferd zurück. Die Itzá kannten bis dato keine Pferde. Für sie war das Tier ein Wunderwesen. Sie bekränzten es mit Blumen und servierten ihm die größten Köstlichkeiten, die sie kannten. Das Pferd aber verschmähte das Truthahnfleisch und verhungerte. Fast ein Jahrhundert später kamen die beiden spanischen Missionare Fray Juan de Orbita und Fray Bartolomé zu den Itzá-Maya. Sie fanden in einem Tempel der Stadt eine steinerne Nachbildung des Pferdes, lebensgroß, die von den Itzá als "Tzimin Chaak", als "Pferd des Donners", verehrt wurde.

Bis zum späten Pleistozen gab es tatsächlich schon einmal Pferde in Amerika, doch dann starben sie aus – vor über 10000 Jahren. Es ist unwahrscheinlich, dass es sich bei den Tieren von Carlsbad um letzte überlebende Exemplare der einheimischen Pferde handelt. Und Esel waren noch nie dort heimisch. Die einzig plausible Erklärung: Es müssen doch spanische Tiere gewesen sein. Vermutlich gehörten ihre Besitzer zu einer Gruppe, die schon vor dem offiziellen Datum von 1769 bis nach Kalifornien vorgedrungen war. Niemand kann sagen, wie viele kleine Expeditionen oder Missionarsgruppen in den Jahrhunderten zuvor bereits gen Norden gezogen sind und auf dem Weg verhungerten, an tödlichen Krankheiten dahinsiechten oder von Indianern erschlagen wurden. Von ihnen hat nie wieder ein Mensch gehört, die Aufzeichnungen ihrer Taten vergingen mit ihren Knochen. Vielleicht schenkten sie den Indianern ihre Tiere, bevor sie starben, vielleicht holten diese sie sich auch mit Gewalt. Die Art der Bestattung zeigt jedoch, welch hoher Respekt den Pferden und dem Esel gezollt wurde.

Weitere Funde bezeugen, dass bereits seit 8000 Jahren Menschen auf dem Hügel in Carlsbad siedeln. "Wir haben hier auch Steinwerkzeuge gefunden", sagt Gallegos, "Mahlwerkzeuge, Speerschleuderspitzen und eine ganze Menge Muschelschalen." Auf dem Grund entsteht jetzt eine Ferienanlage. Die Skelette sind geborgen, die Ausgrabungsstätte ist mit Sand versiegelt, um möglicherweise noch vorhandene archäologische Reste den nächsten Ausgräbern in ein paar Jahrhunderten zu überlassen. Und ein Drittel des Hügels bleibt unangetastet. Hier entsteht über den Resten der alten Indianersiedlung ein Park. Gestaltet wird er mit Hilfe des örtlichen Stammes, der San Luis Rey Band of Mission Indians.