Morgen geht die Schuldirektorin Virginia Dawson in Rente, heute bekommt sie ein Ständchen auf Hindi. In Indien ist das die Hauptsprache. An Dawsons Schule im Norden der kanadischen Millionenstadt Toronto auch. 300 Kinder drängeln sich auf dem zerkratzten Turnhallenparkett der Markham Gateway Public School, sie singen und trampeln im Takt, wedeln begeistert mit den Armen. Inder, Tamilien, ein paar Chinesen. Keine Weißen. Mittendrin steht Dawson, weiß und grauhaarig, und versteht kein Wort von dem, was ihre Schüler da singen. Gerührt ist sie trotzdem. "Meine Kinder", sagt sie stolz.

Toronto zählt zu den multikulturellsten Metropolen der Welt. Fast 50 Prozent seiner Einwohner sind außerhalb Kanadas zur Welt gekommen, seine Vorstädte voller Neukanadier fressen sich immer weiter ins Land. Vorstädte wie Markham, in denen der Anteil der Einwandererkinder noch höher ist als im Berliner Problembezirk Neukölln. Legt man deutsche Maßstäbe an, müsste es hier von frustrierten Schülern und Lehrern wimmeln, gefangen in Sprachwirrwarr und sozialer Ausgrenzung. Doch Gateway, wo fast hundert Prozent der Kinder aus Einwandererfamilien stammen und mit ihren Eltern alles sprechen, nur kein Englisch, ist eine normale kanadische Grundschule. Und wie die Vergleichsarbeiten der Provinz Ontario zeigen, eine gute dazu.

"Wir feiern unsere Unterschiedlichkeit", sagt Dawson schwülstig, doch irgendwie passend: Die Pisa-Studie hat bewiesen, dass Kanadas Schulen das tatsächlich hinbekommen. In kaum einem anderen Land erzielen Einwandererkinder so gute Leistungen. In Deutschland ist es genau umgekehrt. Fast nirgendwo sonst fallen Schüler aus Einwandererfamilien so oft durchs Raster, schneiden so schlecht ab, verlassen die Schule ohne Abschluss. Dabei wirken die Voraussetzungen nicht so unterschiedlich. In Deutschland haben 20 Prozent der Kinder mindestens ein Elternteil, das im Ausland geboren wurde, in Kanada 30 Prozent. Auch in Kanada ist Bildung Ländersache, doch während in Deutschland häufig der Föderalismus herhalten muss als Erklärung für schlechte Bildungspolitik, liegen die kanadischen Provinzen im Pisa-Ranking mit einer Ausnahme über dem deutschen Durchschnitt (siehe Tabelle). Etwas ist anders bei Amerikas nördlichen Nachbarn, den die Bertelsmann Stiftung schon vor Jahren als ein Modell für Schulreformen im Föderalismus entdeckt hat. Eine Spurensuche.

In Markham beginnt der Schultag um 8.15 Uhr. Das Geschrei der Kinder auf den Fluren verstummt abrupt, Virginia Dawson drückt auf den Knopf des CD-Players im Sekretariat. Alle stehen still, aus den Lautsprechern hallt die Nationalhymne O Canada durchs Gebäude. Dawson setzt noch einen drauf, indem sie die zehn Kerntugenden verliest, die jeder Schüler ihrer Schule zu achten habe: Respekt, Verantwortungsgefühl, Ehrlichkeit, Einfühlsamkeit, Fairness, Eigeninitiative, Beharrungsvermögen, Integrität, Mut, Optimismus. "Auf den Charakter kommt es an!", ruft Dawson ins Mikrofon. Große Worte für kleine Menschen. Als Nächstes dürfen die Ältesten aus der achten Klasse ans Mikro und eine Popcorn-Aktion in der Pause ankündigen, dann wieder Musik: der Hit einer indischen Pop-Band, viele Beats und schräge Töne. Dazu tanzen und schunkeln sie in allen Klassen, drei Minuten lang, damit der Kreislauf in Schwung kommt.

Ein schlichter zweistöckiger Bau, dünne Wände, kleine Fenster, inmitten eines grünen Vorortes mit gepflegten Reihenhäusern, das ist Markham Gateway. Recht unspektakulär, doch drinnen herrscht ein fast anstrengender Enthusiasmus. "Das Wort Toleranz benutzen wir nicht", sagt Dawson, während sie sich mit ein paar Kollegen in der Bibliothek niederlässt. Klingt zu negativ, findet sie, als sei Anderssein etwas, das man aushalten müsse. Zu ihren Füßen hocken zwei Dutzend Kinder, Klassensprecher aller Stufen, kleine braune Köpfe, die heftig nicken. Sie wissen schon, was ihre Direktorin als Nächstes sagen wird: "Bei uns reden wir von gegenseitiger Akzeptanz." Gateway ist eine Schule mit vielen behinderten Schülern, special students, wie Dawson sagt. Das lässt sich der Schuldistrikt einiges kosten. Auf 45 Lehrer kommen 13 extra ausgebildete Sonderpädagogen, damit fast jedes Kind im normalen Unterricht mitkommt. Das Prinzip der Binnendifferenzierung, auch in Deutschland zumindest theoretisch hoch im Kurs, ist hier Alltag. Samt Pathos: "Bei uns heißt es nicht Behinderung, sondern Ressourcen, die jedes Kind hat", sagt Dawson. Oder: "Erst wenn du etwas als Problem benennst, hast du eins." Die Schweizer Schuldezernentin, die auf Fortbildungstour durch den Distrikt ist und an diesem Tag Markham besucht, flüstert: "Das hat fast etwas Religiöses."

Zumindest aber ist es die kanadische Version von Fördern und Fordern; ein Enthusiasmus, dem sich Lehrer schon aus karrieretechnischen Gründen kaum entziehen können. "Wenn ein Kollege unsere Erwartungen trotz Anti-Burn-out-Kurs auf Dauer nicht erfüllt, lasse ich ihn gehen", sagt Bill Hogarth, der Direktor der Schulbehörde im York-Distrikt. Ja, man könne auch feuern dazu sagen. Den Schulleitern komme eine entscheidende Rolle zu, ergänzt Judy Anderson, die für die Lehrpläne im Distrikt zuständig ist. "Wenn die andere nicht mitziehen können, ändert sich gar nichts." So tanzen sich die Kinder an Dawsons Schule durch den Tag, rattern die zehn Tugenden herunter. Und wollen allesamt immerzu drankommen wie in der zweiten Klasse, wo sie Jack und die Bohnenranke lesen und sich sofort 23 kleine Hände in die Höhe strecken, wenn die Lehrerin im Schaukelstuhl fragt, wer lesen mag. Um den Schwung in der Schule aufrechtzuerhalten, werden die Schulleiter regelmäßig versetzt.

Wobei es neben all der verordneten und wirklichen Begeisterung für den Erfolg in York noch zwei andere gewichtige Gründe gibt: Wohlstand und Bildungsgrad der Eltern. Während die Inder häufig Hochschulabschlüsse nach Kanada mitbringen, legen viele ausgewanderte Hongkong-Chinesen ihr Geld in schicken Einfamilienhäusern an, die einen Bruchteil der Wohnungen in ihrer alten Heimat kosten. In Markham gilt sie nicht, die Gleichung, wie sie deutsche Lokalpolitiker zum Beispiel in Neukölln herunterbeten: hoher Einwandereranteil gleich Armut gleich Bildungsferne.