Familie Kinder, Küche, Karriere? Nicht bei uns

Deutschland hat weltweit eine der niedrigsten Geburtenraten. Und es sind vor allem die Akademikerinnen, die sich auf ein Leben ohne Kinder einstellen. Helfen kann nur ein neuer Geschlechtervertrag

Warum wir? Warum sind wir ein Land mit so wenig Nachwuchs, und warum sind es in diesem Land die klügsten Frauen, die keine Kinder bekommen? Wir leben seit 60 Jahren in Frieden, verglichen mit estnischen Löhnen, sieht sogar unsere Sozialhilfe ganz passabel aus, unsere politischen Verhältnisse sind stabil. Liegt es an jenem typisch deutschen Ordnungssinn, den man uns im Ausland karikierend zuschreibt? Der große, von den Nationalsozialisten verfolgte Soziologe Norbert Elias beschreibt Deutschland als »verspätete Nation«, deren Bürger – im Gegensatz zu den selbstbewussten angelsächsischen Gesellschaften – stets zu wenig zum »Selbstzwang« fähig waren. Sie brauchten starke äußere Regeln: Gesetze, Obrigkeiten und Hierarchien, um friedlich miteinander umzugehen. Beamtentum und Militär waren klar strukturiert, mit überschau-, plan- und berechenbaren Karrierewegen. Offenbar hat sich das Stufendenken dieser Sphären auch auf unsere Ausbildungskarrieren, vor allem auf das Hochschulstudium übertragen. Und das heißt eben: Der richtige Zeitpunkt für Kinder liegt nach dem (späten) Examen.

Zudem ist es auffällig, dass die Geburtenzahlen nicht nur in Deutschland besonders niedrig sind, sondern auch in den anderen europäischen Ländern, die den Faschismus erlebten: Italien, Spanien und Griechenland. Dieser Umstand lässt unterschiedliche Erklärungen zu: Womöglich hat die Mutterkreuz-Ideologie der Nationalsozialisten zu einer dauerhaften Abstoßungsreaktion geführt – Frauen in Deutschland wollen nie wieder Gebärmaschinen sein. Oder aber das von den Faschisten propagierte Frauenbild (»Ziel der weiblichen Erziehung hat unverrückbar die kommende Mutter zu sein«) wurde so erfolgreich ins kollektive Bewusstsein geprügelt, dass selbst moderne junge Frauen sich unbewusst an jenem reaktionären Hausfrauen- und Mutter-Ideal orientieren – und befürchten, diesem Bild nie entsprechen zu können, wenn sie gleichzeitig einen Beruf ausübten. Also verzichten sie sicherheitshalber ganz auf Kinder.

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Mut zum Kind hat nur, wer glaubt, eine Zukunft zu haben

Auch die öffentliche Betreuungs-Infrastruktur in Deutschland begünstigte bisher nicht gerade die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Alle Parteien sehen da Nachholbedarf. Doch vielleicht gibt es bei uns bis heute nicht nur den Wunsch nach mehr Kindergärten, Krippen und Ganztagsschulen, sondern auch ein gegenläufiges Gefühl: ein diffuses Misstrauen gegen staatliche Kinderbetreuung, gespeist aus der Erfahrung mit zwei Diktaturen auf deutschem Boden, die jeweils Kinder gegen ihre Eltern instrumentalisieren wollten. Dass Betreuungsplätze nicht alles sind, zeigt sich zudem am totalen Einbruch der Geburtenrate in der (mit Kitas gut ausgestatteten) Ex-DDR – Mut zum Kind entwickelt eben nur, wer glaubt, eine Zukunft zu haben.

So ist es wohl auch ein seit mindestens zehn Jahren andauerndes Krisengefühl, das junge Leute in Deutschland von der Familiengründung abhält – und weil wir in allem besonders gründlich sind, haben wir natürlich besonders viel (nachwuchsfeindliche) Zukunftsangst.

Der Anteil der Frauen an der Entscheidung für oder gegen Kinder ist (obwohl selbstverständlich zwei dazu gehören) meiner Überzeugung nach größer als jener der Männer. Frauen (in Deutschland) können selbst in den finstersten Verhältnissen nicht mehr gegen ihren Willen in die Mutterrolle gezwungen werden. An ihren beruflichen Interessen und Möglichkeiten bemisst sich der »richtige« Zeitpunkt für ein Kind. Das ist nicht nur ein Freiheitsgewinn, das wäre de facto auch ein Machtzuwachs für die Frauen – wenn sie die Kinderfrage nur politisch-gesellschaftlich und nicht rein individuell begreifen wollten.

Bei uns bleiben vor allem die Akademikerinnen (und die ihnen anhängenden Männer) kinderlos. Das ist eine späte Folge der Bildungsreform, der Individualisierungstendenzen, die wir seit den sechziger Jahren beobachten – und der Frauenbewegung. Wem hat sie genützt? Die »Software« der Emanzipation, die Bildungs- und Freiheitsgewinne, das Selbstbewusstsein im Umgang mit Männern, kommt hauptsächlich der weiblichen »Mittelschicht plus« zugute – mit erheblichen Folgen für ihr Privatleben, für die Kinderfrage, für die Beziehungsarchitektur.

Für Frauen mit schlechter Schulbildung und entsprechenden Jobaussichten hat sich in puncto Familienplanung nicht viel geändert – in ihrem Milieu spielt der bildungsbiografische Ordnungsfanatismus der Akademikerinnen kaum eine Rolle. Wenn ein Kind kommt, kommt es; bei der Arbeit als ungelernte Hilfskraft in der Großküche verpasst eine Frau nicht viel. Und wenn sie in die Disco möchte, gibt es in der Regel ein Netzwerk aus Müttern, Schwestern und Freundinnen, die das Baby schon mal hüten.

Für Studentinnen sieht die Sache anders aus: Ihnen wurde erstens auf ihrem bisherigen Bildungsweg eingebläut, dass das Einzige, was ihnen in der angespannten Arbeitsmarktlage zum Durchbruch verhelfen könne, Zusatzqualifikationen seien: Hiwi-Jobs, Praktika, Auslandssemester, vielleicht auch soziales, politisches oder kulturelles Engagement. Das kostet Zeit. Zweitens haben sie alle die ordentliche deutsche Bildungskarriere verinnerlicht: schön eins nach dem anderen. Das Hochschulstudium beenden Absolventinnen bei uns mit durchschnittlich 28,5 Jahren. Das Durchschnittsalter für das erste Kind liegt heute rund fünf Jahre höher als 1960, bei knapp dreißig Jahren. Die Akademikerinnen dürften das Ihre zu diesem hohen Altersdurchschnitt beitragen: Bei ihnen verschiebt sich die Familiengründung gut und gerne noch einmal um fünf Jahre nach hinten.

Das muss kein Problem sein: Die Lebenserwartung steigt, und wer keine Gesundheitsprobleme hat, kann die Kinderphase durchaus später im Leben einplanen. Andererseits scheinen sich die Demografen weitgehend einig zu sein, dass das lange Zuwarten in Sachen Kind Risiken birgt: »Der Weg in die Kinderlosigkeit führt meist über das wiederholte Aufschieben der Geburt des ersten Kindes«, versichern die Experten des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. Auch die Gießener Familienwissenschaftlerin Uta Meier warnt: »Aus temporär gewollter Kinderlosigkeit wird endgültige, ungewollte Kinderlosigkeit.«

Das aussichtsreichste Alter für die Fortpflanzung sind die Jahre bis 25, danach schwindet die Zahl gesunder Eizellen, zunächst langsam bis 30, dann schneller bis 35 Jahre. Mit Mitte 30 fällt die Fruchtbarkeitskurve steil ab, danach ist es Glückssache, ob eine Frau noch schwanger wird oder nicht. Gerade erfolgreiche Frauen, die hart für ihre lückenlose Berufsbiografie gearbeitet haben, finden es offenbar schwer akzeptabel, ja schwer vorstellbar, dass sich ein Biografiebaustein nicht mit Fleiß und Disziplin erkämpfen lassen soll; dass er sich der Planung sogar besonders beharrlich entzieht. Die Fruchtbarkeitsphase steht im denkbar ungünstigsten Verhältnis zu den langen Ausbildungszeiten in Deutschland.

Die Karriere zu opfern fällt schwerer als den Job an der Aldi-Kasse

Bis zu ihrem 35. Lebensjahr bleiben laut Mikrozensus des Statistischen Bundesamts 62 Prozent der Hochschulabsolventinnen kinderlos. Auch wenn es bei ihnen einen Trend zur »späten Mutterschaft« mit Ende 30 gibt: Wie viele von ihnen werden bis Anfang 40 wirklich noch Kinder bekommen? Zehn Prozent? Zwanzig? Demografen gehen für die Zukunft davon aus, dass etwa die Hälfte aller Akademikerinnen kinderlos bleiben werden. Etliche von ihnen entscheiden sich ganz bewusst gegen Kinder und sind glücklich damit; 44 Prozent der Kinderlosen insgesamt gaben in einer Umfrage des Forsa-Instituts aus dem Frühjahr 2005 an, sie hätten keinen Kinderwunsch, weil sie mit ihrem augenblicklichen Leben sehr zufrieden seien.

Ein nennenswerter Teil der kinderlosen Akademikerinnen aber muss wohl irgendwie Opfer der Verhältnisse werden, Opfer der Abwarte- und Ausprobier-Ideologie, Opfer auch eines nur langsam sich wandelnden Rollenverständnisses der Männer, die sich mit den hoch qualifizierten, selbstbewussten Frauen über 30 vielfach doch sehr schwer tun – auch wenn der Bamberger Soziologe Hans-Peter Blossfeld und sein Kollege Andreas Timm in einer Langzeituntersuchung der bundesrepublikanischen Heiratsverläufe in den letzten 50 Jahren Hinweise darauf gefunden haben, dass die Männer jeder jüngeren Generation zunehmend besser qualifizierte Frauen akzeptieren. In der Praxis sind solche Prozesse allerdings langwierig: Immer noch gibt es kaum eine Frau mit Diplom oder Doktortitel, die nicht von Zurückweisungen durch Männer berichten könnte, die sich von ihrem Status überfordert fühlten.

Und die Wahrscheinlichkeit, das erste Mal zu heiraten, sinkt (für beide Partner) mit steigendem Alter – wer den Schritt bis 40 nicht getan hat, der wird ihn kaum noch tun. Ehe und Kind wiederum hängen in Deutschland nach wie vor eng zusammen, wobei nicht eindeutig festzustellen ist, ob nun dem Kinderwunsch die Heirat folgt oder die Heirat den Entschluss zum Kind fördert. Jedenfalls haben 80 Prozent der verheirateten Akademikerinnen Kinder, aber nur 13 Prozent der ledigen. Das Problem besteht offenbar darin, dass ein wachsender Teil der Hochschulabsolventinnen gar nicht heiratet: 25 Prozent der Jahrgänge 1957 und 1958 sind ledig, und der Trend zeigt steil nach oben, bis hin zu 50 Prozent der 1967 und 1968 Geborenen.

Natürlich sind studierte Frauen auch weniger auf einen »Ernährer« angewiesen, sie können in der Regel finanziell auf relativ hohem Niveau für sich selbst sorgen. Es ist sicher kein Zufall, dass Hochschulabsolventinnen heute zu 80 Prozent berufstätig sind, Hauptschülerinnen hingegen nur zu 60Prozent: Der Job an der Aldi-Kasse ist wegen Familiengründung leichteren Herzens zu unterbrechen als der Kuratorinnenposten an einem großen Museum. Doch die größere Neigung der Akademikerinnen zur Berufstätigkeit kann die überdurchschnittliche Kinderlosigkeit in diesem Milieu nicht allein erklären: Schon 1970 arbeiteten 70 Prozent von ihnen, viel mehr als in den anderen Bildungsschichten; damals waren nur 40Prozent der Hauptschülerinnen berufstätig. Heute haben die unteren und mittleren Bildungsgruppen bei der Erwerbsbeteiligung nachgezogen. Auch in dieser Hinsicht wirkten die Frauen mit Studienabschluss als Avantgarde.

Nun könnte man annehmen, dass die anderen Frauen dann konsequenterweise ebenfalls beginnen würden, auf Kinder zu verzichten – es dürfte doch ungefähr gleich anstrengend sein, zum Kindergarten zu hetzen und abends noch schnell einzukaufen, egal, ob man als Verkäuferin bei Schlecker arbeitet oder als Juristin in einer Verwaltung. Trotzdem bekommen die Frauen der unteren Bildungsschichten weiterhin Kinder. Von den bis 40-Jährigen bleiben nur rund 20 Prozent kinderlos, im Gegensatz zu den etwa 50 Prozent Hochschulabsolventinnen.

Die Kinderabstinenz der Akademikerinnen mag bis zu einem gewissen Grad die Konsequenz höherer Ansprüche, eines ausgeprägteren Hedonismus und einer geringeren Bereitschaft sein, sich mit dem erstbesten möglichen Kindsvater zufrieden zu geben. Außerdem zwingen akademische Karrieren oft zu mehr familienfeindlicher Flexibilität als andere. Ein schwer messbarer Teil an Zurückhaltung dürfte auch bei den Männern liegen, denen die selbstbewussten, anspruchsvollen, bisweilen sogar schwierigen Mittdreißigerinnen vielleicht einfach zu anstrengend sind. Aber die Frauen? Sind die so ordentlich und planvoll ihre Lebensläufe designenden Töchter der Bildungsreform einfach zu vorsichtig, zu pingelig, zu kontrollverliebt für Kinder? Scheuen sie die Verantwortung? Oder sehen sie klugerweise, dass das Kind, das sie sich möglicherweise wünschen, nur ihr Leben dramatisch verändern würde, das ihres Partners hingegen kaum?

Der Partner! In einer Befragung von 40000 Männern und Frauen im Alter zwischen 18 und 49 Jahren ermittelte das Meinungsforschungsinstitut Forsa den »falschen Partner« als Hauptgrund für Kinderlose, kinderlos zu bleiben. Die Untersuchung umfasste natürlich nicht nur Akademiker, aber ist es nicht plausibel, dass die Probleme in diesem Milieu kumulieren? »Nicht der richtige Partner« kann bedeuten, dass einige Frauen abgelehnt werden, weil sie in eine zu hohe »Liga« aufgestiegen sind; andere beurteilen vielleicht einfach die Zusatzbelastung und die Risiken realistisch, die ihnen ein Kind bringen würde. Nach Zeitbudget-Untersuchungen des Statistischen Bundesamts setzen Väter, verglichen mit kinderlosen Männern in einer Paarbeziehung, ganze sechs zusätzliche Minuten am Tag für Hausarbeit ein. 80Prozent der gesamten Haushalts- und Fürsorgearbeit in Familien leisten nach wie vor die Frauen.

In diesem Punkt ist die Emanzipationsbewegung kläglich gescheitert, sie hat das Geschlechterverhältnis im praktischen Alltag kein bisschen revolutioniert. Im Gegenteil: Während junge Männer bis 25 Anfang der neunziger Jahre »nur« zu 25 Prozent von Frauen bekocht wurden, sind es heute 70 Prozent, die bei Mama, Oma oder Freundin essen. »Verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre« hat der Soziologe Ulrich Beck die moderne männliche Haltung genannt.

Genau in diesen jungen Männern finden wir eine mögliche Adressatengruppe für die Forderungen aus dem weiblichen »Gebärstreik«, der die vergangenen 30 Jahre geprägt hat: Es wäre ja absurd, von den Frauen zu verlangen, dass sie ihre private Entscheidung für oder gegen ein Kind in einem gesellschaftlichen, einem demografischen Kontext sehen sollen und dabei den Männern jede aktive Mitarbeit an der Veränderung dieses Kontextes zu ersparen. Deren Haushalts- und Erziehungsbeitrag, deren Bereitschaft, sich auf ein Kind einzulassen, sind natürlich ebenso Privatsache wie eine Schwangerschaft. Aber beides hat gesellschaftliche Folgen – und auch für Männer ist der Fortbestand der Rentenkassen von Bedeutung.

Die Kinderabstinenz der weiblichen Bildungsavantgarde wirkt doppelt und dreifach, denn es geht ja nicht nur um die Zahl der nicht geborenen Kinder, sondern auch um eine Trend- und Vorbildfunktion. Bisher mag das Reproduktionsverhalten der weniger Privilegierten noch ziemlich traditionell sein. Aber das muss nicht immer so bleiben: Schon heute findet sich die zweithöchste Kinderlosigkeitsquote im Milieu der so genannten konkurrierenden Optionen, wie Jürgen Dorbritz vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung herausgefunden hat: also dort, wo ein Kind zu bekommen bedeuten würde, auf erstrebenswerte Lifestyle-Elemente der Oberschicht zu verzichten. Zum anderen wird die Kinderfreundlichkeit einer Gesellschaft mit Sicherheit nicht größer, wenn ausgerechnet ihre Eliten sich dem Leben mit Kindern, den komplexen Verpflichtungen und Abhängigkeiten des Familienlebens zunehmend entfremden. Lehrer, die nie eigene Kinder gehabt haben? Bundestagsabgeordnete, die nicht aus eigener Erfahrung wissen, was es bedeutet, durch die Familie daran gehindert zu sein, mal eben ein Wochenende durchzuarbeiten? Kinderlose Journalistinnen und Schriftstellerinnen, die die ästhetischen und kulturellen Grundsätze des guten Lebens vermitteln?

Die Konsumforschung hat herausgefunden, dass der Lebensstil der Privilegierten den gesellschaftlichen Trend prägt: Was, wenn dieser Lebensstil Kinderlosigkeit zur Norm erhebt? Dann ist endgültig der Dumme, wer seine Berufstätigkeit einschränkt, um für Kinder zu sorgen, und wer sich die unvermeidlichen »Kinderkosten« auflädt. Dann mindern vielleicht künftig Kinder im Hotel den Erholungswert einer Pauschalreise; dann wird Fortpflanzung ein Unterschichtenmerkmal.

Wenn aber das kinderlos-akademische Milieu unter sich bleibt, verzichtet ein nennenswerter Teil der »Entscheider« und vor allem der »Entscheiderinnen« dauerhaft auf die Erfahrungen und das Glück, das ein Zusammenleben mit Kindern bedeutet. Und die Gesellschaft steht plötzlich vor der schwierigen Aufgabe, immer mehr Kinder aus bildungsfernen Schichten auf Hochschulniveau zu trimmen. Denn dass der Mangel an Fachkräften in den kommenden Jahren drastisch zunehmen wird, ergibt sich zwingend aus der demografischen Entwicklung. Gerade Erziehung und Bildung aber werden dann mehr und mehr Aufgabe von Menschen, die Erfahrungen mit eigenen Kindern nicht mehr haben.

 
Leser-Kommentare
  1. Ein kleiner Erfahrungsbericht. Als Akademikerin mit zwei kleinen Kindern bin ich in Deutschland schon selten. Die Entscheidung für die Kinder hat für mich mit einem vollständigem Leben zu tun. Ohne Kinder fehlt mir was. Übrigends, auch ohne meinen Beruf als Informatikerin fehlt mir was. Als ich mit meinem ersten Kind im dritten Monat schwanger war, rief mich mein damaliger Geschäftsführer, selbst Vater von drei Kindern, zu einem Gespräch, wo er mir die Teamleitung meiner Arbeitsgruppe anbot. Also ein eindeutiger Sprung nach oben. Ich wollte es im Unternehmen zwar später bekanntgeben, nun mußte ich fairerweise Farbe bekennen. Ich dankte ihm für das Vertrauen, sagte dann, dass ich den Job gerne annehmen möchte und verheimlichte nicht, dass ich schwanger bin. Die Antwort darauf war: "Dann hätte ich sie ja nicht einstellen dürfen". Natürlich wurde ich nicht Teamleiter. Nach der Geburt meiner Tochter fing ich nach 6 Monaten von zuhause an zu arbeiten und nach 8 Monaten arbeitete ich halbtags in der Firma. Als meine Tochter 15 Monate war, arbeitete ich wieder vollzeit. Es gab zu dieser Zeit eine Übernahme des Unternehmens durch einen anderen Gesellschafter und im Zuge der Umstrukturierung wurde ich sofort nachdem ich vollzeit wieder da war, entlassen. Glücklicherweise bekam ich im Anschluß einen anderen Job in meiner Stadt und sogar in meinem Beruf. Auch hier war der Inhaber sehr kinderfreundlich, hatte selbst 3 Kinder und beteiligte sich aktiv an der Familienarbeit, indem er einmal in drei Wochen ein Kind zum Zahnarzt begleitete.
    Nach 8 Monaten Firmenzugehörigkeit war ich schwanger mit meinem zweiten Kind. Auch hier arbeitete ich stundenweise von zuhause und wollte eigentlich nach einem Jahr wiederkommen. Ich merkte jedoch auch hier, wie mir während der Schwangerschaft immer mehr Aufgabenbereiche entzogen wurden. Nach der Geburt meiner zweiten Tochter wurde mein Arbeitsbereich in die Schweiz verlegt. Das hatte nichts mit mir zu tun, es passierte einfach. Ich war schon gewarnt, also schaute ich mich schon während der Elternzeit nach einem neuen Job um. Als ich kündigte, war mein familienfreundlicher Arbeitgeber sehr froh.
    Merkwürdig ist an der ganzen Sache, dass die Verschlechterung im Verhältnis zu meinen Arbeitgebern immer erst nach dem Bekanntgeben einer Schwangerschaft stattfand.

    Also, als studierte Frau sollte man damit rechnen, dass der Job unwiederbringlich verloren ist und sich im Voraus Alternativen überlegen. Keinem Mann in Deutschland stellt sich bei der Frage der Vaterschaft die Frage nach der beruflichen Existenz. Es geht nicht um Karriere, es geht überhaupt darum, ob man in seinem studierten Beruf als Mutter arbeiten darf. Familienfreundlichkeit ist ein dankbares Wahlkampfthema, ich denke im Oktober ist alles vorbei und dann gehen die Kindergarten- und Schulschließungen weiter. Frau ist in Deutschland auf sich selbst gestellt und ich erwarte da kurzfristig auch keine Änderungen. Ich habe ein Familiennetzwerk aufgebaut zur Kinderbetreuung. Ohne Krippe, Kindergarten, Schwiegereltern, Kindermädchen und Freunde geht es nicht.

    Damit Männer erfahren, wie es so als Mutter zuhause ist, versuche ich öfters, allein wegzufahren, wenigstens eine Woche. Dann ist der Mann mit den süßen Kleinen allein und kann sich ihnen ganz widmen. Hat bei uns prima geklappt und so habe zumindest ich einen Mann, der die Erziehungs- und Betreuungsarbeit zu schätzen weis. Das ist ganz wichtig, einfach die Männer mit den Kindern alleinlassen! Die können das schon. Machen sie ja mit den Frauen auch. Nur häufiger.
    Ich gehe übrigends auch auf Arbeit, um mich von der Kinderbetreuung zu erholen. Gute Kinderbetreuung ist tatsächlich ein harter Job.

    Rita Barthel Leipzig

  2. Hervorragend, dem Arteikel ist nichts weiter zu zufügen. Bitte kämpfen sie weiter. Kurt Reinartz

    • jegs
    • 17.08.2005 um 23:19 Uhr

    Zitat:"Und die Gesellschaft steht plötzlich vor der schwierigen Aufgabe, immer mehr Kinder aus bildungsfernen Schichten auf Hochschulniveau zu trimmen."

    Das ist ja fürchterlich. Bin ich froh, dass ich in einer Zeit geboren wurde, in der ich als Kind aus einer bildungsfernen Schicht noch nicht auf Hochschulniveau getrimmt werden musste.

    Allerdings erinnere ich mich, dass auch schon damals vor 50 Jahren die Damen aus besseren Kreisen nicht so reproduktionswillig waren, wie die bildungsfernen Frauen. Und wenn, wurden die Kinder oft von bildungsfernen Frauen, sprich Haushälterin, Kindermädchen oder der noch bildungsfernen Großmutter erzogen.

    • SundB
    • 12.08.2005 um 21:58 Uhr
    4. \N

    Da wurde die Ursache für den drastischen Geburtenrückgang in Deutschland ja mal wieder glasklar identifiziert: Es sind die Männer! Hurra!
    Er hat Probleme mit hochgebildeten Entscheiderinnen als Partnerin. Er will keine Windeln wechseln, kochen und schon gar nicht putzen. Selbstverständlich alles schon reihenweise selbst erfahren und wissenschaftlich belegt.
    Ein Problem könnte vielleicht auch sein, dass die topentscheidende Akademikerin sich auch gerne einen topentscheidenden Akademiker zum Partner sucht. Man(Frau) sollte sich schon auf Augenhöhe bewegen. Hat also der Mann Probleme mit einer Karrierefrau oder hat die Karrierefrau Probleme mit dem Hausmann?
    Im übrigen sorge ich mich um die Konfliktlösungkompetenz in deutschen Partnerschaften. Ist es wirklich nicht möglich das Thema Hausarbeit gerecht auf beide Schultern zu verteilen? Die emanzipierte Frau von heute schafft es wirklich nicht den Totalverweigerer Mann zu aktivieren?
    Woran das wohl liegt?

    • Simt
    • 13.08.2005 um 22:57 Uhr

    Die Artikel zum Thema enthalten einige Aspekte, die in vielen anderen Beiträgen zu diesem Thema verlorengehen. Ein paar Fragen bleiben dennoch: Können sich zwei Akademiker, die beide berufstätig sind, in diesem Land keine Putzfrau und ein Kindermädchen leisten, die schon einmal eine ganze Menge Konfliktpotenzial wegwischen könnten? Das alleine kann es also nicht sein, was die Frauen abhält Kinder zu bekommen, so sie denn einen Ehemann haben.

    Vielleicht sind wir Frauen aber mitlerweile so emanzipiert, dass wir nicht von einem Mann abhängig sein wollen, weil ein Kind uns verbindet.

    Wie wäre es, anstatt durch Ehegattensplitting, Familien durch Erziehungsgeld zu unterstützen. Unabhängig vom Einkommen, sechs Jahre lang, bis die Kinder in die (Ganztags-)Schule kommen, in der sie auch Essen bekommen.

    Es ist doch schließlich ganz nachvollziehbar, das Menschen Angst vor Kindern haben, wenn damit nach einer eventuellen Trennung vom Partner, in sehr vielen Fällen finanzielle Katastrophen verbunden sind- bei Frauen und Männern.

    Wie frei ist eine Gesellschaft, in der Partnerschaft nicht unabhängig von den Finanzen geschlossen und auch wieder getrennt werden können? Der Armutsbericht zeigt dieses Problem deutlich auf: Keine gesellschaftliche Gruppe ist so häufig von Armut betroffen wie Alleinerziehende- über 30 %.

    Das Erziehungsgeld müsste deshalb unabhängig vom Einkommen ausgezahlt werden, damit Frauen auch in jungen Jahren Kinder bekommen können und damit Frauen auch in Zukunft noch befördert werden. Welcher Chef gibt denn gerne eine Gehaltserhöhung, wenn damit die Wahrscheinlichkeit einer Elternzeit zunehmend steigt. 1973 bin ich als fünfjärige mit meiner Mutter auf einer Demo gewesen: "Kinder oder keine entscheiden wir alleine" war das Motto. Der eine Part - keine Kinder zu bekommen haben die Frauen erfolgreich durchgesetzt. Den anderen - Kinder zu bekommen bei hinreichender Absicherung der Lebensqualität - das steht jetzt an. Ich bin gespannt.

    • gg27
    • 13.08.2005 um 17:02 Uhr

    ... die extrem niedrige Geburtenrate kann NUR durch einen neuen Geschlechtervertrag verändert werden? Oder - um es explizit auszusprechen: NUR die Umverteilung der Kosten der Reproduktion von den Müttern (dem weiblichen Part) auf die Väter (dem männlichen Part) sind ein hilfreiches Mittel.

    Neben der Frage, ob ein solches Vorgehen hilfreich wäre und wie es letztendlich im gesellschaftlichen Konsenz umgesetzt werden kann, bleibt auch die Frage offen, ob es überhaupt Evidenz gibt, dass Verwerfungen im Geschlechtervertrag die Hauptursache für das Problem ist.

    Es gibt eine Reihe von empirischen Untersuchungen zu dem Phänomen der geringer Reproduktionrate, die leider von der Autorin nicht genutzt wurden. Eine sehr schöne Untersuchung der Universität Rostock (wiedergegeben in http://www.eheseelsorge.n...) könnte man z.B. nutzen. In dem Artikel werden die Reproduktionsraten der BRD und der DDR (bzw. der Ostländer) von 1945 bis 1996 verglichen.
    Ergebnisse: 1) Bis 1974 verlaufen die Reproduktionsraten in beiden Deutschen Staaten parallel. Wenn man die ca. doppelt so hohe Erwerbsquote der Frauen in der DDR als Indikator für einen untschiedlichen Geschlechtervertrag nimmt, sollte dies eigentlich nicht so sein.
    2) Von 1974 bis 1982 steigt die Reproduktionsrate in der DDR erheblich an und verbleibt danach auf einem relativ hohem Niveau - während der Westen auf dem heutigen niedrigen Niveau verbleibt. Im Osten waren staatliche Anreize wirksam. Hieraus eine Änderung des Geschlechtervertrages zu konstruieren, wäre schon etwas abenteuerlich.
    3) Nach der Wende gab es einen plötzlichen und massiven Rückgang der Reproduktionsrate im Osten und dies vor allem bei jüngeren Frauen.
    Zusammengefasst: Die Reproduktionsrate ist extrem sensibel in Bezug auf gesellschaftliche Änderungen und zeigt m.E., dass die Quote zur Umsetzung des Kinderwunsches eine rationale Antwort der Bevölkerung auf die gesellschaftlichen Randbedingungen ist.
    Die Hauptursache der Problematik im Verteilungskampf der Geschlechter zu sehen, ist m.E. wenig hilfreich und fragwürdig.
    Betrachtet man noch, dass die jetzige Reproduktionsrate (seit Jahren konstant 1,4) extrem weit von der für die Erhaltung der Bevölkerung notwendigen Reproduktionsrate von 2,1 entfernt ist und es hierdurch zu massiven gesellschaftlichen Verwerfungen kommen muss (und auch schon gekommen ist), ist die Diskussion über die Nebelkerze "Geschlechtervertrag" auch noch extrem schädlich. Es geht um den Generationenvertrag (auch ein Vertrag, der nie unterschrieben wird!) und nicht um den Geschlechtervertrag!

  3. Frauen sind der eigentlich grösste Feind einer wirklichen
    Emanzipation.Schon in der Erziehungsphase bestimmen die
    Muetter den Töchtern,"wie ein Mädchen zu sein hat".
    Muetter,welche im Mann immer noch den Brotverdiener sehen,
    haben in der Gesellschaft nicht den Platz fuer berufl.erfolgreiche
    Töchter geschaffen.
    Verglichen mit skandinavischen-,oder ehem.DDR-Frauen,
    haben viele West-BRD Frauen sich wirklich
    nie an einem gerechten Gesellschaftsaufbau beteiligt
    Hej då

  4. Die Familie ist die Keimzelle des Staates? Nicht in Deutschland! Dazu muss man nur ins BGB schauen - nach der Definition des Individuums in den ersten 10 Artikeln tritt dieses Individuum ab § 11 in Interaktion mit anderen Menschen und was tut es? Gründet es eine Familie? Nein - das Familienrecht kommt erst ab § 1200. In Deutschland gründet das Individuum zu erst einen Verein!

    Ich halte dies für keinen Zufall. GG und BGB - 60 bzw. über 100 Jahre alt - geben in vielen Fällen keine brauchbaren Antworten mehr auf die Fragen unserer Zeit, wurden sie doch unter völlig anderen Rahmenbedingungen geschrieben. Wir brauchen in Deutschland eine Debatte über die Grundlagen unseres Staates. Gerade der Respekt vor den Müttern und Vätern des Grundgesetzes gebietet es, dass wir über einen neuen Gesellschaftsvertrag nachdenken. Was ist Gerechtigkeit? Können wir das Steuerrecht vereinfachen, wenn schon der Bundeskanzler geloben muss "Gerechtigkeit gegen jedermann" zu üben und nicht "Gerechtigkeit für alle anzustreben"? Der Unterschied? Das Grundgesetz will individuelle Gerechtigkeit, d.h. alle Gesetze müssen so kompliziert sein, dass alle denkbaren Einzelfälle abgebildet werden. Das Resultat: Gerechtigkeit nur für die Reichen und Cleveren, die sich Rat kaufen können. Nur wenn wir bereit sind, grundsätzlich und grundgesetzlich neu über die Grundlagen unserer Gesellschaft nachzudenken, können auch die von Frau Gaschke zu recht aufgeworfenen Fragen neu beantwortet werden!

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