Familie Kinder, Küche, Karriere? Nicht bei unsSeite 4/4
In diesem Punkt ist die Emanzipationsbewegung kläglich gescheitert, sie hat das Geschlechterverhältnis im praktischen Alltag kein bisschen revolutioniert. Im Gegenteil: Während junge Männer bis 25 Anfang der neunziger Jahre »nur« zu 25 Prozent von Frauen bekocht wurden, sind es heute 70 Prozent, die bei Mama, Oma oder Freundin essen. »Verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre« hat der Soziologe Ulrich Beck die moderne männliche Haltung genannt.
Genau in diesen jungen Männern finden wir eine mögliche Adressatengruppe für die Forderungen aus dem weiblichen »Gebärstreik«, der die vergangenen 30 Jahre geprägt hat: Es wäre ja absurd, von den Frauen zu verlangen, dass sie ihre private Entscheidung für oder gegen ein Kind in einem gesellschaftlichen, einem demografischen Kontext sehen sollen und dabei den Männern jede aktive Mitarbeit an der Veränderung dieses Kontextes zu ersparen. Deren Haushalts- und Erziehungsbeitrag, deren Bereitschaft, sich auf ein Kind einzulassen, sind natürlich ebenso Privatsache wie eine Schwangerschaft. Aber beides hat gesellschaftliche Folgen – und auch für Männer ist der Fortbestand der Rentenkassen von Bedeutung.
Die Kinderabstinenz der weiblichen Bildungsavantgarde wirkt doppelt und dreifach, denn es geht ja nicht nur um die Zahl der nicht geborenen Kinder, sondern auch um eine Trend- und Vorbildfunktion. Bisher mag das Reproduktionsverhalten der weniger Privilegierten noch ziemlich traditionell sein. Aber das muss nicht immer so bleiben: Schon heute findet sich die zweithöchste Kinderlosigkeitsquote im Milieu der so genannten konkurrierenden Optionen, wie Jürgen Dorbritz vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung herausgefunden hat: also dort, wo ein Kind zu bekommen bedeuten würde, auf erstrebenswerte Lifestyle-Elemente der Oberschicht zu verzichten. Zum anderen wird die Kinderfreundlichkeit einer Gesellschaft mit Sicherheit nicht größer, wenn ausgerechnet ihre Eliten sich dem Leben mit Kindern, den komplexen Verpflichtungen und Abhängigkeiten des Familienlebens zunehmend entfremden. Lehrer, die nie eigene Kinder gehabt haben? Bundestagsabgeordnete, die nicht aus eigener Erfahrung wissen, was es bedeutet, durch die Familie daran gehindert zu sein, mal eben ein Wochenende durchzuarbeiten? Kinderlose Journalistinnen und Schriftstellerinnen, die die ästhetischen und kulturellen Grundsätze des guten Lebens vermitteln?
Die Konsumforschung hat herausgefunden, dass der Lebensstil der Privilegierten den gesellschaftlichen Trend prägt: Was, wenn dieser Lebensstil Kinderlosigkeit zur Norm erhebt? Dann ist endgültig der Dumme, wer seine Berufstätigkeit einschränkt, um für Kinder zu sorgen, und wer sich die unvermeidlichen »Kinderkosten« auflädt. Dann mindern vielleicht künftig Kinder im Hotel den Erholungswert einer Pauschalreise; dann wird Fortpflanzung ein Unterschichtenmerkmal.
Wenn aber das kinderlos-akademische Milieu unter sich bleibt, verzichtet ein nennenswerter Teil der »Entscheider« und vor allem der »Entscheiderinnen« dauerhaft auf die Erfahrungen und das Glück, das ein Zusammenleben mit Kindern bedeutet. Und die Gesellschaft steht plötzlich vor der schwierigen Aufgabe, immer mehr Kinder aus bildungsfernen Schichten auf Hochschulniveau zu trimmen. Denn dass der Mangel an Fachkräften in den kommenden Jahren drastisch zunehmen wird, ergibt sich zwingend aus der demografischen Entwicklung. Gerade Erziehung und Bildung aber werden dann mehr und mehr Aufgabe von Menschen, die Erfahrungen mit eigenen Kindern nicht mehr haben.
- Datum 11.08.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 11.08.2005 Nr.33
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Ein kleiner Erfahrungsbericht. Als Akademikerin mit zwei kleinen Kindern bin ich in Deutschland schon selten. Die Entscheidung für die Kinder hat für mich mit einem vollständigem Leben zu tun. Ohne Kinder fehlt mir was. Übrigends, auch ohne meinen Beruf als Informatikerin fehlt mir was. Als ich mit meinem ersten Kind im dritten Monat schwanger war, rief mich mein damaliger Geschäftsführer, selbst Vater von drei Kindern, zu einem Gespräch, wo er mir die Teamleitung meiner Arbeitsgruppe anbot. Also ein eindeutiger Sprung nach oben. Ich wollte es im Unternehmen zwar später bekanntgeben, nun mußte ich fairerweise Farbe bekennen. Ich dankte ihm für das Vertrauen, sagte dann, dass ich den Job gerne annehmen möchte und verheimlichte nicht, dass ich schwanger bin. Die Antwort darauf war: "Dann hätte ich sie ja nicht einstellen dürfen". Natürlich wurde ich nicht Teamleiter. Nach der Geburt meiner Tochter fing ich nach 6 Monaten von zuhause an zu arbeiten und nach 8 Monaten arbeitete ich halbtags in der Firma. Als meine Tochter 15 Monate war, arbeitete ich wieder vollzeit. Es gab zu dieser Zeit eine Übernahme des Unternehmens durch einen anderen Gesellschafter und im Zuge der Umstrukturierung wurde ich sofort nachdem ich vollzeit wieder da war, entlassen. Glücklicherweise bekam ich im Anschluß einen anderen Job in meiner Stadt und sogar in meinem Beruf. Auch hier war der Inhaber sehr kinderfreundlich, hatte selbst 3 Kinder und beteiligte sich aktiv an der Familienarbeit, indem er einmal in drei Wochen ein Kind zum Zahnarzt begleitete.
Nach 8 Monaten Firmenzugehörigkeit war ich schwanger mit meinem zweiten Kind. Auch hier arbeitete ich stundenweise von zuhause und wollte eigentlich nach einem Jahr wiederkommen. Ich merkte jedoch auch hier, wie mir während der Schwangerschaft immer mehr Aufgabenbereiche entzogen wurden. Nach der Geburt meiner zweiten Tochter wurde mein Arbeitsbereich in die Schweiz verlegt. Das hatte nichts mit mir zu tun, es passierte einfach. Ich war schon gewarnt, also schaute ich mich schon während der Elternzeit nach einem neuen Job um. Als ich kündigte, war mein familienfreundlicher Arbeitgeber sehr froh.
Merkwürdig ist an der ganzen Sache, dass die Verschlechterung im Verhältnis zu meinen Arbeitgebern immer erst nach dem Bekanntgeben einer Schwangerschaft stattfand.
Also, als studierte Frau sollte man damit rechnen, dass der Job unwiederbringlich verloren ist und sich im Voraus Alternativen überlegen. Keinem Mann in Deutschland stellt sich bei der Frage der Vaterschaft die Frage nach der beruflichen Existenz. Es geht nicht um Karriere, es geht überhaupt darum, ob man in seinem studierten Beruf als Mutter arbeiten darf. Familienfreundlichkeit ist ein dankbares Wahlkampfthema, ich denke im Oktober ist alles vorbei und dann gehen die Kindergarten- und Schulschließungen weiter. Frau ist in Deutschland auf sich selbst gestellt und ich erwarte da kurzfristig auch keine Änderungen. Ich habe ein Familiennetzwerk aufgebaut zur Kinderbetreuung. Ohne Krippe, Kindergarten, Schwiegereltern, Kindermädchen und Freunde geht es nicht.
Damit Männer erfahren, wie es so als Mutter zuhause ist, versuche ich öfters, allein wegzufahren, wenigstens eine Woche. Dann ist der Mann mit den süßen Kleinen allein und kann sich ihnen ganz widmen. Hat bei uns prima geklappt und so habe zumindest ich einen Mann, der die Erziehungs- und Betreuungsarbeit zu schätzen weis. Das ist ganz wichtig, einfach die Männer mit den Kindern alleinlassen! Die können das schon. Machen sie ja mit den Frauen auch. Nur häufiger.
Ich gehe übrigends auch auf Arbeit, um mich von der Kinderbetreuung zu erholen. Gute Kinderbetreuung ist tatsächlich ein harter Job.
Rita Barthel Leipzig
Hervorragend, dem Arteikel ist nichts weiter zu zufügen. Bitte kämpfen sie weiter. Kurt Reinartz
Zitat:"Und die Gesellschaft steht plötzlich vor der schwierigen Aufgabe, immer mehr Kinder aus bildungsfernen Schichten auf Hochschulniveau zu trimmen."
Das ist ja fürchterlich. Bin ich froh, dass ich in einer Zeit geboren wurde, in der ich als Kind aus einer bildungsfernen Schicht noch nicht auf Hochschulniveau getrimmt werden musste.
Allerdings erinnere ich mich, dass auch schon damals vor 50 Jahren die Damen aus besseren Kreisen nicht so reproduktionswillig waren, wie die bildungsfernen Frauen. Und wenn, wurden die Kinder oft von bildungsfernen Frauen, sprich Haushälterin, Kindermädchen oder der noch bildungsfernen Großmutter erzogen.
Da wurde die Ursache für den drastischen Geburtenrückgang in Deutschland ja mal wieder glasklar identifiziert: Es sind die Männer! Hurra!
Er hat Probleme mit hochgebildeten Entscheiderinnen als Partnerin. Er will keine Windeln wechseln, kochen und schon gar nicht putzen. Selbstverständlich alles schon reihenweise selbst erfahren und wissenschaftlich belegt.
Ein Problem könnte vielleicht auch sein, dass die topentscheidende Akademikerin sich auch gerne einen topentscheidenden Akademiker zum Partner sucht. Man(Frau) sollte sich schon auf Augenhöhe bewegen. Hat also der Mann Probleme mit einer Karrierefrau oder hat die Karrierefrau Probleme mit dem Hausmann?
Im übrigen sorge ich mich um die Konfliktlösungkompetenz in deutschen Partnerschaften. Ist es wirklich nicht möglich das Thema Hausarbeit gerecht auf beide Schultern zu verteilen? Die emanzipierte Frau von heute schafft es wirklich nicht den Totalverweigerer Mann zu aktivieren?
Woran das wohl liegt?
Die Artikel zum Thema enthalten einige Aspekte, die in vielen anderen Beiträgen zu diesem Thema verlorengehen. Ein paar Fragen bleiben dennoch: Können sich zwei Akademiker, die beide berufstätig sind, in diesem Land keine Putzfrau und ein Kindermädchen leisten, die schon einmal eine ganze Menge Konfliktpotenzial wegwischen könnten? Das alleine kann es also nicht sein, was die Frauen abhält Kinder zu bekommen, so sie denn einen Ehemann haben.
Vielleicht sind wir Frauen aber mitlerweile so emanzipiert, dass wir nicht von einem Mann abhängig sein wollen, weil ein Kind uns verbindet.
Wie wäre es, anstatt durch Ehegattensplitting, Familien durch Erziehungsgeld zu unterstützen. Unabhängig vom Einkommen, sechs Jahre lang, bis die Kinder in die (Ganztags-)Schule kommen, in der sie auch Essen bekommen.
Es ist doch schließlich ganz nachvollziehbar, das Menschen Angst vor Kindern haben, wenn damit nach einer eventuellen Trennung vom Partner, in sehr vielen Fällen finanzielle Katastrophen verbunden sind- bei Frauen und Männern.
Wie frei ist eine Gesellschaft, in der Partnerschaft nicht unabhängig von den Finanzen geschlossen und auch wieder getrennt werden können? Der Armutsbericht zeigt dieses Problem deutlich auf: Keine gesellschaftliche Gruppe ist so häufig von Armut betroffen wie Alleinerziehende- über 30 %.
Das Erziehungsgeld müsste deshalb unabhängig vom Einkommen ausgezahlt werden, damit Frauen auch in jungen Jahren Kinder bekommen können und damit Frauen auch in Zukunft noch befördert werden. Welcher Chef gibt denn gerne eine Gehaltserhöhung, wenn damit die Wahrscheinlichkeit einer Elternzeit zunehmend steigt. 1973 bin ich als fünfjärige mit meiner Mutter auf einer Demo gewesen: "Kinder oder keine entscheiden wir alleine" war das Motto. Der eine Part - keine Kinder zu bekommen haben die Frauen erfolgreich durchgesetzt. Den anderen - Kinder zu bekommen bei hinreichender Absicherung der Lebensqualität - das steht jetzt an. Ich bin gespannt.
... die extrem niedrige Geburtenrate kann NUR durch einen neuen Geschlechtervertrag verändert werden? Oder - um es explizit auszusprechen: NUR die Umverteilung der Kosten der Reproduktion von den Müttern (dem weiblichen Part) auf die Väter (dem männlichen Part) sind ein hilfreiches Mittel.
Neben der Frage, ob ein solches Vorgehen hilfreich wäre und wie es letztendlich im gesellschaftlichen Konsenz umgesetzt werden kann, bleibt auch die Frage offen, ob es überhaupt Evidenz gibt, dass Verwerfungen im Geschlechtervertrag die Hauptursache für das Problem ist.
Es gibt eine Reihe von empirischen Untersuchungen zu dem Phänomen der geringer Reproduktionrate, die leider von der Autorin nicht genutzt wurden. Eine sehr schöne Untersuchung der Universität Rostock (wiedergegeben in http://www.eheseelsorge.n...) könnte man z.B. nutzen. In dem Artikel werden die Reproduktionsraten der BRD und der DDR (bzw. der Ostländer) von 1945 bis 1996 verglichen.
Ergebnisse: 1) Bis 1974 verlaufen die Reproduktionsraten in beiden Deutschen Staaten parallel. Wenn man die ca. doppelt so hohe Erwerbsquote der Frauen in der DDR als Indikator für einen untschiedlichen Geschlechtervertrag nimmt, sollte dies eigentlich nicht so sein.
2) Von 1974 bis 1982 steigt die Reproduktionsrate in der DDR erheblich an und verbleibt danach auf einem relativ hohem Niveau - während der Westen auf dem heutigen niedrigen Niveau verbleibt. Im Osten waren staatliche Anreize wirksam. Hieraus eine Änderung des Geschlechtervertrages zu konstruieren, wäre schon etwas abenteuerlich.
3) Nach der Wende gab es einen plötzlichen und massiven Rückgang der Reproduktionsrate im Osten und dies vor allem bei jüngeren Frauen.
Zusammengefasst: Die Reproduktionsrate ist extrem sensibel in Bezug auf gesellschaftliche Änderungen und zeigt m.E., dass die Quote zur Umsetzung des Kinderwunsches eine rationale Antwort der Bevölkerung auf die gesellschaftlichen Randbedingungen ist.
Die Hauptursache der Problematik im Verteilungskampf der Geschlechter zu sehen, ist m.E. wenig hilfreich und fragwürdig.
Betrachtet man noch, dass die jetzige Reproduktionsrate (seit Jahren konstant 1,4) extrem weit von der für die Erhaltung der Bevölkerung notwendigen Reproduktionsrate von 2,1 entfernt ist und es hierdurch zu massiven gesellschaftlichen Verwerfungen kommen muss (und auch schon gekommen ist), ist die Diskussion über die Nebelkerze "Geschlechtervertrag" auch noch extrem schädlich. Es geht um den Generationenvertrag (auch ein Vertrag, der nie unterschrieben wird!) und nicht um den Geschlechtervertrag!
Frauen sind der eigentlich grösste Feind einer wirklichen
Emanzipation.Schon in der Erziehungsphase bestimmen die
Muetter den Töchtern,"wie ein Mädchen zu sein hat".
Muetter,welche im Mann immer noch den Brotverdiener sehen,
haben in der Gesellschaft nicht den Platz fuer berufl.erfolgreiche
Töchter geschaffen.
Verglichen mit skandinavischen-,oder ehem.DDR-Frauen,
haben viele West-BRD Frauen sich wirklich
nie an einem gerechten Gesellschaftsaufbau beteiligt
Hej då
Die Familie ist die Keimzelle des Staates? Nicht in Deutschland! Dazu muss man nur ins BGB schauen - nach der Definition des Individuums in den ersten 10 Artikeln tritt dieses Individuum ab § 11 in Interaktion mit anderen Menschen und was tut es? Gründet es eine Familie? Nein - das Familienrecht kommt erst ab § 1200. In Deutschland gründet das Individuum zu erst einen Verein!
Ich halte dies für keinen Zufall. GG und BGB - 60 bzw. über 100 Jahre alt - geben in vielen Fällen keine brauchbaren Antworten mehr auf die Fragen unserer Zeit, wurden sie doch unter völlig anderen Rahmenbedingungen geschrieben. Wir brauchen in Deutschland eine Debatte über die Grundlagen unseres Staates. Gerade der Respekt vor den Müttern und Vätern des Grundgesetzes gebietet es, dass wir über einen neuen Gesellschaftsvertrag nachdenken. Was ist Gerechtigkeit? Können wir das Steuerrecht vereinfachen, wenn schon der Bundeskanzler geloben muss "Gerechtigkeit gegen jedermann" zu üben und nicht "Gerechtigkeit für alle anzustreben"? Der Unterschied? Das Grundgesetz will individuelle Gerechtigkeit, d.h. alle Gesetze müssen so kompliziert sein, dass alle denkbaren Einzelfälle abgebildet werden. Das Resultat: Gerechtigkeit nur für die Reichen und Cleveren, die sich Rat kaufen können. Nur wenn wir bereit sind, grundsätzlich und grundgesetzlich neu über die Grundlagen unserer Gesellschaft nachzudenken, können auch die von Frau Gaschke zu recht aufgeworfenen Fragen neu beantwortet werden!
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