Gaza-Stadt

Am Checkpoint Eres wird gebaut. Doch werden am Eingang zum Gaza-Streifen, auf israelischer Seite, diesmal nicht weitere Betonbefestigungen und Sicherheitszäune errichtet, sondern mehrstöckige Bürogebäude und kleine Häuschen mit Fenstern, über denen das Schild "Passport" prangt. Kein Zweifel: Hier entsteht ein internationaler Grenzübergang. Bald sollen in Eres statt uniformierter Soldaten Zivilangestellte den Reiseverkehr kontrollieren. Für diesen Grenzverkehr wird die israelische Armee "am Tag danach" nicht mehr zuständig sein.

Mitte August will Israel endgültig den Gaza-Streifen räumen. Der kleine, überbevölkerte Flecken Erde bleibt sich selbst überlassen. Ohne Besatzungsarmee, ohne israelische Siedlungen. Eine unfreiwillige – aber willkommene – Entlassung in einen Embryostaat. Es ist der zweite Anlauf. Schon einmal, nach dem Osloer Abkommen im Herbst 1993, sollte Gaza als Testfall für einen zukünftigen palästinensischen Staat dienen. Zwölf Jahre danach gibt es immer noch keinen Friedensvertrag, aber dieselben Fragen, auf die nach Arafats Tod nun ein neuer palästinensischer Präsident Antworten geben muss. Ist Gaza mit seinen 1,4 Millionen Palästinensern lebensfähig? Rückt mit dem Abzug auch ein Ende der Besatzung des Westjordanlands näher? Wird es zu Verhandlungen mit Israel über einen endgültigen Staat kommen? Präsident Machmud Abbas weiß, dass das Projekt Gaza schicksalsentscheidend für Palästina sein kann. Das Gelingen hängt von vier großen Herausforderungen ab, die er zu bewältigen hat: Er muss seine – noch – regierende Fatah-Partei von Grund auf reformieren, er muss den ersehnten wirtschaftlichen Aufschwung herbeiführen, die islamistische Hamas unter Kontrolle bringen und mit Israel einen neuen Modus Vivendi finden.

Die Last der Verantwortung steht Abbas ins Gesicht geschrieben. Vor wenigen Tagen ist er aus der heimlichen palästinensischen Hauptstadt Ramallah nach Gaza gekommen, um sich hier wieder einzurichten. In seiner lange Zeit verwaisten Villa brennt abends nun wieder Licht. Tagsüber empfängt er die Besucher im Präsidentenbüro am Meer. Abbas thront an einem langen, mit weißen Rosen dekorierten Tisch. Sein Erscheinungsbild – eleganter Anzug, dunkle Krawatte, ernste Miene – kontrastiert mit dem seines Vorgängers, dessen Foto an der Wand hängt: Jassir Arafat, in Kampfuniform und mit Kefije, schaut im Vergleich zu Abbas fast amüsiert drein.

Für verschnörkelte Vorreden hat der neue Präsident keine Zeit – auch das ist ein Unterschied zu Arafat. Er sagt, er regiere nun von Gaza aus, um den israelischen Abzug aus der Nähe zu verfolgen und um die Hand am Puls der Entwicklungen zu haben. Er will auch in Gaza sein für die Feier nach dem Auszug der Siedler. Die Palästinenserbehörde bereitet sich darauf gerade mit einer Massenproduktion von Fahnen vor. Was Abbas verschweigt: Seine Macht in Gaza bröckelt, auch das erfordert seine Anwesenheit. Die Wähler stehen zwar nach wie vor mehrheitlich hinter ihm, doch bekommen die Vertreter seiner Autonomiebehörde schlechte Noten. Sie regieren seit nunmehr elf Jahren die Palästinenser und gelten als inkompetent und korrupt. Aus Angst vor einem drastischen Stimmenverlust hat die Fatah-Partei, die mit der Autonomiebehörde identisch ist, deshalb die für Juli geplanten Parlamentswahlen verschoben.

Es ist unklar, was die Fatah heute repräsentiert – und wer für sie spricht. Sie ist längst in mehrere Lager gespalten: Da sind zum einen die Erben Arafats, die alte Garde, die in den neunziger Jahren aus dem tunesischen Exil zurückkam und die Macht an sich riss. Da sind zum anderen die jüngeren und reformwilligeren Mitglieder, denen die "Tunesier" den Weg nach oben versperren, indem sie sich gegen parteiinterne Wahlen sperren. Und zur Fatah gehören radikale Gruppen wie die Al-Aksa-Brigaden. Sie bilden seit Beginn der jüngsten Intifada den militärischen Flügel der Fatah und sind für viele Selbstmordanschläge verantwortlich.