Das Internet bringt Menschen zusammen, zu guten und zu bösen Zwecken. Es ist insbesondere ein Medium, das Interessen, Kenntnisse und Fähigkeiten kombiniert, und da nichts so sehr den Geist beflügelt wie die unausgesetzte Kombination und Rekombination von Ideen, ist das Internet die Sphäre des Geistes in der heutigen Welt geworden.

Wer ihn im Netz sucht, verliert schnell die Übersicht. Bis er auf Wikipedia stößt, die gemeinnützige, aus Spenden finanzierte Online-Enzyklopädie, an der jeder mitschreiben darf; in Deutschland sind es rund 10.000 Freiwillige. Diese Dokumentensammlung existiert erst seit vier Jahren, doch sie enthält bereits zwei Millionen wohlgeordnete Einträge in über 60 Sprachen; täglich kommen 400 deutsche Einträge hinzu, und 60 werden gelöscht.

Wikipedia bringt Menschen nicht nur im Netz zusammen, sondern auch in der Restwelt, so geschehen am vergangenen Wochenende in Frankfurt. Der erste internationale WikipediaKongress diskutierte über die Qualität der Einträge. Die wurde kurz zuvor von interessierter Seite infrage gestellt, nämlich vom Brockhaus-Pressesprecher. Wer mit Sicherheit zutreffende Information wünsche, sagte er, solle lieber zu den Lexika seines Hauses greifen.

Das ist halb wahr. Die andere Hälfte der Wahrheit indes ist die, dass die Dokumente der Wikipedia im Fluss sind, so wie das menschliche Wissen auch. "Wiki" bedeutet auf Hawaiianisch "schnell". Das schnell gemachte Wiki-Wissen wird pausenlos umgeschrieben (und jede Veränderung dokumentiert). Insofern gehört die Wikipedia einer anderen Gattung an als der Brockhaus.

Es ist möglich, die Löschung von Wiki-Einträgen zu beantragen, woraufhin erst von allen Interessierten diskutiert und sodann von den "Administratoren" darüber befunden wird. Es existieren also sehr wohl Institutionen mit Autorität, die über die Einhaltung der Spielregeln wachen. Wie auf intakten Märkten oder in funktionierenden Demokratien (wobei die Wikipedia eher eine Verwandte der direkten als der repräsentativen Demokratie ist).

Zulässig ist es, Prämien für Artikel auszuloben: Wem es beispielsweise gelingt, dass ein Artikel über eine Schildkrötenart verfasst und von genügend anderen Lesern als "exzellent" eingestuft wird, dem hat ein Wikipedia-Teilnehmer kürzlich ein schönes Buch über Schmuckschildkröten versprochen. Natürlich ist dieses Verfahren längst als Marketing-Tool entdeckt worden. Schleichwerbung via Wikipedia? Nur, wenn die Leser nicht aufpassen.

Gleichwohl, massive Angriffe von Agitatoren, Spinnern oder Schmutzfinken auf die Integrität mancher Texte führten auf dem Wiki-Kongress am Wochenende zu dem systemfremden Vorschlag, dass die Administratoren Änderungssperren verhängen können sollten. An diesem Punkt schlüge das Prinzip um: Der Wiki-Eintrag wäre tot, und es ergäbe Sinn, die Qualität eines ausgereiften Beitrags mit dem eines Brockhaus-Artikels zu vergleichen. Das Ergebnis steht keineswegs fest. Gero von Randow