Spanien In fremden Betten

Hotel Puerta América, Madrid

Eine neue Form von Multiplex ist geboren: das Multiplex-Hotel. Es bietet, wie man es aus dem Kino gewohnt ist, ein gutes Dutzend verschiedener Programme – aber nicht auf zwölf Säle, sondern auf zwölf Stockwerke verteilt. Am besten also, man überlegt sich bereits bei der Reservierung, in welches Genre man einchecken möchte. Soll es ein Science-Fiction sein? Da wäre das erste Stockwerk zu empfehlen, unter der Regie von Zaha Hadid. Eine schrille Komödie? Auf der elften Etage inszenieren Javier Mariscal und Fernando Salas. Ein smarter Agentenkrimi? Im zweiten Stock läuft die neueste Arbeit von Norman Foster. Eine postmoderne Romanze? Ron Arad zeigt sein aktuelles Werk auf Etage acht. Man kann natürlich auch blind buchen und sich überraschen lassen. Aber dann gerät man womöglich in den kitschigen Kostümschinken auf Etage fünf, von Victorio & Lucchino, und ärgert sich über die mangelnde Vorausschau.

Das Hotel Puerta América in Madrid ist eine Art Jukebox voller Design-Hits. Die spanische Silken-Gruppe hat große Namen aus Architektur und Design eingekauft und dann jeden Vertragspartner ein ganzes Stockwerk gestalten lassen. Nur die Zimmerzahl war vorgegeben. Auf jeder Etage mussten 28 Standardzimmer und zwei Juniorsuiten Platz haben. Einzig im Obergeschoss wurde mit dem bescheidenen Umfang der übrigen Räume gebrochen: Jean Nouvel konnte unter dem Dach großzügig zwölf Suiten verteilen.

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Das ganze Projekt ist ein Paradebeispiel für freche Flucht nach vorn. Denn von außen betrachtet, handelt es sich beim Puerta América um einen geschmacklosen Glaskasten an einer hässlichen Ausfallstraße in Richtung Flughafen. Erst als die Fassade bereits im Bau war, kam den Silken-Chefs die Idee mit dem aufgestylten Innenleben. Die hinzugebetene Starparade hat dem Haus schon vor seiner Eröffnung Anfang Juli höchste Aufmerksamkeit beschert. Unter den frühen Beobachtern rümpften allerdings manche die Nase. Ihnen ging gegen den Strich, dass sich die renommiertesten Architekten und Designer für eine offensichtliche Werbemaßnahme zusammenwürfeln ließen.

Der Argwohn ist berechtigt. Aber wenn man das Hotel erst einmal von oben bis unten, Stockwerk für Stockwerk, besichtigt hat, will man davon nichts mehr wissen. Denn das Puerta América ist, von Nahem betrachtet, eine sehr elegante Villa Kunterbunt, in der man wunderbar auf Entdeckungsreise gehen kann, von Flur zu Flur, von Zimmer zu Zimmer, im ständigen Vergleich der Konzepte, Materialien und Raumteilungstricks.

Klar, diese Zeilen sind von jemandem mit einem gewissen Standortvorteil geschrieben. Denn bei der öffentlichen Vorstellung des Hotels wurden die Journalisten in einem dreistündigen Rundgang von Etage zu Etage geleitet. Der gewöhnliche Bucher dagegen wird sich entscheiden müssen. Und ihm wird vieles vorenthalten bleiben. Positiv betrachtet (fürs Management), heißt das: Der Kunde muss wiederkommen, um das Hotel noch einmal von einer ganz anderen Seite kennen zu lernen. Negativ betrachtet (für den Gast), heißt das: Er wird sich womöglich nie ganz entspannen können, denn er weiß ja immer, dass er im gleichen Augenblick elf Zwölftel des Hauses verpasst. Es ist sicher mit einem hohen Prozentsatz von Zimmerhoppern zu rechnen, die während ihres Aufenthalts jede Nacht die Etage wechseln möchten. Das geht natürlich, aber nur gegen Aufpreis.

Jean Nouvel, der auch die fade Fassade etwas aufhübschen durfte, hat blumig von einem »Museum für eine Nacht« gesprochen. Das ist nicht nur ein schöner Satz fürs Marketing. Das Haus bietet ja tatsächlich eine Art Dauerausstellung. Man sollte also Führungen anbieten. Die Vielfalt verpflichtet.

Das gilt im Übrigen auch für das verantwortliche Personal. Es wird uneingeweihte Kunden mit viel Fingerspitzengefühl und je nach deren individuellen Bedürfnissen auf die Etagen verteilen müssen. Zum Arbeiten eignen sich am besten die nüchternen Zimmer von David Chipperfield mit integrierter Werkbank. Für eine private Cocktailparty empfehlen sich besonders die schick illuminierten Räume von Richard Gluckman. Die größten Bildschirme befinden sich in den ovalen Kapseln von Ron Arad. Und welches Design lädt zum besten Sex ein? Kathryn Findlay hat selbst davon gesprochen, ihre Zimmer seien im Hinblick auf great orgasms gestaltet. Deshalb steht – zum Beispiel – die Dusche nicht weit vom Bett entfernt: So kann man dem Partner von der Matratze aus beim Einseifen zusehen.

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