Interview »Je direkter, desto besser«
Wie viel Härte verträgt die Gesellschaft? Wie gut sind Deutschlands Manager wirklich? Ein ZEIT-Gespräch mit Utz Claassen, Vorstandschef des Energieriesen EnBW, über Männer, Macht und Melancholie
Herr Claassen, die russische Regierung hat Ihnen gerade den Orden des heiligen Nikolaus verliehen. Ihre Kritiker würden Sie ja eher mit Knecht Ruprecht vergleichen.
Utz Claassen: Der heilige Nikolaus passt schon ganz gut. Nikolaus ist in Kurzform Klaus, und Klaus in friesischer Form ist Claas, und der Sohn von Claas ist Claassen.
ZEIT:
Nikolaus war auch ein Märtyrer, ein Nothelfer. Also haben Sie den Orden verdient, weil Sie ein Nothelfer sind – ein knallharter Sanierer?
Claassen:
Ich weiß nicht, was »knallhart« heißt. Wenn ein Arzt die richtige Medizin verordnet, gilt er doch auch nicht als knallharter Arzt. Das ist jemand, der seine Patienten gesund gemacht hat, und so jemand verdient Respekt.
ZEIT:
Dann passt das Bild vom Nikolaus ja doch: Sie sind der verkannte Märtyrer, weil Sie Gutes tun, aber nicht ausreichend gewürdigt werden?
Claassen:
Ich sehe mich nicht als Märtyrer, und ich fühle mich auch nicht verkannt. Aber wir haben in unserer Republik generell zu Sanierern eine sehr merkwürdige Einstellung. Das gilt für Unternehmen genauso wie für die Politik. Sozial ist man, wenn man weitermacht wie bisher. Reformieren und Modernisieren dagegen gilt als unsozial. Mir ist es lieber, ich bin in der Sache erfolgreich und werde dafür manchmal zu Unrecht kritisiert, als dass ich überall populär bin, aber der Sache nicht diene.
ZEIT: Lieber Rambo als Bambi?
Claassen: Ein Image als Rambo muss man sich verdienen, ein Image als Bambi bekommt man geschenkt.
ZEIT: Braucht Deutschland mehr Typen wie Sie?
Claassen: Deutschland braucht Menschen, die den Mut zur Wahrheit haben. Da bin ich kein Einzelfall. Ich bin fest überzeugt, dass die Konjunktur für Sanierer erst noch kommen wird.
ZEIT: Was zeichnet einen guten Sanierer aus?
Claassen: Die Fähigkeit zur Erkenntnis und der Mut zur Umsetzung.
ZEIT: Sind Sie ein guter Sanierer?
Claassen: Ich war bisher bei drei Unternehmen als Sanierer gefordert: bei SEAT, bei Sartorius und bei EnBW. Ich habe niemanden getroffen, der sich bei mir über mangelnden Erfolg beklagt hätte.
ZEIT: All jene EnBW-Mitarbeiter, die ihren Job verloren haben, sehen das womöglich anders.
- Datum 11.08.2005 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | Auf einer Seite lesen
- Serie cvd
- Quelle (c) DIE ZEIT 11.08.2005 Nr.33
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren