»Hier kriecht einem die Kälte unter die Jacke«

Ein Gespräch mit Aelrun Goette, die einen Dokumentarfilm über einen Kindermord in Frankfurt/Oder gedreht hat

DIE ZEIT: Was haben Sie spontan empfunden, als Sie von dem Fall erfuhren?

Aelrun Goette : Was für ein gewaltiges privates Drama. Wenn einer Frau neunmal so etwas gelingt – ihre Schwangerschaften zu verheimlichen und dann im Stande zu sein, ihre neugeborenen Kinder umzubringen –, dann zeichnet das ein sehr spezielles Bild von ihrer Beziehung zu ihrem Partner, mit dem sie ja während der ganzen Zeit zusammengelebt hat. Das ergibt das Bild einer Frau, die sich an niemanden wenden konnte, die völlig vereinsamt war.

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ZEIT: Waren Sie überrascht, dass ausgerechnet wieder die Gegend um Frankfurt/Oder Schauplatz einer solchen Katastrophe geworden ist?

Goette: Es hat mich berührt. Manche Zitate, die ich jetzt in den Zeitungen lese, kommen mir bekannt vor. Zum Beispiel beklagte sich ein Anwohner, dass über Brieskow-Finkenheerd jetzt so viel Negatives berichtet würde, obwohl es doch so viel Positives zu sagen gäbe. Solche Aussagen habe ich bei meinen Recherchen damals auch oft gehört.

ZEIT: Sie sind für Ihren Film immer wieder nach Neuberesinchen, einer Plattenbausiedlung in Frankfurt/Oder, gefahren und haben mit Leuten aus dem Umfeld der Frau gesprochen, die ihre Kinder verdursten ließ. Wie ist man Ihnen begegnet?

Goette: Ich habe Menschen kennen gelernt, die sehr verzweifelt und bereit waren, sich mit den Hintergründen auseinander zu setzen. Gleichzeitig war ich mit einer großen Verschlossenheit konfrontiert, die manchmal bis zur Feindseligkeit ging. Viele haben mir vorgeworfen, nur im Dreck zu wühlen. Ich habe mit rund fünfzig Personen gesprochen – ehemalige Mitschüler, Mitarbeiter des Gesundheitsamtes, Nachbarn, Freunde –, aber nur zwei von ihnen, ein Lehrer und eine ehemalige Freundin der Kindsmörderin Daniela Jesse, haben gesagt: Mein Gott, was haben wir bloß übersehen.

ZEIT: Welche Eindrücke sind Ihnen in Erinnerung geblieben?

Goette: Es hat gestunken und war laut, es wurde viel gebrüllt. In meinem Tagebuch habe ich damals notiert, ›hier kriecht einem die Kälte unter die Jacke‹. Ich habe versucht, mir vorzustellen, an einem solchen Ort zu leben – dieser Aggression von Gerüchen und Geräuschen täglich ausgesetzt zu sein. Und irgendwann griff dieses Lebensgefühl auf mich über. Mir wurde klar, dass ich meine Wertvorstellungen nicht ohne weiteres auf die Menschen dort übertragen konnte. Plötzlich erschien es mir nachvollziehbar, dass zum Beispiel ein Jugendamtsmitarbeiter, der das Beste im Sinn hat, aber ständig vor verschlossenen Türen steht, irgendwann aufgibt.

Ich habe dort auch sehr viele sehr junge Mütter kennen gelernt, die mit 17 oder 18 ihr erstes Kind bekommen haben, auf das zwei bis drei weitere folgten. Immer in der Hoffnung, dass der jeweils letzte Kindsvater bei ihnen bleibt. Ich habe erlebt, dass Erziehung in diesem Milieu meist Frauensache ist. Gleichzeitig gilt es jedoch als großer Makel, ohne Mann zu sein. Frauen gehen deshalb Kompromisse ein, die manchmal schwer nachvollziehbar sind, um ihre Männer zu halten.

ZEIT: Im schlimmsten Fall töten sie ihre Kinder?

Goette: Das eine sind die Umstände, in denen die Frauen mit ihren Kindern leben. Das andere sind Ausnahmefälle, die offenbar nicht zu verhindern waren. Über die Gründe, warum eine Mutter neun ihrer neugeborenen Kinder tötet, darf man nicht leichtfertig spekulieren.

ZEIT: Ihr Film war erklärtermaßen ein Film übers »Wegschauen«. Wo liegen Ihrer Meinung nach die Ursachen für die Teilnahmslosigkeit?

Goette: In der DDR gab es Strukturen, die einen Großteil der Bevölkerung nicht nur kontrolliert, sondern auch gehalten haben. Durch die staatlich verordneten Eingriffsmöglichkeiten ins Privatleben war Kindererziehung keine Privatsache. So schlimm das ist, hat es jedoch manchen Menschen das Leben vereinfacht. Als die Wende kam und plötzlich Eigenverantwortung gefragt war, konnten viele damit nichts anfangen. Denn was macht man mit seiner neu gewonnenen Freiheit, wenn man seine Arbeit verliert und Eigenschaften wie Flexibilität gefragt sind, die man nie gelernt hat? Zu DDR-Zeiten musste man sich in der Schule entscheiden, welchen Job man den Rest seines Lebens ausüben wollte – und musste. Durch die Mangelwirtschaft entstand außerdem eine ganz bestimmte Form von Kommunikation: die Verkäuferin, die dem Arzt eine Kiste Orangen zurücklegt, damit ihr Sohn eine Vorzugsbehandlung bekommt. Dadurch entstand ein Miteinander über die gesellschaftlichen Schranken hinaus. Mit der Marktwirtschaft fiel diese Ebene der Kommunikation weg, die Menschen wurden einsamer. Der Rest ist bekannt: Man hofft, wird enttäuscht, scheint für die neue Zeit nicht geeignet zu sein. Man trinkt, und am Ende verliert man seine Selbstachtung. Das hat mich am meisten bedrückt dort – dieses Gefühl der Ausweglosigkeit.

ZEIT: Soziale Not erklärt die Verrohung, die zu einer solchen Tat führt?

Goette: Das ist natürlich keine Erklärung dafür, dass eine Mutter ihre Kinder tötet. Mein Film ist von vielen Sozialarbeitern in Problemgebieten im Westen vorgeführt worden, und es hieß einhellig: So was könnte bei uns auch passieren.

ZEIT: Aber Sie haben doch gerade die spezifische Situation im Osten beschrieben. Gibt es dort, wie Schönbohm suggeriert, ein bestimmtes Milieu, das von humanen Werten nur schwer erreicht wird?

Goette: Schlimme Fälle von Kindstötung gibt es auch im Westen, und dass Jörg Schönbohm diesen Fall für seinen Wahlkampf missbraucht, finde ich ebenfalls ein Beispiel emotionaler Verrohung. Der Potsdamer Bildungsminister Horst Rupprecht hat in einem Interview gesagt, er sei über Schönbohms Aussage fast so erschüttert wie über den Vorfall selbst. Er stellt also die Aussage eines Politikers auf eine Ebene mit dem Tod von neun Kindern. Das ist obszön. Offenbar sind wir alle derzeit gegen humane Werte resistent.

ZEIT: Haben Sie noch Kontakt zu Daniela Jesse?

Goette: Wir schreiben uns, ich schicke Pakete, und sie ruft mich in regelmäßigen Abständen an. Wir reden vor allem über den Alltag im Knast.

* Aelrun Goette wurde in Ost-Berlin geboren. Sie hat sich ebenso wie der Schriftsteller Michael Kumpfmüller mit dem Fall einer Frau beschäftigt, die ihre beiden Söhne verdursten ließ. Ihr Dokumentarfilm heißt »Die Kinder sind tot« und wurde 2004 mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet

Die Fragen stellte Ilka Piepgras

 
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