Wir sind so frei

Auf der Suche nach der bürgerlichen Jugend im Großraum Berlin

Sie nennen sich Hauptstadtclub, und sie treffen sich dienstags, diesmal im Golgatha in Berlin-Kreuzberg. Der Club ist kein geheimer Zirkel, im Internet kann jeder lesen, wo sie sich an welchem Dienstag treffen zur »Lounge«. Das Golgatha ist ein Biergarten in einem Park, studentisch das Publikum. Es ist nicht so leicht, den Hauptstadtclub zu entdecken, weil sich die Mitglieder äußerlich kaum von den anderen Gästen unterscheiden. Sie sind auch deswegen so schwer zu finden, weil sie sich nicht auf den Bierbänken, sondern abseits davon in Liegestühlen niedergelassen haben, auf den etwas besseren Plätzen.

Der Hauptstadtclub ist ein Rotaract-Club – das kommt von Rotary, dem Wohltätigkeitsnetzwerk, dessen junge Vereinigung sie sind, oder besser: dessen Kind, denn sie sprechen von einer rotarischen Familie – und hat man ihn schließlich gefunden, begegnet er einem offen. Keiner hier sieht ein Problem darin, mit einem Journalisten zu reden.

»Wir haben mit dem Ruf zu kämpfen, ein elitärer Karriere-Club zu sein. Das zieht die falschen Leute an, solche, die glauben, der Club sei ein Sprungbrett für ihre Karriere«, sagt Stephan J. Schmidt, ein Informatiker.

Ist er das, ein Karrieresprungbrett?

»Es ist eher so, dass wir uns überdurchschnittlich stark engagieren – im Club wie auch im Beruf. Und deshalb sind wir dort vielleicht auch erfolgreicher als andere.«

Seit ungefähr zwei Jahren ist viel von einer neuen Jugendkultur die Rede, den neuen Bürgerlichen. Junge Deutsche, die sich wieder für die alten Werte und Ideale interessieren. Weil sie genug haben von ihren 68er-Eltern, die nicht erwachsen werden wollen. Weil ihnen die Welt ohne feste Regeln zu unübersichtlich und zu ungemütlich geworden ist, wünschen sich diese Jungen, so heißt es, wieder ewige Treue, Ordnung, ein Haus im Grünen, all das, was vor kurzem noch als spießig erschien. Sie singen wieder, wandern, schließen Bausparverträge ab. Aber wie denkt die bürgerliche Jugend? Und wo findet man sie? Die neuen Bürgerlichen, wenn es sie gibt, haben keine feste Adresse, man muss sich aufmachen, sie zu suchen – auf einem Polofeld, in der Schülerunion oder im Hauptstadtclub.

Die Rotaracter stellen sich drei Aufgaben, die weitgehend bürgerlichen Idealen entsprechen: Helfen, lernen, feiern. Der Hauptstadtclub hilft einem Wohnheim für Kinder, backt mit den Kindern Plätzchen. Der Club lernt, etwa indem er einen Vortrag über das Marketing von Ikea hört. Er feiert, zum Beispiel bei seiner »Deutschlandkonferenz« im April. Bei diesem Treffen der Rotaract-Club fuhren sie in Phaetons und in Audis vor, die die Hersteller als Sponsor zur Verfügung stellten.

Es ist halb elf an diesem Dienstagabend, als sich ein Gespräch zwischen Kerstin, Stephan und Markus darüber entspinnt, wie es ist, an eine UBahn-Station zu kommen, und es fährt keine Bahn mehr. Sie erzählen von dem Moment, als ihnen bewusst wurde, dass sie nicht mehr wegkommen, spät in der Nacht. Sicher, es ist nur ein Plausch, es könnte sich aber mehr dahinter verbergen. Sie erzählen vielleicht auch deshalb so ausgiebig davon, weil ihnen das so unvorstellbar ist: in ihrem Leben an einen Punkt zu gelangen, von wo aus kein Fortkommen mehr ist, wo alle Verbindungen abgerissen sind.

Der Berliner Hauptstadtclub glaubt an die Kraft der Kontakte. Seine Mitglieder glauben daran, dass es immer weitergeht, weiter nach oben vor allem. »Ich bin jetzt Vizepräsident unseres Clubs, aber ich weiß, dass ich mir auch höhere Ämter zutrauen würde. Das ist einfach so bei mir«, sagt Dominic Krohne, 21 Jahre, Jura-Student, der Einzige hier in einem Ralph-Lauren-Poloshirt. Das Wichtigste sei doch, hier mit Leuten zusammenzusein, »die eine Perspektive haben, die wissen, wo sie hinwollen, die nicht so dieses Mir-nichts-dir-nichts-Getue draufhaben.« Geht es auch darum, sich mit den anderen zu messen? »Klar. Wenn Kerstin mir sagt, dass sie in American Law zehn Punkte geschrieben hat, dann will ich das auch.« Er erzählt von seiner SPD-Mitgliedschaft – nur wegen Schröder. Dominic Krohne sagt, er sei längst nur noch eine Karteileiche und überlegte sich, bald auszutreten.

Kerstin Aulich ist 25, sie studiert Jura. Sie sagt: »Ich will das Beste aus mir machen.« Ja, sie denkt in vielerlei Hinsicht traditionell, »auch wenn’s erschreckend ist«. Sie merkt das daran, wenn sie ihrem Nachhilfeschüler, der 14 ist, wieder einmal etwas mehr Respekt vor Erwachsenen beibringen möchte. Sie ist Museumsfan, zieht Caspar David Friedrich und Dalí allem vor, was ihr zu modern ist. Wenn sie Zeit hat, spaziert sie durch das Nikolai-Viertel, Berlins zu DDR-Zeiten restaurierte historische Mitte. Sie liebt, was alt ist. Und später? »Ein gutes Einkommen, einen Beruf, der mir Freude macht, eine kleine Familie, ein Häuschen im Grünen, das fände ich schön.« Sie macht sich keine Sorgen, einen Beruf zu finden, obwohl es unter Juristen gerade schwierig ist. »Meinen eigenen Fähigkeiten vertraue ich am meisten«, sagt sie. Das Wichtigste für sie im Club sind die sozialen Aktionen, um die sie sich in diesem Jahr als Verantwortliche kümmert. In eine Partei würde sie nicht gehen, sie fürchtet, dort ihre Unabhängigkeit zu verlieren. »Ich helfe lieber im Kleinen.«

Dominic Krohne, der Vizepräsident, erzählt, ihr Club habe in letzter Zeit mehr Interessenten. Das liege daran, dass sie so umtriebig seien, andere Rotaract-Clubs in Deutschland klagten eher über Mitgliedermangel.

Gibt es überhaupt eine wachsende bürgerliche Jugend? Und woran ließe sich das festmachen? Ein Anruf in Meißen, in der Porzellanfabrik: Interessiert sich die Jugend wieder mehr für traditionelles Porzellan? Ja, so hört man, es gebe eine Art Müslischale, die verkaufe sich bei den Jungen gut. Aber so genau weiß es die Mitarbeiterin nicht, sie wolle sich noch einmal melden. Es gibt zurzeit eine wachsende Nachfrage nach Bausparverträgen, die Landesbausparkasse Baden-Württemberg berichtet davon, dass der Anteil der jugendlichen Kunden bei Erstverträgen seit fünf Jahren gestiegen ist, von knapp 36 Prozent auf 41 Prozent. Ein Mitarbeiter des Deutschen Musikrates weiß, dass Jugendliche seit ein paar Jahren wieder öfter Musikschulen besuchen und dort öfter Geige lernen, 48992 Geigenschüler im Jahr 2004 im Vergleich zu 46705 im Jahr 1997.

Auch der Reichensport schlechthin, Polo, erfreut sich zunehmend junger Mitspieler. Erst in den vergangenen drei Jahren hat sich so etwas wie Jugendarbeit in diesem Sport entwickelt, hatte die Präsidentin des Berliner Poloclubs am Telefon gesagt, die sich als Erste überhaupt in Deutschland um die Polojugend kümmert. Ob man nicht kommen wolle, am Wochenende starteten die zweite Deutschen Jugend-Polomeisterschaften.

Sie glauben an die Kraft guter Verbindungen

Wieder gestaltet sich das Treffen ein wenig schwierig, die bürgerliche Jugend trifft sich eher etwas im Abseits. Das Gut Seeburg liegt versteckt zwischen Berlin-Spandau und Potsdam, nach der Ankunft dort irrt man über Wiesen und Koppeln, um auf die 16 Spieler zu treffen, die das Turnier unter sich ausspielen.

Fragt man die Spieler, alle unter 26, warum sie Polo spielen, sagen sie zuerst: wegen des Vaters. Einige dieser Väter stehen jetzt am Spielfeldrand und feuern an. Außerdem nennen sie die Pferde, mit denen sie eine Einheit bildeten, und dann wissen die meisten einen weiteren Grund: die Möglichkeit, Menschen auf der ganzen Welt kennen zu lernen, Menschen mit Geld, versteht sich, denn der Sport verschlingt eine Menge davon, ungefähr proportional zur Größe des Spielfeldes: Vier Fußballplätze passen hinein. Mit einem Pferd allein ist es nicht getan, die Spieler müssen weit reisen, um auf Gegner zu treffen, sie erzählen von Turnieren in Italien, Argentinien, Indien.

Jasmin Bumanowski war auch mit in Indien, sie spielt seit vier Jahren Polo. Sie hat sich freiwillig gemeldet, in ihrer Spielpause das Scoreboard zu betreuen, und jetzt wuchtet sie die Eisenplatten mit Ziffern, die aus dem Gründungsjahr des Clubs 1906 stammen, um so den Stand des Spiels Schwarz gegen Orange anzuzeigen. Sie ist 17 Jahre alt, und sie erzählt, sie habe »so einen Tick mit der Höflichkeit«. Wenn ihr ein Junge die Tür nicht aufhalte, falle ihr das auf. Vor einiger Zeit hat sie an einem Benimmkurs im Schlosshotel Vier Jahreszeiten teilgenommen, ihr Vater hatte es ihr vorgeschlagen. Sie fand den Kurs anstrengend, aber interessant. Als sie von Kreuzberg, wo sie mit ihrer Familie wohnt, nach Wilmersdorf auf das griechisch-lateinische Gymnasium kam, hatte sie das Gefühl, dort sei alles aus Stein, so alt erschien es ihr. »Es hätte mich nicht gewundert, wenn auch die Computer aus Stein gewesen wären.« Inzwischen ist ihr diese versteinerte Welt lieb geworden, sie würde ihre eigenen Kinder auch auf ein lateinisch-griechisches Gymnasium schicken.

Sie klingt erwachsen, sehr überlegt. Und die Politik? Nein, kein Interesse. Zum Glück müsse sie dieses Jahr noch nicht wählen. Die anderen Spieler erzählen Ähnliches in den Pausen: Traditionen halten sie für wichtig, Konventionen auch, Leistung auch, Geld durchaus (allein schon, um weiter Polo spielen zu können).

Zwar versammelt sich weder beim Polo noch bei Rotaract eine homogene Gruppe. Doch überall treffen sich Menschen, die die Werte ihrer Eltern übernommen haben. Viele von ihnen nennen ihre Eltern als einzige Vorbilder. Niemand hier ist etwa aus Opposition gegen die Eltern zum Bürgerlichen geworden. Sie sind Kinder von Bürgerlichen, und sie denken genauso bürgerlich wie ihre Eltern.

Auch die, die aus weniger begüterten Elternhäusern stammen, machen sich um sich selbst keine Sorgen. Und allen ist gemein, dass sie keine eindeutigen politischen Konsequenzen aus ihren Überzeugungen gewinnen. Woher diese Scheu der Bürgerlichen vor den bürgerlichen Parteien? Die Junge Union etwa verlor in den letzten Jahren leicht, aber kontinuierlich an Mitgliedern.

Der Chef der Schülerunion mag Bach und Hardcore-Bands

Treffen mit einem, der sich für eine Partei entschieden hat, mit Richard Coburger, Vorsitzender der Schülerunion in Berlin-Mitte. Coburger ist 20, er hat sich das Balzac-Café ausgesucht, dort sitzt er mit zwei seiner Freunde von der Schülerunion, die schüchterner und unerfahrener sind als er selbst. Er sagt: »Die CDU macht eben Politik für Fortgeschrittene. Es dauert eine Weile, es ist nicht Liebe auf den ersten Blick.«

Bei ihm fing es an, als er noch ein Kind war. Als Sohn eines in der DDR gegängelten Pfarrers wuchs seine Aversion gegen alles, was sich sozialistisch nennt, und als Kind erlebte er den Eierwurf auf Kohl in Halle – und er hatte Mitleid mit dem Mann. Ein paar Jahre später trat er in die Partei ein.

Richard Coburger trägt Lacoste, doch über der Schulternaht zeichnet sich ein deutliches Loch ab, er hat ein sanftes Gesicht, aber seine Ansichten sind weniger sanft. Er verteidigt den Irak-Krieg, er ist für Sauberkeit und Ordnung auf den Straßen. Zugleich wirkt er wie ein intellektueller Mensch. Er ist der Einzige, der auf dieser kleinen Reise durch die bürgerliche junge Welt auf die Frage nach Träumen und Zielen nicht beruflichen Erfolg nennt, sondern: »Glück. Dass ich, wenn ich einmal alt bin, zurückblicke und sage: Ich habe gelebt.« Er spricht gleichermaßen von Bach und von Hardcore-Bands namens Caliban oder Nasum. Er liest viel, er rezitiert während des Gesprächs ein Gedicht von Elizabeth Bishop.

Gibt es denn jetzt ein wenig Zulauf in der Schülerunion wegen der Wahlen, die gewonnen werden könnten? »Schon, ein klein wenig«, sagt Richard Coburger, dem Prahlerei wohl auch nicht liegen würde. »Aber den gibt es bei allen Parteien vor Bundestagswahlen.«

Da möchte man ihn fast ein wenig trösten. Neben ihm die beiden Parteifreunde, die so wenig sagen. Und rundherum junge Bürgerliche, die seine Partei so wenig beachten.

* Nächste Woche: Patrik Schwarz über die religiöse Jugend in Deutschland

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Leser-Kommentare

    • 27.09.2007 um 17:20 Uhr
    • ben_

    Ich möchte Teil eine Jugendbewegung sein.

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