Seltsam, wenn man nichts von seinem Herkommen weiß und manchmal fast glauben wollte, man sei vom Himmel gefallen. Der zwölfjährigen Heidi geht es so, in Sarah Weeks' Roman So B. It. Ihre Mutter ist geistig behindert, der Vater unbekannt. "Wenn ich die Wahl hätte, wüsste ich lieber Bescheid, als im Dunkeln zu tappen, das will ich ehrlich zugeben", sagt Heidi. Mutter und Tochter wären verloren, kümmerte sich nicht Bernadette, die Nachbarin und Heidis einzige Vertraute, um die beiden. Doch selbst Bernie kennt die Familiengeschichte nicht. Sie weiß nur: an einem 19. Februar vor zwölf Jahren stand eine völlig verängstigte junge Frau vor der Tür mit einem Neugeborenen auf dem Arm, und - so erzählt es das Mädchen - "Mama und ich spazierten in ihre Wohnung und für immer mitten in ihr Herz".

Wo sind wir? Erst einmal in Reno/Nevada. Später in einem lausigen Kaff 4.000 Meilen weiter östlich. Und natürlich in einem dieser sanften amerikanischen Märchen aus der Wirklichkeit, wo man zwischendurch (wenn's niemand sieht) losheulen könnte vor Rührung, nicht ohne einen leise nagenden Zweifel, ob da nicht etwa ein bisschen zu viel Sentiment aufs Gemüt drückt. Schließlich setzt die Sängerin, Songwriterin und Kinderbuchautorin Sarah Weeks ihre kleine Heldin auf die Spuren der Vergangenheit, die noch zusätzlich erschwert wird: Mama spricht nur 23 Wörter wie "heiß", "schlimm", "Tee", "mehr" oder "Dette", nennt sich selbst "So Be It" und wiederholt tagaus, tagein immer wieder ein geheimnisvolles "Soof". Zudem scheut die fürsorgliche Bernadette jegliche Spurensuche. Die Gegenwart ist für sie Herausforderung genug. Sie leidet an Agoraphobie, der Angst, allein ins Freie, über Straßen zu gehen, und hat ihre Wohnung seit Jahren nicht verlassen.

Nur mit Zander, dem dicken Jungen vom Erdgeschoss, hat Heidi Kontakt, sitzt jeden Nachmittag Viertel nach drei im Treppenhaus und hört gebannt seinen haarsträubenden Lügengeschichten zu. Genauso gern lauscht sie auch den Abenteuern, die ihr Bernie vor dem Einschlafen vorliest, Heidi - die ihre Geschichte rückblickend erzählt - ist eine Grenzgängerin zwischen Wirklichkeit und Fantasie. Die Frage "Wo komme ich her?" lässt sie dabei nicht los. Bis sie im hintersten Winkel der Küchenschublade eine alte Instamatic-Kamera mit einem belichteten Film entdeckt. Die Fotos werden ihr Leben verändern, das Mädchen macht sich auf die Suche nach der Wahrheit, die in einem Ort namens Liberty verborgen liegt. Im Greyhound-Bus fährt es 4.000 Meilen quer durchs Land - das große Roadmovie einer Zwölfjährigen beginnt.

Der Roman lebt von der Bewegung. Die berührendsten Ereignisse sind sicher die emotionalen Begegnungen der Menschen in ihrer gegenseitigen Zuneigung und Hilflosigkeit, die spannendsten Szenen entstehen, wenn Heidi die Wahrheit hinter den Tatsachen entdeckt, doch die lebendigsten Momente sind die Randerscheinungen, die kleinen Begebenheiten, die zufälligen Treffen im Bus unterwegs, mit Alice, mit Georgia, die Gespräche mit unbekannten Menschen in Läden oder Heidis Blicke im Vorbeigehen.

Was ist Dichtung? Was sind Tatsachen? Wie viel muss man über seine Herkunft erfahren, um glücklich leben zu können? Jerry Spinelli, der Vater aller realistischen Traumtänzer unter den amerikanischen Jugendbuchautoren der Gegenwart, würde antworten: "Schwer zu sagen. Aber wenn ihr wissen wollt, wie es damals wirklich war, haltet euch gut an euren Stühlen fest und achtet sehr gut darauf, dass ihr Tatsachen und Wahrheiten nicht durcheinander bringt." Bei Sarah Weeks lernen wir mit unseren Stühlen zu fliegen und entdecken die Wahrheit hinter den Tatsachen selbst dann, wenn uns ein schönes Märchen erzählt wird.

LUCHS 222 wurde ausgewählt von Gabi Bauer, Marion Gerhard, Hilde Elisabeth Menzel, Andreas Steinhöfel und Konrad Heidkamp. Am 11. August, 16.40 Uhr, stellt Radio Bremen-Funkhaus Europa das Buch vor (Redaktion: Christiane Schwalbe).
Das Gespräch zum Buch sowie weitere Informationen sind abrufbar im Internet unter www.radiobremen.de/online/service/luchs/luchs222.html

Sarah Weeks: So B. It - Heidis Geschichte
Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit; C. Hanser Verlag, München 2005; 224 S., 15,90 Euro (ab 10 Jahren)