"Paulo Coelho ist einer der meistgelesenen lateinamerikanischen Schriftsteller der Welt" (The Economist); "Er wird weltweit als packender Erzähler gefeiert, und seine unzähligen Fans bezeugen, seine Bücher hätten ihr Leben verändert" (The Guardian). In solchen Zitaten bleibt das Urteil des Rezensenten ausgespart, als müsse angesichts des Erfolges Kritik ohnedies kapitulieren. Dennoch hadert der Ich-Erzähler von Coelhos jüngstem Roman, ein Bestsellerautor, der seinem Erfinder aufs Haar gleicht, mit der Kritik, die ihn "hasst", seit er seine "ersten hunderttausend Exemplare" verkauft habe. "Meine treuen Leser" jedoch lassen sich "nicht beirren".

Für die ist Der Zahir offensichtlich geschrieben. Mehr braucht der Autor nicht, es reicht, wenn er seine "treuen Leser" behält, denen er so gerne die Bücher signiert ("dabei immer ein Gefühl von Gemeinsamkeit, Freude, gegenseitiger Achtung") und deren er dringend bedarf: "Ich begegne mir selber durch meine Leser." Diese Sinnstiftung, die der Erzähler als schmerzvolle Reise in die Abgründe des eigenen Ichs inszeniert, bedarf nur eines Minimums an Handlung: Esther, die Ehefrau des Protagonisten, eine Journalistin, die sich für die Kriegsberichterstattung entschieden hat, weil sie dort in den Kern des Seins vordringt ("Im Krieg wissen alle, dass sie etwas Wesentliches erleben. Sie erfahren das wahre Wesen des Menschen"), ist verschwunden. Zuletzt wurde sie mit einem jungen Kasachen gesehen, der in einem Pariser Restaurant als Ethnoartist und Gruppentherapeut auftritt.

Der geheimnisvolle Weg führt einerseits nach innen, andererseits in die kasachische Steppe, wo sich die Ehegatten nach "zwei Jahren, neun Monaten, elf Tagen und elf Stunden" Sätze wie diesen an den Kopf werfen: "Man muss immer wissen, wann ein Lebensabschnitt zu Ende geht. Indem man Kreise und Türen schließt, Kapitel abschließt." Nach dem Abschluss peinigender Lektüre-Stunden bin ich um zwei Gewissheiten reicher: Millionen von Lesern können irren; und: Mein erster Coelho wird mein letzter gewesen sein. Klaus Nüchtern