Neu aufgelegt Lügen können wahr sein

Curzio Malapartes große Romanreportage »Kaputt«, entstanden 1944, spaltet erneut die Gemüter

Seltsam, einem Buch zum zweiten Mal zu begegnen, das man vor einem halben Jahrhundert mit einiger Erregung gelesen hat, voller Grauen, in manchen Passagen voller Bewunderung, zuletzt mit einer Mischung von unwilligem Ekel und mäßigem Amüsement. Malapartes Romanreportage über die amerikanischen Befreier in Neapel, die ein Jahr vor dem Kriegsepos erschienen war, hatte uns durch die schiere Frechheit und seine moralistisch aufgeputzte Schamlosigkeit sozusagen über den Haufen gerannt. Italien und Neapel zumal, dachten wir mit einer Prise der Genugtuung, hatten bisher noch jede Besatzungsmacht korrumpiert.

Warum sollte es den Amis anders gehen? Lernten nicht auch wir die Überlebenslisten des Besiegten? Waren unsere Fräuleins, diese wahren Heldinnen der Nachkriegsepoche, nicht längst im Begriff, die harten Herren durch ihre unwiderstehlichen Mittel der Fraternisierung milder zu stimmen und zugleich auf sanfte Weise auszubeuten? Friedrich Sieburgs Entrüstung über die »Deutschfeindlichkeit« des treulosen Achsen-Genossen in seinem Ostfront-Epos Kaputt schien dem Autor dieser Zeilen und seinen Freunden allzu heftig aufzulodern. So ernst nahmen wir Curzio Malaparte nicht.

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Wir wussten wenig von der abenteuerlichen Karriere und der schillernden Existenz des Deutschitalieners: nicht viel mehr als seinen angestammten Namen Kurt Erich Suckert, Sohn eines zugewanderten Sachsen und einer lombardischen Mutter, und wir hatten zur Kenntnis genommen, dass er als Kriegsreporter aus Polen, aus Russland, aus der Ukraine berichtet hatte. Nichts ahnten wir von seiner bewegten Jugend, den Erfahrungen an der französischen Front und in der Isonzo-Schlacht (sofern sie denn zutrafen), nichts von seinem frühen Engagement in der Bewegung Mussolinis, nichts von der enthusiastischen Imitation d’Annunzios, dieses Magiers der Geste, nichts von seinen Konflikten mit dem Italo Balbo, dem bärtigen Göring des faschistischen Regimes, die mit einer fünfjährigen Verbannung geahndet wurden: zunächst auf den Liparischen Inseln, dem berüchtigten Zwangsasyl, danach schon halbwegs komfortabel auf Ischia und schließlich in Forte dei Marmi, wo er – was für eine barbarische Strafe! – die Villa des einst so berühmten deutschen Bildhauers Adolf von Hildebrandt erwerben konnte.

Die Frucht eines Seitensprungs der Frau Mama

Die Wohltaten verdankte er seiner Freundschaft zum Außenminister Graf Ciano, der den Vorzug hatte, mit Edda, der Tochter des Duce, verehelicht zu sein. Nach der Befreiung, die er von seinem Adlerhorst auf Capri beobachtete, bemühte er sich – vergebens – um Anschluss an die Kommunistische Partei. In mancher Hinsicht drängt sich der Vergleich mit Arnolt Bronnen auf: Malaparte eilte nicht nur den Marschkolonnen der Ideologien voraus (und manchmal hinterher) – bemühte sich auch, die Reinheit seines Italienertums mit dem Geständnis zu akzentuieren, dass er keineswegs der Sohn eines Deutschen, sondern die Frucht eines Seitensprungs der Frau Mama gewesen sei – wie der deutsch-österreichische Skandal-Bruder sein Vollariertum durch die fleischliche Untreue der Mutter (auf Kosten des jüdischen Vaters) nachzuweisen versuchte.

Der Fall Bronnen fiel Lothar Müller nicht ein. Doch tausend köstliche Informationen danken wir dem Verfasser des Nachwortes der Neuauflage von Kaputt: ein glänzendes Porträt, inhaltsreich genug, um uns für die Qual des Wiederlesens ganz und gar zu entschädigen. Wohl rügt Müller zu Recht, dass in Sieburgs empörter Rezension die Schilderung des – von den Deutschen geduldeten, wenn nicht ermutigten – Massenpogroms der Rumänen an den Juden von Jassy nicht erwähnt worden ist. Nur ändert das nichts an der Einsicht, dass Malaparte kaum ein Augenzeuge der Schlächterei gewesen sein konnte, weil er sich zu jenem Zeitpunkt vermutlich nicht in Jassy aufhielt, leider (möchte man rufen), und sich darum auch nicht als der Retter und Wohltäter einer Hand voll von Geschundenen und Bedrohten beweisen durfte, als der er sich dem Publikum zu erkennen gibt.

Nein, das ändert nichts an dem Grauen, von dem er erzählt, wenngleich aus zweiter Hand. Und erst recht fiele der zweifelhafte Charakter der Zeugenschaft nicht ins Gewicht, wenn die entscheidende Frage, ob das, was er macht, Kunst ist oder nicht, lauthals mit einem Ja beantwortet werden könnte.

Literatur – nun ja. Die »kalkulierte Zweideutigkeit« und Malapartes Spiel mit der »Mimikry«, die Müller ins Feld führt, widersprächen solchem Ehrgeiz gewiss nicht. Auch nicht die unbekümmerte Mixtur von Reportage, Essay und Fiktion, aus der sich eine neue Romanform ergeben könnte, wären die Partien ein wenig sorgsamer miteinander vernäht. Vielleicht widerlegen Malapartes gespenstische Wanderungen zwischen fein gestimmten Salongesprächen in schwedischen Schlössern und seinem brutalen Etappenrealismus, zwischen den Snobismen des gelackten Dandys und dem verzückten Zeugen verkommenster Unmenschlichkeit, zwischen dem entnervenden Namedropper, der mit jedem Großen dieser Welt in innigster Vertrautheit verkehrt (Hans Frank, den Vizekönig Hitlers in Krakau, nicht ausgenommen), und dem Kumpel der ärmsten Frontschweine, kein sprunghafter Wechsel von überdrehtem Bildungsgeschwätz zu banaler Verdrecktheit, von sensibelstem Ästhetizismus zu den niederschmetterndsten Taktlosigkeiten – nein, keines der widerspruchsvollen Elemente, die allesamt nichts anderes sind als Steigerungen der Kolportage, stünde der Behauptung im Wege, dass die Höchstform der Kolportage am Ende doch ein absurdes Kunstwerk ergeben könnte.

Wenn es sich so verhielte, dann nähmen wir es in Gottes Namen hin, dass der Herrscher im Generalgouvernement nach festlicher Tafelei mal schnell an jüdischen Kinderköpfen seine Zielsicherheit als Schütze erprobt, dass ein Hölderlin zitierender Offizier aus Schwaben ermordete russische Kriegsgefangene als gefrorene Verkehrsposten in den Schnee stellt, dass ein schöner SS-Mensch durch die Masse der Warschauer Ghetto-Juden »mit dem Gesicht eines Engels« schreitet, »der den Zorn Gottes verkündet«, wenn nicht gar »wie ein Engel des Gottes Israel« in Person. – Kunst? Oder am Ende der schiere Kitsch, dessen Produzent vor dem Entsetzen nicht zurückschreckt, sondern ohne jede Rücksicht auch das Schrecklichste verkitscht?

Man kann mit Lügen die Wahrheit sagen. Man kann auch mit der Wahrheit lügen. Nur eines kann man nicht: kitschig und wahrhaftig zugleich sein. Kitsch lässt sich auch unter Aufbietung aller Götter unserer Ästhetik am Ende nicht zur Kunst erheben. Siehe: »die unendliche rote Fahne des Sonnenunterganges«, »die großen schwarzen Augen der Sonnenblumen mit ihren langen goldenen Wimpern«, die »grünliche Sonne«, die »am bleichblauen Himmel leuchtet wie ein bitterer Apfel«, »eine aufdringliche Sinnlichkeit flackerte in ihrem leuchtend roten Gesicht… und der Ausdruck unstillbarer Gier zitterte an ihren Nasenflügeln, bebte auf den aufgeworfenen Lippen …« Genug.

Mit Kunst hat dieser Kitsch nichts zu tun

Kitsch dieser Dimension ist nichts als peinlich. Peinlich wie der Backenzahn und der Judenstern von Lea Rosh. Er zeigt, als Zeugnis aus dem Krakauer Hochsitz des Generalgouverneurs Frank, aus dem Warschauer Ghetto und der Gemetzel in den Gassen von Jassy, nichts anderes als Respektlosigkeit vor den Opfern an. Vor solch grenzen- und ruchloser Verkitschtheit vergilbt, Gott sei’s geklagt, auch Malapartes scharfsinnigste Einsicht, dass der Terror des Nazismus seine Wurzel in der Angst hatte: »Der Deutsche hat Angst vor den Schwachen, den Waffenlosen, den Kranken… Angst vor den Unterworfenen, vor den Wehrlosen…, Angst vor Greisen, Frauen, Kindern, Angst vor den Juden.«

Vielleicht lohnt es am Ende doch, sich durch das feuchte Gewühl des Kitsches von Malaparte zu quälen, um diese Sätze wahrzunehmen, die ihm ein besseres Selbst jenseits seiner Versnobtheit, seiner penetranten Angeberei und seiner Verlogenheit diktiert haben muss. Mit Kunst hat dies nichts zu schaffen. Nur: einen Augenblick lang war die Wahrheit stärker als der Autor. Eine Art Wunder.

KaputtRomanBelletristikRoman; aus dem Italienischen von Hellmut Ludwig, mit einem Nachwort von Lothar Müller und einer Zeittafel von Ralph JentschCurzio MalaparteBuchZsolnay Verlag2005Wien25,90589
 
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