Neu aufgelegt Lügen können wahr seinSeite 2/2
Wenn es sich so verhielte, dann nähmen wir es in Gottes Namen hin, dass der Herrscher im Generalgouvernement nach festlicher Tafelei mal schnell an jüdischen Kinderköpfen seine Zielsicherheit als Schütze erprobt, dass ein Hölderlin zitierender Offizier aus Schwaben ermordete russische Kriegsgefangene als gefrorene Verkehrsposten in den Schnee stellt, dass ein schöner SS-Mensch durch die Masse der Warschauer Ghetto-Juden »mit dem Gesicht eines Engels« schreitet, »der den Zorn Gottes verkündet«, wenn nicht gar »wie ein Engel des Gottes Israel« in Person. – Kunst? Oder am Ende der schiere Kitsch, dessen Produzent vor dem Entsetzen nicht zurückschreckt, sondern ohne jede Rücksicht auch das Schrecklichste verkitscht?
Man kann mit Lügen die Wahrheit sagen. Man kann auch mit der Wahrheit lügen. Nur eines kann man nicht: kitschig und wahrhaftig zugleich sein. Kitsch lässt sich auch unter Aufbietung aller Götter unserer Ästhetik am Ende nicht zur Kunst erheben. Siehe: »die unendliche rote Fahne des Sonnenunterganges«, »die großen schwarzen Augen der Sonnenblumen mit ihren langen goldenen Wimpern«, die »grünliche Sonne«, die »am bleichblauen Himmel leuchtet wie ein bitterer Apfel«, »eine aufdringliche Sinnlichkeit flackerte in ihrem leuchtend roten Gesicht… und der Ausdruck unstillbarer Gier zitterte an ihren Nasenflügeln, bebte auf den aufgeworfenen Lippen …« Genug.
Mit Kunst hat dieser Kitsch nichts zu tun
Kitsch dieser Dimension ist nichts als peinlich. Peinlich wie der Backenzahn und der Judenstern von Lea Rosh. Er zeigt, als Zeugnis aus dem Krakauer Hochsitz des Generalgouverneurs Frank, aus dem Warschauer Ghetto und der Gemetzel in den Gassen von Jassy, nichts anderes als Respektlosigkeit vor den Opfern an. Vor solch grenzen- und ruchloser Verkitschtheit vergilbt, Gott sei’s geklagt, auch Malapartes scharfsinnigste Einsicht, dass der Terror des Nazismus seine Wurzel in der Angst hatte: »Der Deutsche hat Angst vor den Schwachen, den Waffenlosen, den Kranken… Angst vor den Unterworfenen, vor den Wehrlosen…, Angst vor Greisen, Frauen, Kindern, Angst vor den Juden.«
Vielleicht lohnt es am Ende doch, sich durch das feuchte Gewühl des Kitsches von Malaparte zu quälen, um diese Sätze wahrzunehmen, die ihm ein besseres Selbst jenseits seiner Versnobtheit, seiner penetranten Angeberei und seiner Verlogenheit diktiert haben muss. Mit Kunst hat dies nichts zu schaffen. Nur: einen Augenblick lang war die Wahrheit stärker als der Autor. Eine Art Wunder.
- Datum 11.08.2005 - 14:00 Uhr
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- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 11.08.2005 Nr.33
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