Roman: Traumpfade ins Paradies
Auch Engel suchen nach den Ursprüngen. Cees Nooteboom hat einen getroffen
Ein Beginn, der so tut, als wär Dichten ganz einfach: Der Autor, als eine besondere Spezies Geschäftsreisender, sitzt im Flugzeug von Friedrichshafen nach Berlin, in einer kleinen Maschine also; er blättert ein wenig in dem Magazin der Fluggesellschaft und liest dies und das über die weite Welt; er blickt um sich, und jetzt sieht er eine Frau, die ihn sofort anzieht und die ebenfalls blättert, in einem Buch, von dem sie offenbar aber kaum mehr als die handgeschriebene Widmung liest. Es ist – so will es Cees Nooteboom in diesem Augenblick – das Buch, das auch wir gerade lesen.
Als sie gelandet sind, holt jemand die Frau ab – ein Fremder, wer sonst? –, und sie küsst ihn, flüchtig. Und der Autor? »Ich bleibe wie immer zurück mit ein paar Wörtern…« Wie immer. Der Roman kann also beginnen.
Das davor war der Prolog, und es war immerhin ein Prolog im Himmel, wenn auch ohne Gott und Teufel. Oder doch? War da nicht im Bordmagazin, das die Frau dann auch durchgeblättert hat, ein Bericht über São Paulo und einen großen grünen Park? Und hat sie dann nicht in einem Artikel die Malereien der Aborigines betrachtet, vor allem »eine fremdartige Schlangenfigur«, sie sogar mit dem Finger nachgezogen hat? Und wissen wir nicht schon lange, dass jeder Autor, auch wenn er nur eben in einem belanglosen kleinen Flugzeug sitzt, immer zugleich Welterfinder und Demiurg ist?
Nooteboom gewiss, und er stellt es auf eine so federleichte, anstrengungslose Art unter Beweis, wie es nur einem Autor mit großer Erfahrung gelingen kann. Als genügten ein paar Dinge, die man gerade zufällig gesehen hat, um daraus einen Roman zu machen, beginnt dann die Geschichte in São Paulo mit einer jungen Frau, die gemeinsam mit ihrer Freundin seit Kinderzeiten von Australien träumt. Und weil sie, die jetzt erzählt – sie heißt Alma und ihre Freundin Almut –, gerade irgendwo in den Favelas von São Paulo vergewaltigt worden ist und etwas gegen dieses Trauma tun muss, fahren beide Freundinnen zusammen in das Land ihrer Träume.
Almut freilich ist gar keine Träumerin, im Gegenteil, Alma hingegen – nun, eine Träumerin ist sie eigentlich auch nicht. Aber sie hat ein Gespür für die den fünften Kontinent durchziehenden Traumpfade, und sie kann sich vollkommen in sich zurückziehen und dabei etwas mitnehmen, das dann ihre ganze Aufmerksamkeit bekommt. Sie ist ein Medium, eine Besondere, und Nooteboom findet schöne Formulierungen, die sich an diese Frau anschmiegen, sie geheimnisvoll machen und anziehend.
Natürlich ist es die Welt der Aborigines, die sie fasziniert, und mit einem von ihnen verbringt sie gezählte Liebestage. So erfährt sie einiges über diese Menschen, die ja auch Besondere sind, vor allem aber das, dass wir mit unserer Zivilisation sie eigentlich nicht verstehen. Da kann aber auch Nooteboom der Versuchung nicht widerstehen, der wir Westler so leicht und so gern erliegen: sagen, um welche urtiefen Dinge es da geht in der Wüste, in der Stille, unter den Sternen, und ein paar Seiten lang klingt das dann unvermeidlich wie Coelho für die gehobenen Stände. Zwischen so genannten poetischen Formulierungen und Vokabeln wie »Denksystem«, »Weltordnung« oder »geistige Identität« schlingert das, und woraus ist dann ein Gesicht, wenn schon nicht aus Fleisch und Blut? Aus Onyx, und hoffentlich weiß da jedermann, wie das dann aussieht.
Aber das nehmen wir als lässlichen Ausrutscher und sind dann umso lieber dabei, als die beiden Freundinnen ganz im Südwesten Australiens, in Perth, sich als Engel verkleiden lassen, zusammen mit vielen anderen, die sich so irgendwo in der Stadt verstecken und von anderen gefunden werden müssen.




