Jedes Mal, wenn Georg Schramm erzählt, es sei "eine Arbeitsgemeinschaft der Sozialdemokraten in der SPD" gegründet worden und sie habe bereits drei Mitglieder, brandet Jubel auf. Die Zeiten sind gut fürs politische Kabarett.

Vielleicht, denkt man beim Zuhören und bei so viel Applaus, hat Schramm eine ganz gute Erklärung dafür geliefert, dass ausgerechnet die Linkspartei, die in Normalzeiten nicht sonderlich Aufmerksamkeit und auch kaum Zulauf fände, im Zentrum des Interesses steht. Sie kann Schwarz-Gelb glatt den Sieg kosten. Vielleicht also besteht das besondere Problem heute darin, dass die Linkspartei gar nicht so sehr eine linke Sehnsucht stillt, wohl aber zunächst und vor allem eine "Arbeitsgemeinschaft der Sozialdemokraten" verkörpert, die von der SPD nicht oder nicht hinreichend verkörpert wird.

"Gebt mir einen Balkon, und ich erobere das Volk!", lautet das legendäre Motto südamerikanischer Caudillos. Ob Oskar Lafontaine und Gregor Gysi sich in dieser Tradition sehen oder ob es in erster Linie die Medien sind, die sie so wahrnehmen, das bleibe einmal dahingestellt. Durchgesetzt hat sich das Bild jedenfalls. Napoleon erobert Russland. Das klebt besonders an Lafontaine. Wie wäre es jedoch, wenn es sich gerade dieses Mal andersherum verhält, wenn das Volk also bereits da ist und nicht mehr erobert werden muss, sich aber zwei Heldenfiguren auf den Balkon stellen, die nun von allen bestaunt werden können? Das Vakuum war entstanden, das "Volk" versammelte sich, nun nahen die Caudillos.

Worum geht es Lafontaine? Seine Verteidiger sagen: Um "die Sache"

Gerade mit der Verkürzung auf einen Feldzug gegen den Kanzler (Null Toleranz für Schröder, assistiert die altbackene Junge Welt mit der Schlagzeile) hat der SPD-Vorsitzende a. D. den Blick darauf verstellt, dass es auf der politischen Palette tatsächlich eine gewisse Leerstelle gibt. Mehr noch: Inzwischen muss man sich fragen, ob Lafontaine nicht "Haltet den Dieb!" ruft, um von seinem Anteil an diesem inhaltlichen Vakuum abzulenken. Als ein Journalist, der Lafontaine lange gegen ein oft aggressives, ressentimentgeladenes Urteil verteidigt hat, fühlt man sich aufs äußerste provoziert von der Art, wie er seit Jahren immer anderen die Schuld am Dilemma der SPD zuweist – zuerst als Bild- Kolumnist, nun als Nummer eins der nordrhein-westfälischen Landesliste der Linkspartei. Noch seine Zögerlichkeit 1989 gegenüber der deutschen Einheit erschien ehrlicher als manche nachgeschobene patriotische Verschrobenheit, das hehre Nationalziel der Wiedervereinigung nie aus den Augen verloren zu haben. Ja, man konnte in ihm ein Talent zur Definition "moderner" und also realitätsnaher Reformpolitik von links und überhaupt ein strategisches Potenzial erkennen. Der Rückzug aus Kabinett und Partei Anfang 1999 innerhalb weniger Stunden ließ sich noch als eine Art psychischer Implosion erklären, nicht als ein "Verrat", wie die SPD es weithin empfand. Wie Lafontaine, nicht nur in der britischen Yellow Press, auch in deutschen Medien, zum "gefährlichsten Mann Europas" stilisiert wurde – machte diese Hetze nicht verständlich, dass er immer wieder Aggressionen gegen sich aufbranden sah, dass etwas Lebensbedrohliches aufblitzte wie seinerzeit bei dem Attentat?

Dann aber, und in dieser Lebensverwundung ernst genommen, hätte der Rückzug aus der Politik auch ein wirklicher Rückzug sein müssen. Doch nun als ehemaliger SPD-Vorsitzender an der Spitze einer neuen Partei aufzutauchen, ohne sich damals von den Sozialdemokraten mit einer eindeutig politischen Erklärung verabschiedet zu haben – das geht nicht zusammen.

Allerdings sind sich viele auf der "Linken" weitgehend darin einig, dass ein Vakuum entstanden ist. Diesen Konsens gibt es innerhalb und außerhalb der SPD, von Albrecht Müller bis Claus Noé, von Heiner Geißler bis Hermann Scheer, von Michael Müller über den Theoretiker der "sozialen Demokratie", Thomas Meyer, oder den Cheftheoretiker der PDS, Dieter Klein. Mathias Greffrath hat in diesem Blatt (ZEIT Nr. 29/05) skizziert, wie diese Lücke zu füllen wäre. Mit links.