Im Oktober vergangenen Jahres kam Robert Smitty ganz groß raus. Amerikanische Fernsehstationen und große Zeitungen berichteten von seiner beispiellosen Nächstenliebe. Der junge – und relativ mittellose – Teilzeitfotograf aus dem kleinen Chattanooga im US-Bundesstaat Tennessee hatte dem 58-jährigen nierenkranken Bob Hickey aus dem fernen Colorado eine seiner beiden Nieren gespendet und diesem so das Leben gerettet.

Eigentlich ist das dramatisch klingende Ereignis nicht so ungewöhnlich. Immerhin finden in den Staaten jährlich fast 7.000 solcher Lebendspenden statt – zumeist einer Niere, seltener eines Teils der Leber. Die Ursache des Medienrummels war eine andere: Smitty und Hickey hatten sich über eine Anzeige im Internet gefunden, waren weder miteinander verwandt noch befreundet. Zum ersten Mal begegneten sie sich im Krankenhaus.

Der Fall kennzeichnet einen neuen Trend in den USA. Dort warten gegenwärtig 62.000 Menschen auf eine Niere und 17.000 auf eine Leber, doch das von der US-Regierung für die Organverteilung beauftragte United Network for Organ Sharing (Unos) kann lediglich den Mangel verwalten: Im letzten Jahr wurden nur 16.000 Nieren und 6.000 Lebern transplantiert. So helfen sich Betroffene in ihrer Verzweiflung selbst. Mit Annoncen in der Lokalzeitung oder auf Werbetafeln an der Autobahn fahnden sie auf eigene Faust nach dem überlebenswichtigen Organ.

Jetzt nimmt die private Suche eine neue Dimension an: Internet-Portale bringen potenzielle Lebendspender und Organempfänger zusammen. Zwar erfassen die Statistiken die privat vermittelten Lebendspenden noch nicht. Doch die Berichte von Ärzten und Patienten "lassen auf einen deutlichen Zuwachs in den vergangenen Jahren schließen", sagt Unos-Sprecher Joel Newman. Er geht davon aus, dass es 2004 einige Dutzend Transplantationen gab, bei denen ein Gesunder einem Fremden eine Niere oder einen Leberlappen schenkte. In Anbetracht der Nachfrage ist das noch nicht viel. Aber: "Die Zahl wird weiterhin zunehmen", prognostiziert Newman.

Die Organvermittlung ist umstritten. Kranke schöpfen neue Hoffnung, Kritiker wittern Handel mit Niere und Leber. Unos hat deshalb Anfang des Jahres eilig eine Kommission gegründet, die Risiken und Nutzen des Internet-Organ-Brokering abwägen soll. Zur selben Zeit forderte die Amerikanische Gesellschaft der Transplantationschirurgen (ASTS) ihre Mitglieder auf, derartige Operationen zu verweigern. Im Mai versammelte die Harvard University in Cambridge, Massachusetts, Mediziner und Ethiker zu einem Symposium, und Unos führte im Juni eine öffentliche Anhörung zum Thema in Chicago durch.

Was in den USA für lebhafte Debatten sorgt, ist in Deutschland strikt verboten. Hier gelten strenge Auflagen für Lebendspenden: Zugelassen als Spender sind nur Angehörige ersten und zweiten Grades wie etwa Kinder, Eltern und Geschwister und dem Empfänger nachweislich nahe stehende Personen – zumeist Ehepartner. Jeder Fall wird durch eine Kommission geprüft, um Organhandel auszuschließen. Eine psychologische Voruntersuchung soll sicherstellen, dass der Spender sich freiwillig unter das Messer legt.

Schließlich ist eine Lebendspende ein Eingriff bei einem gesunden Menschen und widerspricht so dem ärztlichen Prinzip des primum nihil nocere. In Zahlen sind die Risiken für die Lebendspender jedoch kaum erfasst, da es in den meisten Ländern, darunter auch Deutschland, keine Register gibt, die die Gesundheit der Spender langfristig erfassen. Internationalen Untersuchungen zufolge treten aber nach einer Nierenentfernung bei etwa zehn Prozent kleinere Komplikationen wie anhaltender Wundschmerz oder Harnwegsinfekte auf. Bei einem von 100 Spendern kommt es zu schwerwiegenderen Problemen; einige wenige davon werden selbst zu Dialysepatienten. Immerhin drei von 10.000 Nierenspendern sterben an den Folgen der Explantation. Bei Leberspendern soll es nach US-Erfahrungen einer von 500 sein.