Ad calendas graecas nannten die Römer, wenn etwas auf die ganz lange Bank geschoben wurde, und solche dilatorische Politik betreibt heute die Europäische Union im Hinblick auf den Beitritt der Türkei. Ad calendas turcas könnte man die Weigerung der Europäer taufen, ein Imperium zu werden, was auch an der Korrektheit gegenüber der Ukraine oder Moldawien zu sehen ist, die Brüssel offiziell nicht mehr als "Wider Europe" tituliert, um imperiale Anklänge nur ja zu vermeiden.

Umso imperialer treten die Vereinigten Staaten von Amerika seit 2001 auf, und die politische Kernfrage lautet: "Ist die Weltgemeinschaft zu ihrer eigenen Sicherheit auf eine imperiale Vormacht angewiesen? Oder stellt diese imperiale Vormacht eine gravierende Störung der Weltordnung dar, es wäre besser, wenn es sie nicht gäbe?" Darauf haben viele Europäer schnelle und einfache Antworten parat, sie scheuen die von Herfried Münkler vorbildlich geleistete Arbeit am Begriff. Praxis und Theorie der internationalen Beziehungen mangelt es oft an historischer Tiefe und am Denken in Perspektive. Beides zeichnet die Studie des Berliner Politikwissenschaftlers aus, der schon vor drei Jahren mit seinem Buch Die neuen Kriege Aufsehen erregt hat. Bot er damals eine rasche Zeitdiagnose zur neuen Qualität des Terrors und zu den Eigenheiten asymmetrischer Kriegsführung, so ist das neue Werk, in der relativen Abgeschiedenheit des Berliner Wissenschaftszentrums verfasst, ein großer Wurf.

Nicht mehr das Problem der Hegemonie treibt Münkler um, dem sich 1938 das Opus magnum des Staatsrechtlers Heinrich Triepel und zehn Jahre später der Historiker Ludwig Dehio widmeten und welchem die Zunft der international relations verhaftet geblieben ist, sondern die Logik imperialer Herrschaft. Mehr als ein Fachbuch, das eine wissenschaftliche Lücke schließt, ist es Pflichtlektüre für alle, die sich mit der gegenwärtigen Weltlage und besonders mit den Perspektiven der Europäischen Union auseinander setzen wollen und dabei nicht auf die blumig-esoterische Empire-Kritik der Kultautoren Toni Negri und Michael Hardt zurückgreifen wollen.

Was soll an Imperien gut und nützlich sein?

In sechs Kapiteln befasst sich Münkler, gelegentlich als Stichwortgeber oder Politikberater der Berliner Politik tituliert, zunächst mit der Definition des Begriffs Imperium und seiner Abgrenzung von Hegemonie und Imperialismus; er entwickelt eine Typologie historischer Imperialherrschaft (Steppenimperien, Seereiche, Handelsmächte), benennt dann die Zivilisierungsmission und die offene Grenze als Merkmale imperialer Ordnung und befasst sich mit dem regelmäßigen Scheitern der Imperien an Überdehnung und an der "Macht der Schwachen". Das Buch endet mit einem aktuellen Ausblick auf den neoimperialen Duktus der Vereinigten Staaten und die dadurch gestellte Herausforderung Europas. Karten und reichlich Anmerkungen und Literatur schließen die schwierige, aber immer spannende und anregende Lektüre ab.

Imperiumskritiker werden sich gleich an Münklers Prämisse stoßen, wonach "imperiales Agieren nicht von vornherein als schlecht und verwerflich wahrgenommen, sondern als eine Form von Problembearbeitung neben der des Staates und anderer Organisationsformen des Politischen angesehen wird". Was soll an Imperien gut und nützlich sein? Was soll sie dem auf Gleichheit und Wechselseitigkeit angelegten Modell der Staatenwelt, auf dem die Vereinten Nationen beruhen, überlegen machen? Münkler gießt reichlich Wasser in den Wein der nach 1990 wie unter Rot-Grün bekräftigten Staatsräson der Bundesrepublik, für die Multilateralismus und Vereinte Nationen die Eckpfeiler sind und eine multipolare Ordnung neuerdings kein Fehler. Für imperiale Konstruktionen sprechen aus seiner Sicht jedoch Faktoren wie der rasante Staatszerfall (nicht allein in Afrika) und die Bedrohung der westlichen Staatenwelt von ihren Rändern her (nicht nur durch islamistischen Terror) ebenso wie historische Erkenntnisse aus dem Aufstieg und Fall des Imperium Romanum und des British Empire, die Münkler wie vielen zuvor als historische Blaupausen dienen. Von den Klassikern seit Edward Gibbons Monumentalstudie zum Römischen Reich übernimmt er auch das zyklische Geschichtsverständnis.

Man kann also auch von Hunnen, Awaren und Mongolen für die Gegenwart lernen, und nur wer die imperiale Logik begriffen hat, gelangt über eine oberflächliche Denunziation oder Verklärung der US-amerikanischen Globalmacht hinaus – und kann von daher eine Zukunft für die Europäische Union ausmalen. Von Staaten unterscheiden sich Imperien durch ihre informalen, durchlässigeren Grenzen, von Hegemonien und Großreichen durch die Absolutheit und Faktizität des missionarisch vertretenen Herrschaftsanspruchs. Der Ausdruck "augusteische Schwelle" macht schon die Runde in den Feuilletons, zur Bezeichnung der Tatsache, dass langlebige Imperien die Peripherie zum eigenen Vorteil an den Früchten ihrer Dominanz teilhaben lassen. Mit diesem Raster durchkämmt Münkler die Geschichte diverser Imperien, wobei er sich an die Kenner der jeweiligen Regionen und Zeitabschnitte hält, ohne sein Buch mit allzu viel Details zu überfrachten und ohne in bloßes Namedropping zu verfallen und historische Evidenz übermäßig zu aktualisieren. Sein Ansatz ist (schon immer) ideengeschichtlich, auf eine soziologische Evolutionstheorie (im Stile Max Webers und Shmuel Eisenstadts) verzichtet er ebenso wie auf die sozial- und wirtschaftshistorische Fundierung imperialer Ideen und Interessen.

Allerdings bleibt auch das ideenhistorische Rückgrat bisweilen etwas dünn, wenn es etwa um die geistigen Antriebe der "imperialen Republik" geht, wie Raymond Aron die USA schon vor 30Jahren genannt hat. Zu Recht geißelt Münkler die oberflächliche Schelte des religiösen Fundamentalismus, der als angeblicher Leitstern von "Neocons" wie Paul Wolfowitz und als Antriebsmotor für Bush überinterpretiert wird. Gleichwohl gründet die Zerrüttung der atlantischen Wertegemeinschaft in der Diskrepanz zum ungläubigen Alteuropa, das sich aus solchen Gründen auch nicht zu einer emphatischen Mission nach amerikanischer Art im Mittleren Osten aufschwingen kann. Noch einen, für das mitteleuropäische Weltbild typischen blinden Fleck hat Münklers Buch: Chinas Zukunft . Zwar bezieht er das chinesische Kaiserreich in seine Tour d’Horizon ein, aber er liefert wenig Rüstzeug für die Analyse des schon einsetzenden imperialen Konflikts zwischen den USA und dem heutigen China, der auf der Tiefe seiner Geschichte kommt.