Bayreuther Festspielen Frankensteins Braut, Christophs Hase und ich

Patti Smith ist die berühmteste Rocksängerin der Welt - und liebt die Musik von Richard Wagner. Für die ZEIT war sie bei den Bayreuther Festspielen und hat Tagebuch geführt

Im Jahr 1887 beschrieb Richard Wagner sein Festspielhaus als einen Ort, an dem wir Freiheit haben, »zu atmen und zu uns selber zu kommen«. Es ist fraglich, ob ihm dabei die gegenwärtigen, sehr frei interpretierten Produktionen vorgeschwebt haben. Doch nach ebendiesem Geist war ich auf der Suche, als ich mich von New York zu den Bayreuther Festspielen aufmachte, um mir Christoph Schlingensiefs berüchtigte Parsifal- Inszenierung unter dem Dirigat des großen Pierre Boulez anzusehen. Ein Enfant terrible und ein Meister, die sich gemeinsam an Kunst, Ritual und Geschichte versuchen. Es war mein erster Besuch in Bayreuth, mein erster Parsifal. Ich las das Libretto, zerriss es und war gespannt. Steppenwolf in Bayreuth, offen für frisches Blut.

Drei Stunden Autofahrt vom Frankfurter Flughafen, Kaffee und ein Zimmerschlüssel. Dummerweise hatte ich meine Kreditkarte zu Hause vergessen, aber keiner fragte mich danach. Mein Zimmer war angenehm, es verströmte einen Hauch von Skihüttenatmosphäre, und neben dem üblichen Obst fand ich eine Karte für zwei Opernaufführungen. Eine Stunde später war ich, vom Jet-Lag geplagt, unterwegs zum Tannhäuser.

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Man hatte mich darauf vorbereitet, dass ich eine geschlossene Gemeinde betrete, zu der man nur schwer Zugang findet. Doch für mich war es schon schwierig genug, wach zu bleiben. Ich imitierte die Einheimischen, kaufte mir ein Eis und lehnte mich an die stattliche Wagner-Büste, die über ihre Domäne wacht.

Ich gestehe, dass ich während der vorzüglich von Christian Thielemann dirigierten Tannhäuser- Ouvertüre eingenickt bin, und ganz verschlafen habe ich den Großteil der Venusberg-Szene, in der es wie in Designing Woman zuging und Tannhäuser seine Venus in Samt vor dem knallbunten Hintergrund eines Hollywoodfilms aus den dreißiger Jahren betatschte.

Akt zwei war vielversprechender. Philippe Arlauds üppige Mohnfelder riefen Erinnerungen an Anselm Kiefer und die Traumwiesen aus dem Zauberer von Oz wach. Nur wirkten diese Mohnblumen nicht wie Opiate, und das elegante, gleichwohl intim anmutende Festspielhaus, die ausgezeichnete Akustik und die Stimme von Ricarda Merbeth als Elisabeth, ja sogar die sagenumwobenen harten Rückenlehnen waren irgendwie wunderbar. Ich fühlte mich in die Sängerhalle der Wartburg entführt und störte mich nicht allzu sehr an den Robin-Hood-ähnlichen Kostümen oder der wenig überzeugenden Leier, die auf dem Kunstrasen landete, als der nervöse Tannhäuser sie in die Luft warf.

Der dritte Akt war wunderschön. Ich musste sehr gegen den Schlaf ankämpfen und bedauerte es, wenn meine Gedanken abschweiften. Die im Zwielicht liegende Mohnblumenwiese sah impressionistisch aus, und Elisabeth, die ausgestreckt vor dem Kreuz lag, war nur noch ein undeutlicher Fleck.

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