weltjugendtag Wiederkehr der Religion
Zu Hunderttausenden strömen Jugendliche zum Papst nach Köln. Ist Glauben wieder modern?
Seit längerem wollen viele Beobachter bemerkt haben, dass sich die Religion anschickt, in unsere durch und durch profane Alltagswelt zurückzukehren. So behauptete der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Wolfgang Huber, in seinem Hauptvortrag beim 30.Deutschen Evangelischen Kirchentag, es gebe »kaum einen kulturellen oder gesellschaftlichen Bereich, in dem man nicht Zeichen für eine Wiederkehr des Religiösen beobachten« könne. Belege dafür seien nicht primär bei den Untaten islamistischer Fanatiker zu suchen, obwohl sich »Gewalt und Fundamentalismus mit der Wiederkehr der Religionen verbinden« könnten, sondern in ganz friedlichen Feldern: der »Theaterlandschaft«. Die Buch- und Musikproduktion und sogar die Programmplanung eines kommerziellen Fernsehkanals zeigten eine deutliche Hinwendung zu religiösen Themen; »vergleichbare Signale« kämen auch aus der Politik – etwa durch »Gott schütze unser Land«, womit Bundespräsident Köhler nach seiner Wahl seine Ansprache abschloss, oder durch die Bitte der Spitzenpolitiker um einen ökumenischen Gottesdienst zum 8. Mai 2005 und schließlich durch die politische Aufmerksamkeit für den Wechsel im Amt des Papstes. Bischof Huber verwies schließlich auf »eine heilsame Wiederkehr des Religiösen in unsere Kirchen«.
Für den Außenstehenden ist diese Bilanz nicht besonders eindrucksvoll. Dass die Religion dorthin zurückkehrt, wo sie hingehört, nämlich in die Kirchen, mag den Kirchenmann freuen, besagt aber wenig für den Rest unserer Kultur. Die Beisetzung von Johannes Paul II. mit anschließender Inthronisation BenediktsXVI. war vor allem ein Medienereignis, bei dem die Politiker nicht fehlen durften – aus politischen und nicht primär aus religiösen Gründen. Dass sich die Kirchen mit ihren Mitteln am Gedenken an das Kriegsende vor 60 Jahren beteiligten, war eigentlich eine Selbstverständlichkeit, selbst wenn diesmal die Bitte darum aus der Politik kam; auch dafür gab es gute politische Argumente. Wenn der Bundespräsident »God bless America!« auf Deutsch nachahmt, übernimmt er nur eine nordamerikanische Selbstverständlichkeit ohne tiefere religiöse Bedeutung. Und Religion als kulturelles Thema?
Das Religiöse scheint in der Tat wieder interessant geworden zu sein, und dazu hat sicher der islamistische Schock das Seine beigetragen. Die angebliche Wiederkehr der Religion ist somit zunächst einmal eine Wiederkehr des Interesses an Religion, das sich auf der kulturellen Nachfrageseite bemerkbar macht. Die Frage ist dann: Was interessiert an Religion? Als was wird sie nachgefragt? Die Bilder vom Petersplatz sprachen hier eine deutliche Sprache. Was haben die Massen dort gesucht? Warum nahmen Menschen Wartezeiten von zwölf und mehr Stunden auf sich, um nur kurz einen Blick auf den toten Papst werfen zu können?
Sein beinharter Dogmatismus in Fragen der Kirchenlehre, dem auch sein Nachfolger anhängt, war sicher nicht der Grund, und auch die Erklärung, es habe sich eben um einen gigantischen Personenkult gehandelt, greift sicher zu kurz, obwohl Johannes Paul II. vor allem die Jungen beeindruckt hatte, die zu seiner Bahre strömten. Was hier mehr als alles andere faszinierte, war das Geschehen als solches – der Event –, und dies wegen seiner spezifischen Qualität, die kein anderer Kontext anzubieten vermag: das professionell inszenierte, aber eben religiöse Großereignis. Dass dabei von dem, wofür der verehrte Tote sein Leben lang gestanden hatte, überhaupt nicht mehr die Rede war, zeigt überdeutlich, dass sich hier die Nachfrage nicht auf die Religion mit ihren Inhalten, Verheißungen und Zumutungen richtete, sondern auf Religiosität als solche, das heißt auf eine unbestimmte, aber wohltuende und den profanen Alltag bereichernde Erlebnisqualität; der Spiegel fand dafür die unübertreffbare Formulierung: »das Gefühl des Glaubens«.
Man nennt das auch »Spiritualität« und bleibt dabei ebenso undeutlich. Wer es so nennt, meint damit ein Kontrastprogramm zu unserer profanen, von technischen und ökonomischen Zwängen beherrschten Alltagswelt; Bischof Huber spricht an dieser Stelle von einer Rebellion »der Seele der Menschen gegen ihre kommerzielle Reduktion«. Natürlich gibt es auch andere Kontrastprogramme wie die Urlaubsindustrie, Kino und Fernsehen oder Literatur und Kunst, aber das Besondere der wiederkehrenden Religiosität ist die Sehnsucht nach etwas »Geistigem«, »Höherem«, nach »Transzendenz«. Die konnte einem auch bei einem anderen »metaphysischen Woodstock« (Spiegel) begegnen – dem Evangelischen Kirchentag. Der fremde Besucher ist hier zunächst beeindruckt von einem einzigartig entspannten sozialen Klima, das diesen Event von anderen Großereignissen wie Weltausstellungen oder Sportmeisterschaften unterscheidet. Man trifft nur friedliche, freundliche, offene, hilfsbereite und unendlich interessierte Menschen, darunter unzählige Jugendliche – junge und alt gewordene –, die die vielen Senioren nicht als bedrohlich empfinden müssen.
- Datum 11.08.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 11.08.2005 Nr.33
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Die Jugendlichen, deren Eltern an AIDS verstorben sind, hat der Papst auch sie empfangen? Auch die Kinder mit ihren von Hunger aufgeblähten Bäuchen? Wer zahlte den Straßenkindern in Lateinamerika die Fahrt nach Köln, um sie vor Folter und Mord zu bewahren? Lud der Papst auch die Jugendlichen, deren Eltern im nahen Osten und bei uns durch Terroranschläge starben? Jubelten die Jugendlichen mit, deren Gliedmaßen durch Landmienen abgerissen wurden? Auch durch die aus "christlichen" Ländern? Oder war dies alles nur ein "Event", eine Massenhysterie, die einundertzehn Millionen Euro den Ärmsten wegfraß zur eigenen Befriedigung? Und warum vertraute er, der Stellvertreter Gottes, tausenden von Sicherheitsbeamten mehr als seinem Herrn und Gott?
Oh Gott, ich danke dir, dass diese gefügige Masse angeblich religiöser Jugendlichen nur zur Daseinsberechtigung eines religiösen Konzerns mißbraucht wurden, was hätte man sonst noch mit diesen anstellen können. Und wenn man bedenkt, dass viele von ihnen wahlberechtigt sind, bald, im September und über das Schiksal Deutschlands mitbestimmen dürfen . . . Gott erbarme dich unser.
Werner Laass
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