weltjugendtag Wiederkehr der ReligionSeite 4/4
Dass wir die Religion brauchten, damit die »Werte« stimmen, und dass ihre Vertreter dazu da seien, die Menschen Mores zu lehren, bezeugt eine Denkfigur, die sich auch in anderen Bereichen wiederfindet: Religion als Mittel zum Zweck. Im Gespräch mit Jürgen Habermas meinte der damalige Kardinal Ratzinger, nur durch Religion ließe sich die moderne, sich verabsolutierende Vernunft in ihre Schranken weisen; tatsächlich brauchen wir für die Vernunftkritik nichts anderes als unsere Vernunft selbst, denn nur selbstkritische Vernunft ist vernünftig.
Von der Überzeugung, Religion sei vonnöten, damit die Ökonomie nicht alles sei, war schon die Rede; in unserem gegenwärtigen Klima anwachsender sozialer Unsicherheit und Kälte könnte man sie außerdem als Kitt sehr gut gebrauchen, der alles zusammenhält. Beim Gottesbezug in der europäischen Verfassung geht es den Befürwortern nicht nur um den Hinweis auf die religiösen Wurzeln unserer Tradition, sondern sie halten die Nennung des Wortes »Gott« deswegen für unentbehrlich, damit signalisiert werde, dass Politik nicht alles sei, sondern durch ein Höheres begrenzt sei. Natürlich meinen sie den jüdisch-christlichen Gott, aber ohne theologischen Kommentar stünde an jener Stelle nur ein X, mit dem auch Allah oder ein anderes höchstes Wesen gemeint sein könnte. Die Selbstbegrenzung staatlicher Macht durch den Satz »Die Würde des Menschen ist unantastbar« wird für unzureichend gehalten, aber eine bessere und effektivere existiert nicht, es sei denn, wir beschritten den Weg in den Mullah-Staat, in dem Theologen darüber entscheiden, was der Gottesbezug in der Verfassung tatsächlich bedeutet.
Was dazu angetan ist, den glaubensfernen Beobachter zu irritieren und den Gläubigen zu erbittern, ist das rein funktionale Verständnis von Religion, das sich in den zahlreichen Versuchen zeigt, sie für die verschiedensten außerreligiösen Ziele zu instrumentalisieren. Ganz offen wird hier versucht, über das angeblich Unverfügbare zu verfügen und es an den Stellen einzusetzen, wo andere Werkzeuge nicht mehr greifen. Dazu eignet sich freilich nur ein Christentum ohne Zähne und Klauen, ohne Widerständigkeit gegen unsere moderne Welt, wie es jetzt an der Zeit zu sein scheint. Vom verborgenen, unerforschlichen, zornigen, richtenden und strafenden Gott, der sogar seinen eigenen Sohn nicht verschonte und unsere gesamte Lebenswirklichkeit infrage stellen könnte, ist da nur noch in homöopathischen Dosen die Rede; das strenge Thema der Rechtfertigung, das Luther umtrieb, verschwindet hinter dem Wunsch nach Geborgenheit in einer kuscheligen und theologisch entlasteten Religiosität.
Wenn Religion nur in der Form wiederkehrt, dass alle wissen, wozu sie gut wäre, um sie dann in maßgeschneiderter Gestalt einzusetzen, bestätigt dies nur, wofür alles spricht – dass wir hier im Westen in Wahrheit bereits in einem postreligiösen Zeitalter leben.
Herbert Schnädelbach war bis zu seiner Emeritierung 2002 Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zuletzt erschien von ihm bei Reclam Leipzig in der Reihe »Grundwissen Philosophie« eine Monografie über Immanuel Kant
- Datum 11.08.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 11.08.2005 Nr.33
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Die Jugendlichen, deren Eltern an AIDS verstorben sind, hat der Papst auch sie empfangen? Auch die Kinder mit ihren von Hunger aufgeblähten Bäuchen? Wer zahlte den Straßenkindern in Lateinamerika die Fahrt nach Köln, um sie vor Folter und Mord zu bewahren? Lud der Papst auch die Jugendlichen, deren Eltern im nahen Osten und bei uns durch Terroranschläge starben? Jubelten die Jugendlichen mit, deren Gliedmaßen durch Landmienen abgerissen wurden? Auch durch die aus "christlichen" Ländern? Oder war dies alles nur ein "Event", eine Massenhysterie, die einundertzehn Millionen Euro den Ärmsten wegfraß zur eigenen Befriedigung? Und warum vertraute er, der Stellvertreter Gottes, tausenden von Sicherheitsbeamten mehr als seinem Herrn und Gott?
Oh Gott, ich danke dir, dass diese gefügige Masse angeblich religiöser Jugendlichen nur zur Daseinsberechtigung eines religiösen Konzerns mißbraucht wurden, was hätte man sonst noch mit diesen anstellen können. Und wenn man bedenkt, dass viele von ihnen wahlberechtigt sind, bald, im September und über das Schiksal Deutschlands mitbestimmen dürfen . . . Gott erbarme dich unser.
Werner Laass
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