Sachbuch Des Dichters Bühne
Zu Thomas Manns 50. Todestag: Der Historiker Manfred Görtemaker zeichnet den Schriftsteller als unpolitischen Menschen
Das politische Engagement Thomas Manns ist nicht nur von vielen seiner Zeitgenossen, sondern auch von den Nachgeborenen mit Geringschätzung, häufig mit harscher Kritik bedacht worden. Erweckte der anscheinend so bürgerliche Autor bei Vertretern der politischen Linken ohnehin heftigste Aversionen, so quittierten auch die liberalen oder konservativen Verehrer des Romanciers dessen »Politik« mit Herablassung. Manns Äußerungen zum Zeitgeschehen, so urteilt etwa Marcel Reich-Ranicki im Eilverfahren, »sind bis zum Ende seines Lebens Betrachtungen eines Unpolitischen geblieben. Wo er in seinen Reden und Aufsätzen auf Politisches eingeht, wird sofort erkennbar, wie wenig ihn im Grunde derartige Fragen interessierten. Er hat anderes im Sinn: Er will stets aufs neue seine geistige Welt vor dem Anspruch der Gegenwart schützen.«
Er hatte keinen Sinn für die Spielregeln der Demokratie
Die Überzeugung, Mann sei es stets darum gegangen, seine Innerlichkeitssphäre gegen Anfechtungen von außen zu verteidigen, teilen so unterschiedliche Interpreten wie Hans Mayer, Walter Boehlich oder Joachim Fest. Und auch Hermann Kurzke, der Autor der zurzeit wohl kanonischen Biografie Thomas Manns, charakterisiert dessen politische Aktivitäten als bloßes Rollenspiel, ja als Pflichtübung. Der Philologe Kurzke kann natürlich manche Brief- und Tagebuchpassage Manns anführen, die von innerer Distanz gegenüber dem eigenen Handeln zeugt. Erklärungsbedürftig wär es allerdings, wenn sich solche Äußerungen im Riesenkorpus der Mannschen Schriften nicht finden würden. Wer würde denn bestreiten, dass Mann von Hause aus Künstler war und dass ihm deshalb die öffentlichen Kundgaben mit ihren Darstellungszwängen bei Gelegenheit als Last, ja als Selbstentfremdung erscheinen mussten? Erstaunlich ist doch vielmehr, mit welcher Ausdauer, Vehemenz und Geistesgegenwart Mann dennoch über Jahrzehnte hinweg als jener »Rhetor« in der politischen Arena agiert, dem noch die Verachtung des Autors der Betrachtungen eines Unpolitischen gegolten hatte.
Wer gehofft hatte, in dem Buch des Historikers Manfred Görtemaker über Thomas Mann und die Politik eine differenziertere Sicht präsentiert zu bekommen, wird enttäuscht. Görtemaker übernimmt die zentralen Verdikte der genannten Mann-Exegeten. Und er stellt nicht nur wiederholt fest, dass Mann – was zutrifft – keinen Sinn für die Institutionen und Spielregeln der real existierenden Demokratie bewies und höchst fragwürdige Definitionen dessen offerierte, was »Demokratie« ihrem Wesen nach sei. Er bestreitet auch, dass Mann an Freiheit und Gleichheit als politischen Grundwerten überhaupt gelegen gewesen sei. Das einzige Verdienst, das Mann zukomme, sei dessen konsequente Gegnerschaft gegen den Nationalsozialismus. Woraus sich aber dieser Kampf speiste, wenn doch Mann Einschränkungen der Freiheit angeblich nicht berührten, verrät uns der Historiker nicht.
Leider bedient sich Görtemaker eines ebenfalls wohlvertrauten Verfahrens, um zu erklären, wann und warum Thomas Mann sich einmischte oder aber Zurückhaltung übte: Nicht auf die politische Urteilskraft des Autors wird verwiesen, sondern auf private, meist schlicht egozentrische Motive. In äußerst trister Weise geschieht dies, wo es um die von Paul Tillich, Bert Brecht und anderen linken Emigranten betriebene Gründung eines »Komitees für ein demokratisches Deutschland« geht. Nach Gesprächen mit den Initiatoren Ende 1943 entschied Mann, sich an dieser Aktion nicht zu beteiligen. Görtemaker zufolge war Mann die ganze Sache schon deshalb lästig, da er gerade mit der Arbeit am Doktor Faustus begonnen hatte. Zudem aber hatte er damals gerade beantragt, amerikanischer Staatsbürger zu werden, und habe, so die Unterstellung, das entsprechende Verfahren nicht gefährden wollen, indem er sich allzu sehr exponierte. Görtemaker liefert kein stichhaltiges Indiz dafür, dass es sich so verhielt.
Gleichzeitig unterschlägt er, dass Mann seine Haltung sehr wohl begründete. Als nämlich Brecht ihn wegen seiner Zurückhaltung empört zur Rede stellt, antwortet Mann in einem Brief vom 10. Dezember 1943 durchaus souverän: »Mit der Entschuldigung und Verteidigung Deutschlands und der Forderung einer ›starken deutschen Demokratie‹ würden wir uns in diesem Augenblick in einen gefährlichen Gegensatz bringen zu den Gefühlen der Völker, die unter dem Nazijoch schmachten und nahe dem Zugrundegehen sind. Es ist zu früh, deutsche Forderungen aufzustellen und an das Gefühl der Welt zu appellieren für eine Macht, die heute noch Europa in ihrer Gewalt hat und deren Fähigkeit zum Verbrechen keineswegs schon gebrochen ist.
Schon im September 1942 spricht Mann von der Judenvernichtung
- Datum 23.05.2008 - 13:36 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Serie sachbuch
- Quelle (c) DIE ZEIT 11.08.2005 Nr.33
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



