Folge 11 Amerika

In Sachen USA-Begeisterung führt die FDP in diesem Wahlkampf uneinholbar. Die kürzeste Formel für ihr gesamtes wirtschaftspolitisches Programm könnte lauten: »Mehr so wie in Amerika« – weniger Staat, mehr Freiheit, der Rest wird dann schon. Mit sehnsüchtigem Wohlgefallen blicken die Liberalen auf die »Dynamik« der amerikanischen Wirtschaft und Gesellschaft, den restlichen Parteien bleibt es überlassen, mahnend auf deren uneuropäische Härten hinzuweisen. So ziemlich jeden aktiven FDP-Politiker kann man sich als Kalifornien-Urlauber vorstellen – ähnlich euphorisiert wie Edmund Stoiber zu Besuch bei Gouvernator Arnold Schwarzenegger – vom Miet-Kabrio aus Land, Leute und wirtschaftliche Dynamik genießend. Billigste Minijobs im Dienstleistungssektor! Konsumfreude! Grenzenloser Luxus für alle, die es sich leisten können!

Die Kanzlerkandidatin sendet derweil gemischte Signale aus, was ihr Amerikabild betrifft. Als Angela Merkel kürzlich in einem FAZ- Interview nach ihren politischen Vorbildern gefragt wurde, bestritt sie zunächst, solche zu haben, um dann doch, seltsam verschämt, einzuräumen: »Wie viele, viele andere fand ich John F. Kennedy toll.« Auch mit Martin Luther King habe sie sich eingehend beschäftigt.

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Merkels Zuneigung scheint also eher dem Old America der sechziger Jahre zu gelten als jenen Republikanern in Washington, die sich derzeit so unverhohlen auf einen CDU-Wahlsieg freuen. Für einen der größten Helden des George-W.-Bush-Lagers hat Merkel ein pflichtbewusstes Bekenntnis übrig: »Ich habe auch früh den viel gescholtenen Reagan für sehr zielführend gehalten im Kampf gegen den Kommunismus.« »Zielführend«? Da klingt »Kennedy toll finden« aber überzeugender.

Nun muss es nicht gleich ein Ausbruch von Antiamerikanismus sein, dass die FDP in den neuesten Wählerbefragungen wieder etwas abgebaut hat und die schwarz-gelbe Koalition in der Sonntagsfrage zuletzt keine eigene Mehrheit mehr zusammenbekam. Aber vielleicht hat doch der schrumpfende Proamerikanismus etwas damit zu tun: Vor fünf Jahren noch, ermittelte das Pew Research Center, hatten 78 Prozent der Deutschen eine »positive« Einstellung zu den USA. Heute sind es 41 Prozent. Und hat die Frage »Für oder gegen die USA?« nicht schon die vorigen Bundestagswahlen gedreht? Es deutet vieles darauf hin, dass der deutsche Wahlkampf immer amerikanischer wird – und die Wähler immer unamerikanischer.

Jürgen von Rutenberg

 
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