Ariel

Ariel ist eine befremdliche Stadt. Das beginnt damit, dass die jüngste Stadt Israels gar nicht in Israel liegt. Eine vierspurige Schnellstraße führt von Israels Mittelmeerküste zwischen Überlandleitungen und Fabrikanlagen nach Osten, klettert zuerst sachte und dann immer steiler in ein karstiges Hügelland hinauf. Olivenhaine, Feigenbäume und Ziegenherden lösen die Industrielandschaft ab. Irgendwann überquert man die Grüne Linie, die Waffenstillstandsgrenze von 1949. Man nimmt sie kaum wahr. BILD

Von der Grünen Linie bis Ariel sind es 18 Kilometer. Führe man weitere 18 Kilometer nach Osten, stünde man am Abhang des Jordantals. Die Stadt liegt im Herzen des Westjordanlands. In dem am westlichen Stadtrand gelegene Hotel Eschel Haschomron sind die Fliesen der Eingangshalle mit kleinen Kratern gespickt, Spuren eines palästinensischen Selbstmordattentats. "Sie befinden sich hier", verkündet der in Jeans gekleidete Portier nicht ohne Genugtuung, "im Herzen der Intifada."

Hinter dem Empfang zählt ein Angestellter Patronen aus. Er schüttet sie aus einem Sack auf die Theke und füllt sie in Kartons. Sie glänzen golden wie Taler. Sein Kunde sieht ihm schweigend zu. Außer Patronen kann man hier auch Pistolen der Marken Jericho, Glock und Smith & Wesson erwerben. Im Keller ist ein Schießstand.

Am Abend – es ist Freitag – schallen aus dem Speisesaal Gesang, Kindergeschrei und die fröhliche Geselligkeit eines Sabbatmahls. Für den einzigen nichtjüdischen Gast wird im Nebenzimmer ein Tisch gedeckt. Andernorts würde ein Nichtjude mit offenen Armen zur Sabbatfeier eingeladen. Nicht hier. Hier gilt, wie eine Bürgerin der Stadt mir später erklärt, jeder Europäer automatisch als Antisemit. Ein Journalist schon gar. Selbst israelische Reporter würden mit Argwohn betrachtet, "schließlich sind Künstler, Intellektuelle und Journalisten berufshalber links".

Vom östlichen Stadtrand sind es drei Kilometer bis nach Tapuah. Dort fand vor einem Monat der 19-jährige Armeedeserteur Eden Natan-Zada Unterschlupf, der nicht an der Räumung des Gaza-Streifens beteiligt sein wollte. Er hatte sich offenbar durch Internet-Seiten der Anhänger Meir Kahanes inspirieren lassen. Kahane plädierte für die Vertreibung aller Araber aus dem Westjordanland, bevor er 1990 in New York von einem ägyptischen Attentäter erschossen wurde.

Natan-Zada begann, mit in Tapuah wohnenden Kahanisten die Thora zu studieren. In dem Wehrdorf ist eine religiös indoktrinierte Jugend herangewachsen. Von Tapuah sind es zehn Minuten im Auto bis nach Itamar, wo Kinder orthodoxer Siedler aus dem ganzen Westjordanland in einem Internat zur Schule gehen. Die Unterbringung ist spartanisch. Jeden Morgen und noch einmal abends wird Bibelkunde betrieben. "Beten" ist ein benotetes Zeugnisfach. Nur nachmittags werden weltliche Fächer unterrichtet, Hebräisch, Englisch, Mathematik und Geschichte.

Itamar gilt als die "Hauptstadt" der hilltop youth, einer national-extremistischen Jugendbewegung. Für diese Jugendlichen ist es selbstverständlich, dass, wie einer von ihnen es ausdrückt, "all dieses Land unseres" sei. Den Arabern gehörten "nur ganz kleine Stücke". Befragt, ob er glaube, dass es einmal Frieden mit den Palästinensern geben würde, erwidert der 16-Jährige, ohne zu zögern: "Nein." Ob ihn das nicht störe? – Wieder ein "nein". Denn "Araber sind faul. Sie arbeiten nicht und stehlen." In den vergangenen Jahren unterwanderten die jugendlichen Bergbewohner eine für orthodoxe Juden geschaffene Einheit der israelischen Armee, die sich streng an den Sabbat hält und keine Soldatinnen aufnimmt.