nahost Land erobern – warum nicht?Seite 4/4
Die Regierung tut alles in ihrer Macht Stehende, um das Wachstum der Siedlung aufrechtzuerhalten. Im Mai dieses Jahres beschloss sie, das College of Judea and Samaria zur Universität zu befördern. Es ist mit 9000 Studenten das größte College Israels und verfügt über eine von zwei nuklearen Beschleunigeranlagen des Landes. Am östlichen Stadtrand wird auf dem höchsten Punkt der Stadt gerade eine vierstöckige, terrassenförmig angeordnete Apartmentsiedlung fertig gestellt.
Man möchte fast meinen, die Russen hätten in Ariel den sonst schon lange der Vergangenheit angehörigen Siedlersozialismus zu neuem Leben erweckt. Niemand protzt mit seinem Geld, niemand fährt ein großes Auto. Wohnungen und Häuser sind gleichförmig und anspruchslos. Die egalitäre Bescheidenheit mischt sich mit allenthalben sichtbarem Ordnungsdenken. Die Straßen sind sauber, die Gärten gepflegt, der Verkehr diszipliniert.
Das Ordnungsdenken hat den gesellschaftlichen Umgang ergriffen. Hier herrsche, erzählt eine argentinische Zuwanderin, der das gar nicht gefällt, ein der jüdischen Streitkultur völlig fremder Druck, sich den Mehrheitsmeinungen unterzuordnen. An allen Autos flattern orangefarbene Bänder, Zeichen der Solidarität mit den Siedlern des Gaza-Streifens. Wenn ihr in Tel Aviv lebender Sohn zu Besuch kommt, erzählt die Frau, tausche er vorsichtshalber seinen blauen israelischen Wimpel gegen ein orangefarbenes Farbband aus.
Avinoam Magen, ein im Siedlerspektrum eher liberal denkender Mensch, wagte es, Kolonisten aus dem Gaza-Streifen aufzufordern, den Abzug pragmatisch hinzunehmen und sich im Gusch Ariel niederzulassen, hier gebe es genug Platz. Nachbarn kamen in sein Haus und schrien ihn nieder. Magen entstammt einer national-religiös zionistischen Familie. Seine Frau ist orthodox. Das schützte ihn nicht vor dem Zorn seiner Mitbürger, die »keinen Quadratzentimeter jüdischen Bodens preisgeben« wollen. Er lastet deren Benehmen dem offiziellen Siedlerverband an, der habe die Meinungen im Westjordanland lebender Juden monopolisiert.
Für alles ist in dem disziplinierten Gemeinwesen gesorgt. Nur auf eine Frage bekommt man keine Antwort – was mit den Abwässern der Retortenstadt geschieht. Die Antwort findet man zwei Kilometer südwestlich in einem durch ein anmutiges palästinensisches Tal plätschernden Bach. Das Ufer ist von dunkelgrünen Algen überwachsen. Das Wasser strudelt dickflüssig und schwarz in seinem Bett. Weißer Schaum quillt aus ihm hervor. Der Gestank ist kaum zu ertragen.
- Datum 11.08.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 11.08.2005 Nr.33
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