Bonn, wo es am schönsten ist. Vom Rhein weht das Tuckern der Lastkähne herüber, nebenan, im Park der Villa Hammerschmidt, werden die Wege gefegt. Um die Lage seines Amtssitzes wird Ulf Böge oft beneidet. "Ja", sagt der Präsident des Bundeskartellamtes bei einem Blick aus dem Fenster, "es ist wirklich schön hier." Und ruhig.

Seit Freitag vergangener Woche ist es mit der großen Ruhe in der Kaiser-Friedrich-Straße vorbei. Denn am Morgen bekommt Böge eine Agenturmeldung auf den Tisch: Springer kauft ProSiebenSat.1, heißt es darin. "Ein neuer Medienriese entsteht", schreibt die Deutsche Presseagentur weiter. Im Haus des Bundeskartellamtes beginnen die Telefone zu klingeln. Alle Welt will wissen, ob die Wettbewerbshüter zustimmen werden. Böge sagt nur so viel: "Es wird bestimmt kein Schnellverfahren geben." Eine Ankündigung, die der Dimension des ausgehandelten Deals entspricht.

Antragsteller in dem Genehmigungsverfahren ist die Axel Springer AG, Europas größter Zeitungskonzern mit zuletzt 2,4 Milliarden Euro Umsatz. Die Journalisten des Hauses bewegen Börsenkurse, prägen den Geschmack und liefern Gesprächsstoff, weil sie allein in Deutschland mehr als 35 Millionen Menschen erreichen, die meisten mit Bild. Sie bedienen die Hälfte aller Leser überhaupt – mit Zeitungen wie der Welt (Auflage: 230.000), der Welt am Sonntag (405.000), dem Hamburger Abendblatt (270.000) und der Berliner Morgenpost (149.000). Dazu kommen Dutzende von Fern- seh-, Frauen- und Lifestyle-Zeitschriften (Auswahl: Hörzu, TV Digital, Jolie, Maxim, Rolling Stone).

"Das wichtigste Vermögen", sagt der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner, sei aber "die Bild- Gruppe" und in deren Mittelpunkt die Bild- Zeitung. Döpfner meint damit nicht nur den auf 120 Millionen Euro im Jahr 2004 geschätzten Gewinn. Wann immer von der publizistischen Macht und Einflussnahme des Konzerns die Rede ist, geht es vor allem um Bild und ihre dicken Schlagzeilen.

Täglich greifen etwa 3,7 Millionen Deutsche zu dem Blatt. Und da jedes Exemplar durch mehrere Hände geht, geben 11,8 Millionen Menschen an, es regelmäßig zu lesen. Ganz zu schweigen von Bild am Sonntag, Sport Bild, Auto Bild oder Computer Bild.

Kein Publikum ist so wertvoll wie das von ProSiebenSat.1 Media

Damit nicht genug. Am vergangenen Freitag unterschrieb Springers Vorstandschef Mathias Döpfner jenen Vertrag, über dessen Rechtmäßigkeit das Bundeskartellamt nun urteilen muss.

Unter Aufbietung von 2,45 Milliarden Euro will Döpfner ins Fernsehgeschäft einsteigen und die Aktienmehrheit an der börsennotierten ProSiebenSat.1 Media AG übernehmen. Monatelang hat er darüber mit amerikanischen Finanzinvestoren, angeführt von dem US-Milliardär Haim Saban, verhandelt. Es ist ein Geschäft, das die Reichweite, die wirtschaftliche Basis und die publizistische Macht des Springer-Konzerns immens erweitern wird. Im vergangenen Jahr hat die größte private Senderfamilie, bestehend aus ProSieben, Sat.1, kabel eins, N24 und 9Live durchschnittlich 21,8 Prozent aller deutschen Zuschauer erreicht. Auf dem Werbemarkt ist dieses Publikum so wertvoll, dass die Sendergruppe bei den Werbeeinnahmen seit langem an der Spitze liegt, in den ersten sechs Monaten dieses Jahres fast 45 Prozent aller TV-Werbegelder abschöpfen konnte. Der Umsatz des TV-Unternehmens lag im vergangenen Jahr bei 1,8 Milliarden Euro, der Jahresüberschuss bei 133 Millionen.

Ausgerechnet Springer! Der Name allein ist ein Reizwort seit mehr als 40 Jahren. Für die rebellierenden Studenten wurde der Verlag in der Bundesrepublik der sechziger Jahre zum bevorzugten Gegner. Springer stand für Pressekonzentration, für die Macht der Restauration. Der Verlag war der Linken liebster politischer Feind. Eine Anstecknadel mit dem Schriftzug "Enteignet Springer" verkaufte sich blendend. Im Gegenzug schrieben Journalisten des Springer-Verlags, die demonstrierenden Studenten seien "Wirrköpfe", "Unruhestifter" und "Extremisten". Nach dem Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke glaubten viele Linke, der Schütze sei durch die Schlagzeilen der Bild- Zeitung angestiftet worden.

Das politische Sendungsbewusstsein ist schwächer, aber nicht erloschen