Bonn, wo es am schönsten ist. Vom Rhein weht das Tuckern der Lastkähne herüber, nebenan, im Park der Villa Hammerschmidt, werden die Wege gefegt. Um die Lage seines Amtssitzes wird Ulf Böge oft beneidet. "Ja", sagt der Präsident des Bundeskartellamtes bei einem Blick aus dem Fenster, "es ist wirklich schön hier." Und ruhig.

Seit Freitag vergangener Woche ist es mit der großen Ruhe in der Kaiser-Friedrich-Straße vorbei. Denn am Morgen bekommt Böge eine Agenturmeldung auf den Tisch: Springer kauft ProSiebenSat.1, heißt es darin. "Ein neuer Medienriese entsteht", schreibt die Deutsche Presseagentur weiter. Im Haus des Bundeskartellamtes beginnen die Telefone zu klingeln. Alle Welt will wissen, ob die Wettbewerbshüter zustimmen werden. Böge sagt nur so viel: "Es wird bestimmt kein Schnellverfahren geben." Eine Ankündigung, die der Dimension des ausgehandelten Deals entspricht.

Antragsteller in dem Genehmigungsverfahren ist die Axel Springer AG, Europas größter Zeitungskonzern mit zuletzt 2,4 Milliarden Euro Umsatz. Die Journalisten des Hauses bewegen Börsenkurse, prägen den Geschmack und liefern Gesprächsstoff, weil sie allein in Deutschland mehr als 35 Millionen Menschen erreichen, die meisten mit Bild. Sie bedienen die Hälfte aller Leser überhaupt – mit Zeitungen wie der Welt (Auflage: 230.000), der Welt am Sonntag (405.000), dem Hamburger Abendblatt (270.000) und der Berliner Morgenpost (149.000). Dazu kommen Dutzende von Fern- seh-, Frauen- und Lifestyle-Zeitschriften (Auswahl: Hörzu, TV Digital, Jolie, Maxim, Rolling Stone).

"Das wichtigste Vermögen", sagt der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner, sei aber "die Bild- Gruppe" und in deren Mittelpunkt die Bild- Zeitung. Döpfner meint damit nicht nur den auf 120 Millionen Euro im Jahr 2004 geschätzten Gewinn. Wann immer von der publizistischen Macht und Einflussnahme des Konzerns die Rede ist, geht es vor allem um Bild und ihre dicken Schlagzeilen.

Täglich greifen etwa 3,7 Millionen Deutsche zu dem Blatt. Und da jedes Exemplar durch mehrere Hände geht, geben 11,8 Millionen Menschen an, es regelmäßig zu lesen. Ganz zu schweigen von Bild am Sonntag, Sport Bild, Auto Bild oder Computer Bild.

Kein Publikum ist so wertvoll wie das von ProSiebenSat.1 Media

Damit nicht genug. Am vergangenen Freitag unterschrieb Springers Vorstandschef Mathias Döpfner jenen Vertrag, über dessen Rechtmäßigkeit das Bundeskartellamt nun urteilen muss.

Unter Aufbietung von 2,45 Milliarden Euro will Döpfner ins Fernsehgeschäft einsteigen und die Aktienmehrheit an der börsennotierten ProSiebenSat.1 Media AG übernehmen. Monatelang hat er darüber mit amerikanischen Finanzinvestoren, angeführt von dem US-Milliardär Haim Saban, verhandelt. Es ist ein Geschäft, das die Reichweite, die wirtschaftliche Basis und die publizistische Macht des Springer-Konzerns immens erweitern wird. Im vergangenen Jahr hat die größte private Senderfamilie, bestehend aus ProSieben, Sat.1, kabel eins, N24 und 9Live durchschnittlich 21,8 Prozent aller deutschen Zuschauer erreicht. Auf dem Werbemarkt ist dieses Publikum so wertvoll, dass die Sendergruppe bei den Werbeeinnahmen seit langem an der Spitze liegt, in den ersten sechs Monaten dieses Jahres fast 45 Prozent aller TV-Werbegelder abschöpfen konnte. Der Umsatz des TV-Unternehmens lag im vergangenen Jahr bei 1,8 Milliarden Euro, der Jahresüberschuss bei 133 Millionen.

Ausgerechnet Springer! Der Name allein ist ein Reizwort seit mehr als 40 Jahren. Für die rebellierenden Studenten wurde der Verlag in der Bundesrepublik der sechziger Jahre zum bevorzugten Gegner. Springer stand für Pressekonzentration, für die Macht der Restauration. Der Verlag war der Linken liebster politischer Feind. Eine Anstecknadel mit dem Schriftzug "Enteignet Springer" verkaufte sich blendend. Im Gegenzug schrieben Journalisten des Springer-Verlags, die demonstrierenden Studenten seien "Wirrköpfe", "Unruhestifter" und "Extremisten". Nach dem Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke glaubten viele Linke, der Schütze sei durch die Schlagzeilen der Bild- Zeitung angestiftet worden.

Das politische Sendungsbewusstsein ist schwächer, aber nicht erloschen

Verlagsgründer Axel Cäsar Springer hatte eine politische Vision, die damals wenige verstanden und von den Studenten kaum jemand nachvollziehen konnte: Springer sei beseelt gewesen von dem Gedanken an die "ewigen Werte der Nation", wie der Publizist Michael Jürgs schreibt. Der Verleger habe daran geglaubt, "dass es in bestimmten Zeiten vom Weltgeist Auserwählte braucht, um die Welt zu verändern". Als ein solcher verstand sich Springer; er machte die konservative Sache zu seiner eigenen. Er wurde zum glühenden Verfechter der deutschen Wiedervereinigung, Symbol dafür war der Bau seines Berliner Verlagshauses direkt an der Mauer.

Das politische Sendungsbewusstsein ist 20 Jahre nach Springers Tod schwächer geworden, erloschen ist es noch nicht. Daher könnte, wenn das Bundeskartellamt die Übernahme genehmigt, ein Konzern mit konservativer Ausrichtung entstehen, wie es ihn in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie gegeben hat.

Man muss bis in die Weimarer Zeit zurückdenken, bis zu Alfred Hugenberg, dem nationalkonservativen Verleger der zwanziger Jahre, um eine noch größere publizistische Machtkonzentration zu finden. Hugenbergs Blätter polemisierten gegen die Republik und trugen so zur Entstehung des "Dritten Reichs" bei.

Springer ist nicht Hugenberg, doch der neue Medienriese verbreitet Furcht und Unbehagen. Die wichtigen Fragen lauten: Wird Springer das neue Herrschaftsgebilde straff führen und im Sinne einer konservativen Politik einsetzen? Werden die Themen des "Leitmediums" Bild nach einer Übergangszeit an die Fernsehsender generalstabsmäßig weitergereicht? So, als seien alle Medien des Konzerns "eine Großfamilie", wie die konservative Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vermutet, "wenn einer angegriffen wird, fühlen sich alle angegriffen"?

"Diese Konzentration ist nicht gut für das Land", sagt einer, der es wissen muss. Medienmanager Jürgen Richter kennt den Verlag von innen. Er führte den Springer-Konzern von 1994 bis 1998 als Vorstandschef, bis er das Haus im Streit verlassen musste. Über seine Nachfolger urteilt er: "Die wollen eine andere Republik, eine schwarze Republik. Deren Behauptung, das sei nicht der Fall, glaube ich nicht."

Dünne Ordner für Lästiges, dicke für journalistische Tätlichkeiten

Die Union dagegen begrüßt die Entwicklung, auch Edmund Stoiber. Bayerns Ministerpräsident erinnert sich genau: Abgesehen von den letzten Tagen vor der Bundestagswahl 1998, hat die Bild- Zeitung noch immer den Kandidaten der Union unterstützt. Vor drei Jahren half sie Stoiber. In diesem Sommer greift sie der Kandidatin Angela Merkel unter die Arme. Politiker von SPD und Grünen mögen insofern denken, dass sie es demnächst nicht nur mit der CDU/CSU, der FDP und Bild aufnehmen müssen, sondern auch mit diversen TV-Sendern.

Fürchten müssen sie aber vor allem den Populismus von Bild und dessen mögliche Fortsetzung im Fernsehen. Wie dies funktioniert, zeigt der Sender Fox in Amerika, der mit Hurra-Patriotismus Quote macht. Populismus im Fernsehen ist vor allem eine Frage des Handwerks. Und das kann man lernen. Was ist, wenn demnächst Bild und die Fernsehsender gemeinsam einzelne Politiker oder Gesetzesvorhaben attackieren? Was ist, wenn sie gemeinsam eine noch größere Wirkung entfalten, als die Bild- Zeitung es heute schon tut?

Dicht an dicht hängen in einer Anwaltskanzlei am Berliner Kurfürstendamm Bosheiten, Halbwahrheiten und üble Falschmeldungen in Tausenden von Hängeordnern beieinander. Hier sammelt und sortiert der Rechtsanwalt Christian Schertz, was deutsche Medien über seine Mandanten – zu ihnen gehört auch ZEIT- Chefredakteur Giovanni di Lorenzo – verbreiten. Oft genug hat er dabei Berichte der Bild- Zeitung in Händen.

Schertz ist seit über zehn Jahren als Medienanwalt tätig, er stellt aber fest, dass die Zahl der Fälle in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen habe. Dies lässt sich schon an der Menge der Ordner erkennen, die in seinen blütenweißen Gründerzeitbüros bis unter die Decke hängen. Dünne Ordner für Lästiges. Dicke Ordner für journalistische Tätlichkeiten. Ein besonders dickes Exemplar hat Schertz vor kurzem über den Fall Claudia Roth gegen Bild angelegt. Denn die Parteichefin der Grünen ist in diesem Frühjahr heftig angegriffen worden.

Bild druckte am 20. April in riesigen Buchstaben: "Amigo-Affäre. Warum bekam der Freund von Grünen-Chefin Roth so lukrative Staatsaufträge?" Wäre etwas an dem Vorwurf dran, hätte die Politikerin öffentliche Gelder in ihre private Beziehung umgeleitet, ihre politische Karriere wäre zu Ende. Doch nichts davon ist wahr. Trotzdem muss Roth fürchten, dass sie die Geschichte nicht mehr loswird.

Die Grünen-Chefin gehört zu jenen Politikern, die sich in letzter Zeit gegen die Bild- Zeitung wehren. "An der Überschrift war nahezu alles falsch, egal, wie man sie dreht und wendet", sagt ihr Anwalt Schertz. Roth kannte ihren heutigen Lebensgefährten noch gar nicht, als dieser einen Auftrag vom Bundesamt für Strahlenschutz erhielt. Als sie ihn schließlich kennen lernte, war sie noch nicht Parteichefin der Grünen. Trotzdem weigerte sich Bild , die Ehre von Claudia Roth wiederherzustellen und die große Geschichte über die Grünen-Politikerin auch genauso groß zu berichtigen. Die Anwälte von Springer führten einen monatelangen Prozess, um schließlich im Blatt bestätigen zu müssen, dass die Meldung über Claudia Roth falsch war.

Solche Schlagzeilen entstehen nicht, weil in der Bild- Zeitung schlechte Journalisten arbeiten. Im Gegenteil. Die Redakteure und Reporter beherrschen ihr Handwerk. Sie sind fleißige Rechercheure; sie bringen politische Themen oft besser auf den Punkt als andere. Aber genau deshalb sind Schlagzeilen wie die über Claudia Roth so unheimlich. Grenzt es an politischen Rufmord, wenn Bilder einer Tomografie veröffentlicht werden, mit denen der damals schwer erkrankte Gregor Gysi angeblich "als erster Politiker den Wählern sein Gehirn" zeigt?

Wie viel politisches Wegducken der Springer-Konzern allein durch die Bild- Zeitung erzeugt, zeigen Anrufe bei deutschen Spitzenpolitikern. Kaum einer will etwas zu dem entstehenden Medienriesen sagen, schon gar nicht in Wahlkampfzeiten. Wolfgang Thierse hat die Wucht der Bild- Zeitung zu spüren bekommen. "Bundestagspräsident Thierse lud toten Politiker zu Feier ein", lautete eine Schlagzeile von vielen. Aber zur Macht von Bild möchte sich der Sozialdemokrat nicht äußern, richtet seine Sprecherin aus. "Er ist zwar ein kluger Präsident", sagt sie, "aber da müsste er sich erst einmal einarbeiten."

Baden-Württembergs Kultusministerin Annette Schavan sei im Urlaub und nicht zu sprechen, richtet deren Sprecherin aus. Die Christdemokratin kam während ihres parteiinternen Wettstreits um das Amt des Ministerpräsidenten zu Bild- Schlagzeilenehren: "Deutsche Ministerin kämpft gegen Lesben-Gerüchte."

Gegen die "Bild"-Zeitung will keiner etwas sagen

Auch Ingo Wolf, FDP, der neue NRW-Innenminister, mag nichts sagen. Medienthemen seien Sache der Staatskanzlei, erklärt seine Sprecherin. Herr Wolf sei dafür nicht zuständig. Auch nicht, wenn es um ihn persönlich geht? "Auch dann nicht", sagt sie. Ingo Wolf, der vor der Wahl im Mai neben seinen Bezügen als Abgeordneter eine Pension als ehemaliger Oberkreisdirektor erhielt, war mit einer ganzen Schlagzeilenserie bedacht worden, dabei nannte Bild ihn stets "Florida-Wolf", in Anspielung an den in Florida lebenden Sozialhilfeempfänger Rolf.

Und Joschka Fischer mag man mit solchen Fragen gar nicht erst behelligen. "Alles, was unter Londoner U-Bahn oder Scharm al-Scheich liegt, tragen wir derzeit nicht an ihn heran", sagt einer seiner Sprecher im Auswärtigen Amt und verweist auf die Sprecherin der Grünen, die während des Wahlkampfs für den Spitzenkandidaten zuständig ist. Sie bittet, das Anliegen schriftlich vorzutragen, fortan ward nie wieder etwas von ihr gehört. Drei Tage später, beim Besuch der ZEIT- Redaktion in Hamburg, gab Fischer einen beziehungsreichen Satz von sich. "Es hat keine Alternative gegeben", sagte der Vizekanzler, "aber man kann sich fragen, ob es hier nicht eine Zusammenballung gibt, die gravierende Fragen aufwirft und die sich auch das Kartellamt stellen muss." Seinerzeit hatte Bild getitelt Joschka zu fett für Wahlkampf und praktische Lebenshilfe gegeben: "Jetzt hilft Bild beim Abspecken" – persönliche Ratschläge, adressiert an den "lieben Joschka Kugel-Fischer".

Was wird erst passieren, wenn Springer neben Bild und BamS auch über fast die Hälfte des Privatfernsehens gebietet? "Die Politiker werden denen, die bei Springer das Sagen haben, noch mehr zu Füßen liegen", antwortet ein erfahrener Manager des Hauses lakonisch.

Die Zeitung nimmt Menschen, oft genug Politiker, hart ran, und wenn es hinterher Probleme gibt, dann regeln das eben die Anwälte. "Der Bild- Chefredaktion ist das ziemlich egal. Sie haben nicht genug Unrechtsbewusstsein", sagt Jürgen Richter dazu. Für Rechtsanwalt Schertz ist das business as usual. Schertz macht ein Rechenexempel auf: "Die Summen, um die es hinterher vor Gericht geht, sind in Ansehung des Aufmerksamkeitswerts, den die Zeitung mit deftigen Schlagzeilen erzielt, überschaubar." Angemessene Summen seien selten durchzusetzen, sagt Schertz, weil Gerichte den Schaden immer in Beziehung zu realer Körperverletzung setzen müssten. "Die Gerichte gehen dort nach der offiziellen ADAC-Liste vor." Dieser so genannten Gliedertaxe zufolge steht einem Opfer bei einer Versicherungssumme von 100.000 Euro im Falle des Verlustes eines Daumens 15.000 Euro zu, beim Verlust eines Auges 56 000 Euro. "Da können sie nicht für Nacktfotos oder Röntgenbilder mehrere 100.000 Euro fordern. So entwürdigend sie auch sein mögen", erläutert Schertz.

Dieser Umstand macht den Rechtsbruch oft zu einem Geschäft. Die Kosten für juristische Beratung insgesamt stiegen im Springer-Konzern erheblich. Die Bilanz des Jahres 2003 weist dafür 10 Millionen Euro aus, eine Summe, die sich im vergangenen Jahr auf 17 Millionen Euro erhöhte. Im Vergleich zum Gewinn ist dies ein kleiner Betrag.

Wer bekommt welchen Posten? Die Gerüchteküche brodelt

In der Demokratie geht alle Macht vom Volke aus, bei Bild vom so genannten Balken, jenen Tischen, an denen die leitenden Redakteure des Blattes jeden Tag die Welt erfinden und erklären. Wie lange der aktuelle Chefredakteur von Bild, Kai Diekmann, seinen angestammten Geschäften noch nachgehen kann, ist ungewiss. "Wir beteiligen uns nicht an Spekulationen", heißt es dazu in dem Verlagshaus. Wer geht, wer bleibt und wer einen neuen Posten bekommt, gehört in den Tagen des Milliardendeals zu den bestgehüteten und meistbesprochenen Geheimnissen. Dem Fernsehvorstand von ProSiebenSat.1 Media, Hubertus Meyer-Burckhardt, sagen manche Branchenkenner beispielsweise nach, er wolle wieder an seine erfolgreiche Produzentenlaufbahn anknüpfen. Gleichzeitig heißt es, der Bild- Chefredakteur werde der neue erste Journalist im Springer-Fernsehgeschäft. Weder Diekmann noch Meyer-Burckhardt wollen zu den Gerüchten Stellung nehmen. Und wenn Diekmann doch wechselt? Dann trifft er auf eine Welt, die der seinen sehr fern ist.

Bei Sat.1 schwebt Senderchef Roger Schawinski gerade auf den Erfolgen einer sanften Programmreform. Die Telenovela Verliebt in Berlin hat so viele Zuschauer, dass die Konkurrenz neidvoll auf diesen Schweizer in Berlin blickt. Als neue Farbe im Programm wurde die Nachrichtensendung mit dem vom ZDF geholten Moderator Thomas Kausch aufgewertet, weitere Informationssendungen sollen folgen. Am vergangenen Sonntag kehrte auch der politische Talk in den Sender zurück: Bettina Rust startete als selbst ernannte Konkurrenz zu Sabine Christiansen. Beim Debüt saßen Otto Schily, Harald Schmidt und ZEIT- Chefredakteur di Lorenzo an ihrem Tisch.

Die Moderatorin, die sich beim Casting gegen Kandidaten wie Ulrich Meyer und Hans-Ulrich Jörges durchgesetzt hatte, begann das Gespräch auf anrührende Weise nervös. Die Chancen von Angela Merkel, der Babymord in Brandenburg, Angst vor dem Terror: "Herr Schily, haben Sie Angst?" Zum Ende: Warum Männer Fußball so sehr lieben. Rust hatte dem Innenminister das Geständnis entlockt, dass Besucher im Hause Schily die Schuhe auszuziehen haben. Ein etwas anderer Talk, mit ähnlichen Quoten wie Christiansen bei der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen.

Es gab eine Zeit, in der sich Sat.1 sehr viel politischer präsentierte, wenn auch einseitig. Ein Zeuge von damals lässt sich heute in München-Schwabing finden, Kaiserstraße 39, erster Stock. Hier residiert Fred Kogel, Vorstandschef des Kino- und TV-Produzenten Constantin (Der Schuh des Manitu, Der Untergang, Der Name der Rose). Auf Regalen stehen die Auszeichnungen für große Filme, Bambi, Goldene Kamera, Österreich in Messing –, und Kogel lässt auf sich warten. Termine. Telefonate. Er ist noch immer ein gefragter Mann. In den neunziger Jahren diente er als Geschäftsführer von Sat.1. Damals trug er die Haare kurz, heute schulterlang, mit grauen Strähnen durchzogen. "Sicherlich wollte Springer in den Gründungsjahren des Privatfernsehens seine politische Grundhaltung im Programm von Sat.1 wiederfinden. Auch Leo Kirch hatte ein gewisses Sendungsbewusstsein", erinnert sich Kogel. Beide seien schließlich Gesellschafter gewesen. So landeten auf Kogels Tisch diverse Ideen für politische Sendungen aus dem Hause Springer, auch über "Bild TV" wurde geredet. Währenddessen bestimmte Leo Kirch die Chefredakteure wie etwa Heinz Klaus Mertes.

Damals, vor elf Jahren, versuchte CSU-Mitglied Mertes, zuvor Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens, den Sender voll auf Unionslinie zu lenken. In der von ihm installierten Nachrichtensendung Newsmagazin dominierten Themen wie Innere Sicherheit, Kirche, Familie. Ebenso im sonntäglichen Mittagsmagazin alSo. Und als Moderator von Zur Sache, Kanzler begann Mertes das Gespräch mit: "Wie geht es Ihnen?" und beendete es mit: "Herr Bundeskanzler, wie geht es Ihnen nach den jetzt siebzig Minuten Hearing?" Einer der wechselnden Moderatoren war Kai Diekmann, damals erst stellvertretender Bild- Chefredakteur – und inoffiziell mit dem Beinamen "Minnesänger des Kanzlers" behaftet. Er fragte Kohl zum Beispiel: "Herr Bundeskanzler, beten Sie wirklich jeden Tag?"

So viel schwarze Einfärbung war selbst manchem Konservativen zu viel. Der Kölner Verleger Alfred Neven DuMont, damals Mitgesellschafter des Senders, hielt es für bedenklich, "dass sich Sat.1 in den letzten ein bis zwei Jahren mit einer Ausschließlichkeit zu einer Partei, nämlich der CDU, und besonders dem Bundeskanzler bekennt, wie es sonst bislang bei keinem deutschen Sender der Fall war". Das schrieb er an den damaligen Springer-Vorstandschef Jürgen Richter. Letztlich entschied die Quote über das Ende der Kanzler-Interviews. Nach anfänglichen 6 Millionen schalteten zuletzt nur noch 1,3 Millionen Zuschauer ein. Derart plumpe Wahlwerbung verfängt nicht.

Dass unter der Springer-Herrschaft nun erneut versucht werden könnte, Sat.1 politisch zu instrumentalisieren, schließt Senderchef Schawinski aus. "Ich bin seit dem Gründungsgeschäftsführer Jürgen Doetz der erste Journalist auf dieser Position, und nur nach journalistischen Kriterien arbeiten wir hier." Stolz zählt er die Erfolge auf, die Sat.1 unter seiner Leitung zu verbuchen hat: ein gewachsenes Renommee bei den Nachrichten und Info-Sendungen, weit mehr gebildete Zuschauer als noch vor zwei Jahren. Fast wirkt es, als fürchte Schawinski, Spekulationen über künftige Crossover-Produktionen mit den Springer-Blättern, vor allem mit Bild, könnten ihm das mühsam erarbeitete seriöse Image wieder zunichte machen. "Bild wäre ein Sender näher, der einen größeren Boulevardanteil hat, aber das ist nicht Sat.1."

Doch wird er sich damit durchsetzen können? Es ist bisher nur ein Szenario, dass Bild das Leitmedium auch für den politischen Teil des Privatfernsehens wird. Wenn nicht morgen, dann übermorgen: Eine Sat.1-Sprecherin redet schon von der "großen Familie, in der wir nur ein kleiner Teil sind". Wenn Springer-Chef Döpfner beteuert, am Binnenpluralismus der Springer-Medien und der "Chefredakteursfreiheit" werde sich nichts ändern, dann heißt das auch: Sollte die im Flüsterton weitergetragene Nachricht stimmen und der bisherige Bild- Chefredakteur zum Fernsehmann mutieren, hat er freie Fahrt. Freie Fahrt in einem Land, das sich seit den Zeiten von Heinz Klaus Mertes sehr verändert hat, in dem der Fernsehboden für einen harten Boulevard-Profi bereitet ist.

Deutschland ist "Medienrepublik" geworden. Wissenschaftler, Politiker und Journalisten sind davon überzeugt, dass das Fernsehen die Politik heute weit stärker beeinflusst als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. "Noch nie wurde die Meinungsbildung und damit die Wahlentscheidung so sehr vom Fernsehen bestimmt wie bei der vergangenen Bundestagswahl", hat der Medienwissenschaftler Hans Mathias Kepplinger in einer Langzeitstudie nachgewiesen. "Äußerlichkeiten, Vertrauen und Sympathie überlagern alles andere. Und genau diese Eindrücke bleiben beim Fernsehen hängen. Das setzt sich auch im aktuellen Wahlkampf fort."

"Shalom" – Döpfner hält Hof im Münchner Palais Montgelas

In einem Land, in dem unschöne Schweißflecken und schief sitzende Krawatten zunehmende Bedeutung für die Wahlentscheidung erlangen, schrumpft gleichzeitig die Zahl der Parteimitglieder: Die SPD hatte Anfang des Jahres 2005 nur noch 605000 Genossinnen und Genossen. In den siebziger Jahren waren es mehr als eine Million. Der CDU kehren ihre Mitglieder langsamer, aber genauso stetig den Rücken, während parallel dazu die Zahl von Protestwählern wächst. So konnten in den vergangenen Jahren bei Landtagswahlen extreme Parteien unerwartete Wahlerfolge erringen. Und dies immer unter Einsatz populistischer Parolen. Etwas Vergleichbares ist jetzt bei der neuen Linkspartei zu beobachten. Wenn es also ein offenbar stetes und sogar wachsendes Potenzial von Wählern gibt, das mit populistischen Thesen zu mobilisieren ist, und wenn gleichzeitig eine Zeitung mit Millionenauflage wie Bild damit seit Jahren reüssiert – warum sollte man nicht versuchen, die wachsende Nachfrage nach Populismus auch in den TV-Sendern zu bedienen? Und damit Quote zu machen?

Als Springer-Chef Mathias Döpfner am vergangenen Freitag das Podium betritt, bricht ein Blitzlichtgewitter los. Was will er? In dem mit Kronleuchtern, Spiegeln und goldenen Pilastern geschmückten Königssaal im Palais Montgelas des Hotels Bayerischer Hof in München beginnt er mit einem "Guten Tag und Schalom" als Reverenz an den Finanzier Haim Saban, von dem er die Sendergruppe gekauft hat. In den folgenden Minuten lässt sich Döpfner auch nicht durch die Frage aus der Ruhe bringen, welche Medienmacht der Konzern künftig entfalten werde. Die Fusion werde sich belebend auf den Wettbewerb auswirken. Immerhin gibt es noch einen anderen Riesen im Zeitschriften- und Fernsehgeschäft, den Gütersloher Bertelsmann-Konzern, der unter anderem über die RTL-Gruppe und Zeitschriften wie den stern verfügt.

Schon am frühen Morgen, in einer öffentlichen Telefonkonferenz mit Finanzmarktexperten, hatte sich Döpfner ein wenig anders angehört. Da beschrieb er die Medien und damit letztlich die Journalisten seines Verlags als "cultural sensitive piranhas". Er schätze diese Raubfische, weil sie sich im Team zusammentun würden, um ihre oft sehr viel größere Beute zu erlegen. Geld und politische Haltung passen offenbar – frei nach Bertolt Brecht – gut zusammen: Erst etwas zu fressen, dann die Moral. Döpfner liebt solche Provokationen.

Jene, die Döpfners Motive beschreiben, wollen ihren Namen meist nicht in der Zeitung lesen. Ihm Wohlgesinnte beginnen mit Sätzen wie "Mathias Döpfner ist charakterlich fest", ein "klassischer konservativ Liberaler", der "in Zeiträumen von zehn Jahren und mehr denkt, auch politisch. Er kann wie ein guter Kapitän auf dem weiten Meer ein weit entfernt liegendes Ziel ansteuern." Sein Sendungsbewusstein lasse sich aus seinen Leitartikeln herauslesen, die er hin und wieder für die Welt schreibe. In diesen Texten führt er aus, dass "die Idee von dem, wozu Unternehmen verpflichtet sind, so ausufert, dass die Grundlagen all dieses Handelns in Vergessenheit geraten: die Gewinnerwirtschaftung".

Die wollen ihre Muskeln zeigen, sagt Ex-"Bild"-Chef Udo Röbel

Allerdings arbeitet der Vorstandschef für einen Konzern, der diesen Gewinn nicht nur mit Sex, Crime und Sport, sondern auch mit politischer Berichterstattung und Meinung erzielt. Deshalb schließen sich Gewinnstreben und konservativer Journalismus nicht aus. Döpfner selbst schrieb beispielsweise in der Welt über die Haltung der Bundesregierung zum islamistischen Terror: "Was muss noch passieren, bis die europäische Öffentlichkeit und das politische Führungspersonal realisieren: Es herrscht eine Art Kreuzzug gegen unsere freien, offenen, westlichen Gesellschaften." In einer seiner wenigen schriftlichen Äußerungen über Gerhard Schröder schrieb er 1999, der SPD-Bundeskanzler sei ein "Spaßhannes". "Aus einer Klamaukfigur" werde "nie mehr eine Respektsperson".

Kritiker wie Udo Röbel, Bild- Chefredakteur von 1998 bis Ende 2000, sieht eher wirtschaftliche Ambitionen als politisches Machtstreben bei Springer. Die Generation, die jetzt im Unternehmen das Sagen hat, nennt Röbel "die Winner-Generation": um die 40 oder knapp darüber, zwar irgendwie konservativ, aber nicht ideologisch. Nicht um eine Mission gehe es Leuten wie Diekmann, sondern darum, "zu zeigen, wer die Kerle mit den dicksten Muskeln sind". Außerdem glaube er nicht, "dass diese Leute Sendungsbewusstsein haben. Die wollen mitspielen, die sehen das als große Spielwiese. Döpfner gefällt sich als Global Player."

Dafür nimmt Springer einiges auf sich. Der ehemalige Vorstand Claus Larass schreibt im Handelsblatt, das wie die ZEIT zur Verlagsgruppe Holtzbrinck gehört, über Friede Springer: "Ausgerechnet jetzt gerät sie in einen schwer wägbaren Sog." Denn sie hat zugestimmt, dass ihr Konzern schwindelerregende drei Milliarden Euro Schulden anhäuft, um die Übernahme von ProSieben, Sat.1, kabel eins, N24 und 9Live zu stemmen. Den Kredit hat der Springer-Konzern bei der Deutschen Bank und der Credit Suisse First Boston aufgenommen. In dieser Summe ist zunächst der Kaufpreis von 2,45 Milliarden Euro für die Anteile der amerikanischen Finanzinvestoren enthalten. Außerdem will Springer die bestehenden Nettoschulden beider Unternehmen neu finanzieren. Larass sieht darin eine Abkehr vom Zeitungsgeschäft und zieht Parallelen zum Märchen vom Hans im Glück: "Der tauschte einen Klumpen Gold so lange, bis er nur noch einen Feldstein auf seinen Schultern trug und trotzdem glücklich war."

Noch kostspieliger könnte die Übernahme werden, wenn alle Kleinaktionäre der ProSiebenSat.1 Media AG ihre Aktien an den Springer-Konzern verkaufen. Dem Aktiengesetz folgend, hat Springer ein öffentliches Angebot an alle gemacht, hofft aber, dass die meisten Anteilseigner lieber auf künftige Kurssteigerungen setzen, als heute Bares zu nehmen. Wenn jedoch wider Erwarten alle Kleinaktionäre aussteigen sollten, würden noch einmal bis zu 1,25 Milliarden Euro Kredit fällig. So würden sich die Übernahmekosten auf 4,15 Milliarden Euro addieren, die dadurch gemindert werden sollen, dass der Konzern im nächsten Jahr womöglich stimmrechtslose Aktien ausgibt.

Die Zinsen, über deren Höhe die Beteiligten schweigen, und die Rückzahlung der Milliardenkredite muss der Vorstand um Döpfner aus den laufenden Gewinnen bestreiten. Für das laufende Jahr wird der Gewinn auf 680 Millionen Euro vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen geschätzt. Insofern ist die Übernahme ein durchaus riskantes Unterfangen, denn die Werbeerlöse im Fernsehgeschäft sind seit dem Jahr 2000 um etwa 20 Prozent gesunken. Tendenz weiter fallend.

Genau die gleiche Entwicklung haben die Auflagen der wichtigsten Titel im Springer-Verlag genommen (Bild, Bild am Sonntag, Hörzu) . Zwar stiegen die Gewinne dank höherer Preise am Kiosk, vor allem bei der Bild durch ein gestiegenes Anzeigenvolumen der Handelsketten und eine Reihe Nebengeschäfte, von der "Volksbibel" bis zum "Volksbausparen". Gleichwohl machen es die strukturellen Abwärtstrends in der Presse wie im Fernsehen zu einer schweren Aufgabe, mindestens drei Milliarden Euro an Krediten zurückzuzahlen.

Bei alldem bleibt Döpfner Optimist. "Wir werden sicher drei Jahre brauchen, bis wir uns nach einem neuen Fisch umsehen", scherzte er vergangene Woche in Anspielung auf seine Piranha-Metapher. Er ließ dabei offen, ob der nächste Fisch ein weiteres Medienunternehmen oder nicht doch ein politischer Fisch sein wird.

Der Dortmunder Medienökonom Horst Röper scherzt nicht. Er findet die Entwicklung bedrohlich: "Die Sicherung von publizistischer Vielfalt ist immer eine Vorsorge. Bloß weil wir heute keine konzertierte Aktionen von Zeitungen und Fernsehen kennen, sollten wir die Gefahr für unser politisches Leben, die künftig davon ausgehen könnte, nicht unterschätzen."

Derweil ist man im Bundeskanzleramt zu der Überzeugung gekommen, der Springer-Konzern sei einem ausländischen Investor, etwa dem australisch-amerikanischen Medientycoon Rupert Murdoch, als Käufer von ProSiebenSat.1 allemal vorzuziehen. Deshalb hält man sich vornehm zurück. Auch der Spiegel, einst das "Sturmgeschütz der Demokratie", beschäftigt sich, wenn überhaupt, nur mit den wirtschaftlichen Aspekten des Deals, den Risiken für Friede Springer.

In den nächsten Monaten wird Kartellamtspräsident Ulf Böge mit seinen 300 Juristen die Lage beraten. Er ist ein politischer Kopf. Angefangen hat seine Karriere unter dem Liberalen Walter Scheel, heute sitzt seine Behörde im ehemaligen Bonner Bundespräsidialamt. Böge liebt die Kunst, zeitgenössische Malerei, vor allem wenn sie in den Farben Gelb und Blau, den Farben der alten Wettbewerbshüter von der FDP, daherkommt. Böge stellt klar, dass sein Amt allein ein wirtschaftliches Kartell zu verhindern habe. Die politische Macht von Springer darf für ihn keine Rolle spielen. Er hat, mag er denken, die falschen Instrumente an der Hand.

Mitarbeit: Georg Etscheit, Michael Schwelien