gewalt Eine Kultur des Wegschauens und Ignorierens
Ist der Osten grausamer zu Kindern als der Westen? Die Statistik sagt ja.
Lebt im Osten Deutschlands ein anderer Menschentyp, der zu häufigerer und brutalerer Gewalt gegenüber Kindern neigt? Zumindest wäre das die Konsequenz von Jörg Schönbohms Ansicht, die »erzwungene Proletarisierung« der Menschen in der DDR sei mitverantwortlich für den neunfachen Babymord von Brieskow-Finkenheerd. Während die Öffentlichkeit Schönbohm ob dieser Meinung heftig angriff, sprang ihm der niedersächsische Kriminologe Christian Pfeiffer zur Seite: Ja, im Osten bestehe heute für Kinder tatsächlich ein bis zu dreimal höheres Risiko als im Westen, von ihrer Mutter getötet zu werden. Ein Expertenstreit setzte ein.
Die von der ZEIT befragten Kriminologie-Professoren Hans-Jürgen Kerner aus Tübingen und Thomas Feltes aus Bochum meldeten Zweifel an Pfeiffers Aussage an. Doch nun präsentiert Pfeiffer eine neue, der ZEIT vorliegende Statistik, die seine Ansicht untermauert: In den ostdeutschen Bundesländern kommen prozentual deutlich mehr Kinder im Alter unter sechs Jahren durch Mord oder Totschlag ums Leben als im Westen. Die Statistik für die Jahre 1995 bis 2004 weist im Westen durchschnittlich 1,08 Totschlagsopfer unter sechs Jahren pro 100 000 Einwohner dieser Altersgruppe aus, im Osten liegt die Zahl fast dreimal so hoch, bei 2,9. Bei Mordfällen an Kindern unter sechs Jahren liegt die Durchschnittsquote der Jahre 1995 bis 2004 bei 0,46 im Westen und bei 0,72 je 100 000 Kinder unter sechs Jahren im Osten, also auch hier deutlich höher. Noch dramatischer fallen die Unterschiede in der Statistik aus, wenn man ausschließlich die Situation vor zehn Jahren, also 1995, betrachtet: Damals standen 0,47 Mordopfer je 100 000 Kinder unter sechs Jahren im Westen 1,36 Opfern im Osten gegenüber.
Der Expertenstreit geht nun in eine neue Runde. Ein Pfeiffer-Kollege bekundete bereits leicht vergrätzt, der frühere niedersächsische Justizminister habe die Daten seiner Erhebung wohl »exklusiv« vom Bundeskriminalamt zur Verfügung gestellt bekommen. Pfeiffer wiederum will seine Zahlen nicht als unkritische Unterstützung von Schönbohms Thesen verstanden wissen.
So oder so, Ost-West-Unterschiede gibt es auch bei der Reaktion von Menschen auf Gewalt in ihrer Umgebung. Die Bochumer Erziehungswissenschaftlerin Sabine Gries stellte in einer 2001 veröffentlichten Studie fest: Bei massiver körperlicher Gewalt gegen Kinder herrschte in der DDR eine Kultur des Wegsehens. Grund sei die staatliche Haltung gewesen, so etwas tue ein »sozialistischer Mensch« nicht, Kindesmisshandlung gebe es nur im kapitalistischen Westen. Das Resultat laut Gries: »Der Kinderschutz in der DDR befand sich auf dem Niveau des 19. Jahrhunderts.« Statt die Jüngsten in der Gesellschaft zu schützen, verging sich der Staat sogar selbst an ihnen – in den offiziell als Besserungsanstalten konzipierten Jugendwerkhöfen. 32 existierten zuletzt auf dem DDR-Staatsgebiet.
Im einzigen Prozess gegen die Schinder von einst – vor dem Landgericht Chemnitz im Jahr 2000 – kam ans Licht, welche Hölle die Werkhöfe mitunter waren. Über Jahre hinweg hatten die staatlichen Jugendfürsorger Kinder ausgepeitscht, seelisch erniedrigt und sexuell missbraucht. Doch bis zum letzten Tag der DDR war das Strafregime in der Öffentlichkeit ein Tabu. Für die Mehrheit der Ostdeutschen galt die Devise: wegschauen, ignorieren, nur nichts damit zu tun haben. Dabei war Kindesmisshandlung auch nach DDR-Recht eine Straftat, niemand hätte also bei einer Anzeige als Systemkritiker belangt werden können.
Es ist wohl nicht vermessen zu behaupten, dass diese Geisteshaltung des Wegsehens auch heute noch nachwirkt. Die Ostberliner Psychoanalytikerin Annette Simon beklagte in einem im Jahr 2000 erschienenen Essay, im Osten habe nie ein Prozess wie der westliche Aufbruch von 1968 stattgefunden, ein Infragstellen von Autoritäten, Institutionen und gesellschaftlichen Verhältnissen. Ostdeutsche hätten nie gelernt, sich bei Problemen einzubringen und durch Mitwirkung die Gesellschaft zu verändern. »Sie vertragen keine Konflikte und keinen Streit. Und bei Kritik sind sie unheimlich schnell beleidigt.«
- Datum 11.08.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 11.08.2005 Nr.33
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