Die Jugend gibt Anlass zur Sorge. Das ist nichts Neues. "Die Jugend von heute" war immer schon ein Codewort für alles, womit die Nachwachsenden den Erwachsenen Verdruss bereiten. Neu ist freilich, worüber die Jugendforscher seit einigen Jahren die Stirn in Falten legen. Man spricht von einer "beunruhigenden Normalisierung". Die Jugend ist ihren professionellen Beobachtern nicht mehr zu rebellisch, sondern zu angepasst.

Nirgends ist die Ambivalenz dieses Wertewandels besser getroffen worden als in einem wunderbar ironischen TV-Spot der Bausparkasse LBS. Da sitzen Lena und ihr Papa vor ihrem Wohnwagen in der Wohnwagensiedlung. Lena: "Ich kenn da ein Mädchen aus meiner Klasse, und der Vater von der, der hat ein eigenes Haus, wo jeder sein eigenes Zimmer hat." – "Das sind doch Spießer", antwortet der etwa 40-jährige Vater. Lena setzt nach: "Und Bernd hat eine Wohnung auf dem Dach, von wo aus man die ganze Stadt sehen kann." Der Vater mürrisch: "Auch Spießer." Darauf Lena: "Papa, wenn ich groß bin, dann will ich auch mal Spießer werden."

Die Polemik gegen den Spießer, eine Lieblingsbeschäftigung früherer Gegenkulturen, ist sinnlos geworden, weil Abweichung die neue Normalität ist. Die Jugendforschung aber blickt voller Nostalgie auf eine Zeit zurück, als jugendliche Subkulturen noch eine Herausforderung für den Mainstream waren. Je nachdem, wie man zur etablierten Ordnung stand, konnte man dies als willkommene Subversion eines erstarrten Spießertums feiern – oder sich sorgen, ob die jungen Leute aus der Hippie- oder Punk-Szene wohl jemals den Weg in die Normalität des Erwachsenenlebens finden würden.

Was aber, wenn die Zugehörigkeit zu einer Jugendkultur selbst als normal gilt, während umgekehrt die "Normalos" zur erklärungsbedürftigen Randerscheinung werden? So sieht heute mancher kritische Jugendsoziologe die Lage: Wo einst die aufsässige Subkultur die angepasste Mehrheit provozierte, fließe heute der träge Strom eines zunehmend unübersichtlichen "Mainstreams der Minderheiten". Jugendkulturen, heißt es, werden heute unmittelbar kulturindustriell verwertet, wenn sie nicht ohnehin schon von Marketingabteilungen erfunden worden sind. Sie seien, kurz gesagt, Teil des Systems geworden. Ihre vielen feinen Unterscheidungen bedeuteten daher eigentlich nichts mehr. Der "jahrzehntelange jugendliche Innovationsschub", so etwa der Leipziger Soziologe Dieter Rink, "scheint zumindest vorerst erlahmt zu sein."

So gesellt sich nun also zu der demografischen Sorge, dass die alternde Gesellschaft viel zu wenig Jugendliche hat, auch noch die Beklemmung darüber, dass die Jugend nicht rebellisch genug ist, der Gesellschaft als "Kraftspender wider Willen" (Rink) die nötige Innovation zu verpassen. Nur am äußersten rechten Rand gibt es noch eine geschlossene, hoch politisierte Jugendszene, die aber ihrerseits Grund zur Sorge ist.

Das verbreitete Urteil über eine weitgehend entpolitisierte Jugend kann sich auf die Daten der letzten fünf Shell-Studien stützen. Demnach ist der Anteil der Jugendlichen, die sich als "politisch interessiert" bezeichnen, über 20 Jahre hinweg kontinuiertlich gesunken – von 55 Prozent im Jahr 1984 auf 34 Prozent im Jahr 2002.

Doch der Berliner Jugendforscher Klaus Farin, Gründer und Leiter des Archivs der Jugendkulturen, hält solche Zahlen für sehr deutungsbedürftig. Eine Kollegin, erzählt er, habe einmal für die Shell-Studie ein "absolut nicht engagiertes" Mädchen porträtiert. Wenig später traf sie die 17-Jährige bei einer Demonstration und stellte sie zur Rede. "Es stellte sich heraus", so Farin, "dass das Mädchen regelmäßig an antirassistischen Demonstrationen teilnahm, weil sie diese als spannende Events sah und dort viele ihrer Freunde treffen konnte." Als "politisches Engagement" habe sie das nicht gesehen und so die Frage nach ihrem politischen Interesse "rundweg verneint".